Im Windschatten des Krieges

15. August 2012

23.-29. Juli 2012, Gorno-Badakhshan (Tadschikistan). – Es sollte eine Rückkehr werden, eine Rückkehr nach Khorog, in die Heimat von einst. Langsam windet sich der Bus die Serpentinen abwärts und lässt die schroffe, lebensfeindliche Hochwüste des Ost-Pamir hinter sich. Das rauschende Wasser des Pamir-Flusses verheißt Leben, in den kleinen Seitentälern tauchen die ersten Bäume auf, drüben auf afghanischer Seite ziehen sich an den Berghängen kleine Bewässerungskanäle entlang. Dann eröffnet sich der Blick auf den Wakhan-Korridor unter uns, durch den der Grenzfluss Pjandsch fließt und in dem das saftige Grün der Auwälder eine neue Welt verheißt, eine Welt voller Flussoasen und belebter Dörfern. weiter…

Festkonzert der Trillerpfeifen

4. März 2012

tashkent531. August / 1. September 2011, Tashkent (Usbekistan). - Hier muss es passiert sein. Erhaben und verstörend, öffentlich und rätselhaft zugleich. Eine riesige Tribüne ist aufgebaut, Tausende von farbigen Plastiksitzen reihen sich rund um die Arena, auf ihnen müssen sie stundenlang ausgeharrt haben. Sie – Täter oder Opfer, oder doch nur Zeugen? „Hat das Fest gestern hier stattgefunden?“ Der Polizist am Tor nickt bestätigend, er ist fast noch ein Kind, tut nur seine Pflicht. Nichts erinnert an die Ereignisse des Vorabends, die Tontechnik ist ebenso abgebaut wie die Fernsehkameras und der Bühnenschmuck. weiter…

Rache für Port Said

3. Februar 2012

2012-02-03_downtown_cairo143. Februar 2012. – Sie sind zurück in Kairos Straßenbild gekehrt, die Gasmasken und Taucherbrillen, die mit milchiger Flüssigkeit verschmierten Gesichter und die Krankenwagen. Ein gutes Dutzend von ihnen steht auf dem Falaki-Platz im Zentrum von Kairo und wartet auf die Verletzten. Die Luft ist von Sirenengeheul erfüllt, dessen Häufigkeit die Intensität der Straßenkämpfe anzeigt, die unweit des Platzes toben. Wellenartig schwillt sie an und ebbt dann wieder für einige Minuten oder auch Stunden ab. Am Vormittag hat es eine längere Phase der Ruhe gegeben, doch jetzt am Nachmittag werden immer wieder junge Männer angeschleppt, die zu viel Tränengas eingeatmet haben. weiter…

Revolution und kein Ende

26. Januar 2012

2012-01-25_anniversary_revolution0725. Januar 2012. – „Die Revolution geht weiter“. Dieses Graffitto auf einer Verkehrsinsel empfängt all jene, die aus der Richtung des Ägyptischen Museums auf den Tahrir-Platz in Kairo strömen. Sie wollen den ersten Jahrestag jener Revolution feiern, die im Januar und Februar 2011 Millionen von Ägyptern auf die Straße gebracht und zum Sturz des damaligen, autoritär regierenden Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak geführt hat. weiter…

Freiheit des Wortes, Freiheit der Kunst

23. Januar 2012

21. Januar 2012. – „Shebabik“ steht über den Eingang geschrieben, auf deutsch „Fenster“. Es ist eines der ersten privaten Kulturzentren in Kairo, gelegen in einem Viertel im Osten der Stadt, in dem die Mittel- und Oberschicht zu Hause ist. Das dreistöckige Haus ist frisch renoviert; die ockerfarbene Fassade ist noch nicht von Wüstenstaub bedeckt wie alle anderen Gebäude in Kairo. Zur Eröffnung ist die liberale Intelligenzija der ägyptischen Hauptstadt gekommen, bekannte Schriftsteller und Dichter ebenso wie junge Musiker und Filmemacher, Maler und Journalisten. „Bei solchen Gelegenheiten trifft man immer die gleichen Leute“, meint einer von ihnen, und tatsächlich scheint unter den Teilnehmern der Eröffnungsfeier fast jeder jeden zu kennen. weiter…

Die Stunde der Wahrheit naht

20. Januar 2012

2012-01-20_tahrir220. Januar 2012. – Immer wieder sieht man die Zahl „25“ im Straßenbild von Kairo, auf Aufklebern und Plakaten, auf Bannern und Titelseiten von Zeitungen. Der 25. Januar ist zum Symbol für die ägyptische Revolution geworden, die 2011 mit der Besetzung des Tahrir-Platzes im Zentrum von Kairo an eben diesem Tag begann und nach zweieinhalb Wochen mit dem Rücktritt des damaligen Präsidenten Hosni Mubarak endete. Nun rückt der Jahrestag dieses 25. Januar immer näher. Er könnte die Stunde der Wahrheit werden. Viele in der liberalen Jugendbewegung, die damals die Proteste angeführt hat, sehen ihn als letzte Chance an, die Revolution zu retten. weiter…

Alexandrinisches Spiegelbild der Revolution

7. Januar 2012

library-alexandria44. Dezember 2011. – Überall auf dem Platz hängen Plakate. „Die ägyptische Revolution geht hier weiter“, steht auf einem von ihnen geschrieben. Doch dies ist nicht der Tahrir-Platz in Kairo, dies ist der Platz vor der Bibliothek von Alexandria, der zweitgrößten Stadt des Landes. Sie gehören zu den bedeutendsten Kultureinrichtungen Ägyptens, und gerade wird hier eine Auseinandersetzung ausgetragen, die sich vordergründig darum dreht, wer in Zukunft die Geschicke der Bibliothek bestimmen soll, die aber zugleich ein Spiegelbild des revolutionären Ägyptens ist, in dem einerseits noch immer die alten Eliten an den Schalthebeln der Macht sitzen, und in dem sich andererseits die Zivilgesellschaft zu organisieren versucht. weiter…

Ratlosigkeit nach der Schlacht

21. Dezember 2011

2011-12-20_tahrir120. Dezember 2011. – Am Ende sind zehn Menschen tot, vielleicht auch ein paar mehr. Tausende wertvoller Bücher sind in Flammen aufgegangen. Aber niemand scheint zu verstehen, was in den vergangenen Tagen eigentlich passiert ist. Als der Tag graut an diesem nebligen Dienstagmorgen, sehen weite Teile des Tahrir-Platzes in Kairo aus wie ein Schlachtfeld. Die Straße ist übersät mit Pflastersteinen, während der Verkehr nur zögerlich wieder zu fließen beginnt. Auf den Rasenflächen vor dem monumentalen Verwaltungsgebäude, auf denen wochenlang Demonstranten in Zelten ausgeharrt haben, sind schwarze Brandflecken zu sehen. Die Straßen im Südosten des Platzes sind mit Mauern aus großen Betonblöcken verbarrikadiert. Zahllose Graffitti zieren die Wände der umliegenden Gebäude: „Fuck Police“ und „Fuck SCAF [Supreme Council of the Armed Forces – Militärrat]“. weiter…

Freie Wahlen im Schatten des Tahrir

29. November 2011

elections-28-november528. November 2011. – Tagelang haben Ägypten und die Welt auf den Tahrir-Platz im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt Kairo geblickt, auf dem die Demokratieaktivisten der Jugendbewegung für ein Ende der Militärherrschaft und eine schnelle Machtübergabe an eine Zivilregierung kämpften. Obwohl die Kämpfe inzwischen vorbei sind, ist der Platz noch immer besetzt. Doch die Proteste sind von den Titelseiten der Zeitungen verschwunden und die Reporter sind ausgeschwärmt in die Wahllokale Kairos. Dort soll heute, am ersten Tag der ersten freien Parlamentswahlen, jener Prozess des Aufbaus neuer politischer Institutionen beginnen, der mit einer Übergabe der Macht an eine demokratisch legitimierte Regierung enden soll. So sagen es die momentan herrschenden Generäle, und viele von denen, die heute zu den Wahlurnen strömen, scheinen es ihnen zu glauben. weiter…

Durchatmen nach der Schlacht

26. November 2011

tahrir-25-november0225. November 2011. – Vor drei Tagen noch zogen beißende Tränengaswolken über den Platz. Jetzt weht der Duft von Popcorn und Süßkartoffeln durch die Luft. Die Straßenschlachten der vergangenen Tage sind vorüber, an diesem Freitag wird wieder friedlich demonstriert. Erleichterung hat sich breitgemacht auf dem Tahrir-Platz in Kairo, es herrscht Volksfeststimmung, an Hunderten von Garküchen wird Essen verkauft und Tee ausgeschenkt, junge Männer stehen mit drei Farbbechern bereit, um den Besuchern ägyptische Flaggen auf die Wangen oder die Handrücken zu malen, und immer wieder werden Feuerwerksraketen in den Himmel geschossen. weiter…

Hunderttausend gegen den Feldmarschall

23. November 2011

tahrir-22-november1022. November 2011. – Der Tahrir-Platz ist voll. Voll wie nie zuvor seit Beginn der Proteste gegen den herrschenden Militärrat vor vier Tagen. Nach dreitägiger Besetzung des Platzes und blutigen Straßenkämpfen in einer Nebenstraße haben verschiedene oppositionelle Parteien und Gruppierungen für heute zum „Marsch der Millionen“ aufgerufen, um den Militärrat zu einer raschen Machtübergabe zu zwingen. weiter…

Vorzeichen eines Wendepunkts

22. November 2011

tahrir-21-november0521. November 2011. – Es ist Tag vier der Proteste auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos, und es wird nicht der letzte Tag gewesen sein. Nicht mehr Tausende von Menschen wie am Vortag haben sich am Abend versammelt. Es sind Zehntausende. „Morgen werden wir eine Million sein“, prophezeit einer der Demonstranten; verschiedene Parteien haben für den Folgetag zu einer neuen Großkundgebung aufgerufen, nachdem bei den Auseinandersetzungen mehr als 20 Menschen getötet worden sind. weiter…

Die Rückkehr der Revolution

20. November 2011

tahrir-19-20-november2320. November 2011. - Hier schlägt das Herz der Revolution. Mit der Besetzung des Tahrir-Platzes durch junge Demonstranten am 25. Januar 2011 begann jene Revolution, die nach knapp drei Wochen zum Rücktritt des damaligen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak führte. Seitdem hat es enorme symbolische Bedeutung, wer diesen Platz kontrolliert, und immer deutlicher wird, dass in dieser Nacht die Entscheidung darüber fallen wird. weiter…

Zurück auf dem Tahrir-Platz

19. November 2011

tahrir818. November 2011. - „Was willst du hier fotografieren? Dort drüben ist die Revolution!“ ruft der junge Mann und deutet zum Ende der Straßenschlucht. Dort ergießt sich über den Platz ein Menschenmeer. Die Menschen sind überall, zu Zehntausenden, auf der runden Verkehrsinsel in der Mitte ebenso wie auf dem darum herumführenden Kreisverkehr und den sternförmig in alle Richtungen führenden Straßen. Dutzende von Bühnen sind errichtet, große und kleine, von denen herab Reden gehalten werden. An Hunderten von Ständen werden Souvenirs, Getränke und Essen verkauft, und Tausende ägyptischer Flaggen werden geschwungen, Flaggen in Schwarz-Weiß-Rot und mit dem Schriftzug „Ich liebe Ägypten“. Der Tahrir-Platz in Kairo gehört wieder dem Volk, wie damals während der glorreichen Tage der Revolution. Doch es ist ein anderes Volk als damals. weiter…

Fest des Staates, Fest fürs Volk

2. Oktober 2011

farish-1August 2011. – Die Hauptstraße ist gesperrt. Vor einigen Kneipen sind Tische aufgebaut, und der Rauch von Schaschlik-Grills wabert durch die Luft. Menschen strömen dem Stadion entgegen, junge Männer in Jeans und T-Shirts, junge Mädchen in betont westlicher Kleidung, wohl aus chinesischer Produktion, manche von ihnen führen kleine Kinder an der Hand oder tragen Babys auf dem Arm. Ein paar Ältere sind auch dabei, doch die meisten von ihnen sind mit der Begründung zu Hause geblieben: „Das ist langweilig.“ weiter…

Das zerstörte Gold von Kashgar

16. Juli 2011

kashgar-2Juni 2011. – Weiße Schriftzeichen auf rotem Grund. Stolz behauptet das Banner, dies sei die „einzige historisch erhaltene Kulturstadt“ in Xinjiang, der Westprovinz Chinas. Dreißig Yuan – umgerechnet drei Euro – Eintritt muss zahlen, wer als Tourist die Gassen betreten will, die zwischen den alten Häusern aus Lehmziegeln hindurchführen. An ihren Türen hängen Metallplaketten, die sie als „Kulturhaushalt“ ausweisen, oder als „friedliche Familie“. weiter…

Der alte Traum von einer neuen Welt

17. März 2011

band_01November 2010. – Es gibt dort eine tiefe Narbe in der Landschaft. Die dunkelgrünen Flecken auf dem Satellitenbild verraten es, die sich deutlich von den hellen Farbtönen der Umgebung abheben. Vom Distrikt-Zentrum Farish aus führt eine Asphaltstraße durch die weite Ebene im Norden Usbekistans. Nur die hölzernen Strommasten auf beiden Seiten lassen erahnen, dass sie nicht im Nichts enden wird. Karg ist das Land am Straßenrand. Zu Zeiten der Sowjetunion ist es umgebrochen worden, um Regenfeldbau zu betreiben. Doch schon nach wenigen Jahren musste dieser wieder aufgegeben werden, weil weder die Bodenfruchtbarkeit noch das Wasser ausreichten. Seitdem hat sich das Land nie wieder von den Wunden erholt, die der sowjetische Pflug gerissen hat. Von den Sträuchern und Gräsern, die im Frühjahr in saftigem Grün gestanden haben, ist nur noch wenig geblieben, sie sind kahlgefressen von den riesigen Viehherden, die täglich über die Ebene ziehen, und ausgedörrt von der erbarmungslosen Sonne Usbekistans. weiter…

Die Perle Usbekistans

12. Februar 2011

samarkand-5Oktober 2010. – Auf frisch geteerten Schnellstraßen bahnen sich die Touristenbusse ihren Weg ins Zentrum von Samarkand. Die langen Geschäftszeilen am Straßenrand sind alle im immer gleichen Ockern-Farbton gehalten. Erst kürzlich sind sie errichtet worden, und leicht lässt sich erahnen, dass die chromblitzenden Treppengeländer und die sauber verputzten Fassaden nicht für die Ewigkeit gebaut sind. Hinter den meisten Glasfronten im Erdgeschoss herrscht noch gähnende Leere, und ein Einheimischer erzählt: „Das Zentrum von Samarkand ist in den letzten Jahren komplett umgestaltet worden. Das ist natürlich schön für die Touristen, aber für die Händler ist das ein Problem – ihre alten Läden sind einfach abgerissen worden, und für die Geschäfte, die an ihrer Stelle gebaut worden sind, müssen sie jetzt viel höhere Mieten zahlen.“ weiter…

Reichtum und Armut Afghanistans

15. Januar 2011

eshkashem01Juni 2010. – Die Straße auf tadschikischer Seite ist alt und voller Schlaglöcher, doch asphaltiert ist sie. Jenseits der Brücke von Eshkashem gibt es keinen Asphalt mehr, der Jeep muss sich auf einer Schotterpiste den Hang hochkämpfen. Dies ist Afghanistan, hier ist alles anders als auf der anderen, der tadschikischen Seite des Grenzflusses Pjandsch. Inmitten der schroffen Hochgebirgslandschaft des Pamir-Gebirges gibt es hier plötzlich viel fruchtbares Land, auf dem flachen Plateau wird jeder Quadratmeter landwirtschaftlich genutzt. Es ist ein Mosaik von grünen und gelben Felder und kleinen Baumgruppen, sorgfältig voneinander abgetrennt durch Bewässerungskanäle. weiter…

Die Zukunft Afghanistans

8. Januar 2011

Juni 2010. – „Seht ihr die Zelte dort drüben?“ Der tadschikische Fahrer zeigt hinüber zum anderen Ufer des Grenzflusses Pjandsch. Nur ein schmaler Eselspfad verbindet das abgelegene Dorf auf der afghanischen Seite mit der gebirgigen Außenwelt, und die drei kleinen Zelte am Flussufer wirken ärmlich und provisorisch. „Das ist die Schule des Ortes – ein großer Fortschritt. Früher haben die Afghanen in ländlichen Gebieten ihre Kinder überhaupt nicht zur Schule geschickt, weil das angeblich der Tradition und dem Koran widersprach. Aber das ändert sich jetzt langsam, die Zelte sind immerhin ein erster Anfang.“ weiter…

Der Teufelspakt von Bahorak

26. Juni 2010

„Das weiß niemand so richtig.“ Diesen Satz hört man in diesen Tagen häufig in der tadschikischen Provinz Gorno-Badakhshan. In fast jedem Smalltalk kommt das Gespräch irgendwann auf die Katastrophe im benachbarten Kirgisistan. Im Süden des Landes waren dort Mitte Juni ethnische Spannungen in einem blutigen Konflikt eskaliert. Nach offiziellen Zahlen soll es mindestens 214 Tote und 4.000 Verletzte gegeben haben. Mehr als 300.000 Menschen scheinen auf der Flucht gewesen zu sein, und die beiden Großstädte Osh und Jalalabad sind in weiten Teilen zerstört. weiter…

Am Persischen Golf

19. Juni 2010

bandar-abbas-1Leise plätschern die Wellen an den Strand. Irgendwo dort hinter dem Horizont liegen die Glitzermetropole Dubai und die Wüsten Arabiens, Afrika und das Kap der guten Hoffnung. Schon seit Jahrtausenden hat das Meer den Handel mit Waren und den Austausch von Ideen erleichtert. Es ist keine Seltenheit, dass Hafenstädte besonders dynamische und kosmopolitische Orte sind; in ihnen kommen die Wagemutigen und Weitgereisten mit den Seefahrern und Geschäftsleuten aus fernen Ländern zusammen. So ist es auch in Bandar Abbas, der bedeutendsten Hafenstadt des Iran, gelegen im Süden des Landes am Persischen Golf. weiter…

Bishkek ein Fanal? - Ein Kommentar

18. April 2010

Plötzlich ging alles ganz schnell. Noch vor wenigen Wochen hatten Fachzeitschriften analysiert, dass der kirgisische Präsident Kumanbek Bakijew zunehmend autoritär regiere, seine Macht ausbaue, kritische Stimmen mundtot mache und seinen Sohn als Nachfolger aufbaue. Als am 7. April 2010 die Nachricht um die Welt ging, dass in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek demonstriert und scharf geschossen werde, glaubte kaum jemand an eine erfolgreiche Revolution. Die Frage schien nur zu sein, ob die Regierung die Lage schnell wieder unter Kontrolle bekommen oder ob es lange andauernde Auseinandersetzungen geben würde. weiter…

Der Friedhof der Märtyrer

20. März 2010

cemetary-tehran-2Er ist der Stadtverwaltung von Teheran zwei U-Bahn-Stationen wert gewesen, der Friedhof im Süden der iranischen Hauptstadt. Dies ist das Heiligtum der Islamischen Republik, hier gedenkt sie ihrer Helden. Hier ist kein Raum für den Säkularisierungs- und Demokratisierungsdiskurs, der in den Straßen und Wohnungen von Teheran geführt wird. Hier artikulieren sich vielmehr in Reinform die ideologischen Grundlagen und das Geschichtsbild jenes Staates, der 1979 aus den Wirren nach dem Sturz des Schahs geboren wurde. Im Westen liegt der Schrein Ayatollah Khomeinis, des Gründers der Islamischen Republik, ein Monumentalkomplex aus Beton mit Kuppeln und Minaretten, über dem sich noch immer die Baukräne drehen, ein ewiges Provisorium, mit dem sich die Bauherren offensichtlich übernommen haben. Der riesige Raum mit dem eigentlichen Schrein ähnelt einer Messehalle, die nur notdürftig mit Teppichen ausgeschmückt ist; die Decke wird von einem verrosteten Stahlgerüst getragen, durch das dicke Lüftungsrohre führen. weiter…

Zweihundert Schritte nach Afghanistan

14. März 2010

afghan-bazaar-ishkashim-1„Unglaublich, was 70 Jahre Sowjetherrschaft ausmachen können. Von Afghanistan nach Tadschikistan zu kommen, das fühlt sich an wie ein Zeitsprung um 150 Jahre nach vorne.“ So hat ein europäischer Reisender einmal, überwältigt von den Segnungen der Sowjetmoderne, seiner Erleichterung beim Grenzübertritt Ausdruck verliehen. Die Provinzen diesseits und jenseits des Grenzflusses Pjandsch tragen den gleichen Namen: Badakhshan. Die Distriktzentren auf der tadschikischen und der afghanischen Seite heißen beide Ishkashim. Der ismailitischen Glaubensrichtung des Islam gehören sie hier und dort an, und nur im Detail unterscheiden sich die Sprachen – Tadschikisch und Dari – voneinander. weiter…

Ost und West

7. März 2010

persepolis-3Persepolis. Stadt der Perser. Zweieinhalb Jahrtausende ist es her, dass die persischen Großkönige von hier aus ein Weltreich regierten. Im Süden des Iran gelegen, ist es nicht nur die bedeutendste archäologische Stätte des Landes, sondern auch eine Art Nationalheiligtum, Zeugnis der einstigen Größe der persischen Zivilisation – und zugleich ihrer Schwäche. Das mächtige „Tor aller Länder“ am Eingang hat der Großkönig Xerxes I. um 500 v. Chr. bauen lassen. Zwei gewaltige Stiere mit bärtigen Männergesichtern bewachen den Zugang zur Residenzstadt, und auf dem Fundament hat das „Great Game“ des 19. Jahrhunderts seine Spuren hinterlassen. weiter…

Potemkin’sche Demokratie

28. Februar 2010

election-tjk-1Schon seit Wochen werben Banner über der Hauptstraße von Khorog, der Provinzhauptstadt von Gorno-Badakhshan, für die tadschikischen Parlamentswahlen am 28. Februar 2010. In den Dörfern haben sich Wahlkommissionen zu langen Vorbereitungssitzungen versammelt, und an einigen Geschäften hängen kleine Zettel im A4-Zettel mit dem Portraitfoto eines Kandidaten, seinem Lebenslauf und einigen allgemeinen Forderungen. weiter…

Der Reiz des Verbotenen

21. Februar 2010

surgeon-1Ein Hochhaus im Norden Teherans. Der junge Mann, der aus dem Aufzug tritt, trägt ein kleines weißes Pflaster auf der Nase. Es ist ein Statussymboln im Iran; jene jungen Leute, die sich eine plastische Operation leisten können, tragen dies stolz auf der Straße zur Schau. Die Praxis des Schönheitschirurgen befindet sich im siebten Stock, es ist eine von Hunderten, die es in Teheran geben soll. In dem sterilen Rezeptions- und Wartezimmer liegt ein dickes Fotoalbum auf dem Tisch zwischen den abgenutzten Sofas. Darin goldumrandete Seitenportraits vor und nach der Nasenoperation; die Frauen tragen kein Kopftuch, aber dafür dickes Makeup. Desweiteren sind auf dem Tisch verschiedene Zeitschriften ausgebreitet, auch einige englischsprachige Titel. Beim Blättern bleibt der Blick an einer Werbung für Rolex-Uhren hängen. Die Frau mit den langen roten Haaren scheint nur einen BH zu tragen; die Schultern jedenfalls sind unbedeckt, und damit ist die Grenze dessen überschritten, was der Religionspolizei noch vermittelbar ist. Fein säuberlich ist die Haut mit schwarzem Filzstift übermalt, sodass nur das geschminkte Gesicht und das Handgelenk mit der Golduhr sichtbar sind. weiter…

Die Leiden der Schia

14. Februar 2010

aschura-esfahan-1Der Schütze zögert. Er spannt den Bogen, doch dann lässt er ihn wieder sinken und dreht sich um zu dem Schatten hinter ihm. Die linke Seite der Bühne ist in Rot getaucht, die Farbe des Blutes. Die Schatten auf der anderen Seite dagegen bewegen sich hinter einem Vorhang in Grün, der Farbe des aufrechten Islam. Ein Mann trägt ein Baby auf dem Arm, er ist unbewaffnet und ahnt nichts von der Gefahr. Derweil hat auf der linken Seite der Befehlshaber ein Zeichen gegeben, und der Schütze überwindet seine Skrupel. Er hebt den Bogen, spannt ihn, und dann bohrt sich der Pfeil in den kleinen Kopf des Babys, des Sohnes von Imam Hossein. weiter…

Die andere Seite der Bombe – ein Kommentar

9. Februar 2010

Der Westen steht vor einem Dilemma, denn iranische Innen- und Außenpolitik vermengen sich in diesen Tagen zu einem explosiven Gemisch. In Teheran wankt nicht nur die Regierung Ahmadinedschad, sondern auch unter den Grundfesten des theokratischen Systems tickt eine Zeitbombe. Zugleich ordnet der Präsident die Anreicherung von Uran im eigenen Land an. Ist es Zufall, dass er dies nur wenige Wochen nach den blutigen Straßenschlachten von Aschura tut und nur wenige Tage vor dem Jahrestag der Islamischen Revolution, für den neue Auseinandersetzungen zwischen den Bürgern Teherans und den Sicherheitskräften erwartet werden? weiter…

Der Appeal der Freiheit

6. Februar 2010

esfahan-imam-square-4„Freiheit im Iran?“ Der junge Mann mit dem langen Haarzopf lacht spöttisch auf. „Wir können hier nicht einmal frei unsere Meinung sagen, und sexuelle Freiheit ist erst recht unvorstellbar.“ Er lehnt an einem Laternenmast und überblickt den Imam-Platz von Esfahan, wo sich die Gläubigen der Millionenstadt gerade zum Freitagsgebet versammeln. Die Männer strömen auf der Westseite der Imam-Moschee zusammen, die Frauen versammeln sich auf der Ostseite. „Merkst du, dass jetzt nur noch religiös gekleidete Menschen unterwegs sind?“ fragt er. „Normalerweise bleiben sie verborgen, nur am Freitag kommen sie immer zum Vorschein.“ weiter…

Die Kinder Afghanistans auf der Suche nach dem gelobten Land

30. Januar 2010

„Sie sind starke Männer, und sie brauchen nicht viel zu essen. Deshalb sind sie ganz ausgezeichnete Bauarbeiter, ich habe wirklich Respekt vor ihnen.“ Um die afghanischen Flüchtlinge im Iran geht es bei diesem Gespräch in einem Restaurant in Esfahan. Die Thesen, die der – nicht ungebildete – Iraner vertritt, sind nicht ohne Überheblichkeit und Rassismus, doch untypisch sind sie nicht.

Ein bis zwei Millionen Afghanen leben im Iran, sie bilden dort die weitaus größte Einwanderergruppe. In den Büros der Ausländerpolizei füllen sie die Wartezimmer. „Wir müssen unsere Aufenthaltsgenehmigungen jedes halbe Jahr verlängern lassen“, erzählt einer von ihnen, „und dabei jedes Mal 100 US-Dollar zahlen.“ Das ist viel für die Afghanen, von denen die meisten tatsächlich auf dem Bau arbeiten und der Unterschicht angehören. weiter…

Das Triumvirat der Diktatoren

26. Januar 2010

iran-flags-1Teheran, U-Bahn-Station Talequani. Hier steht sie auf Beton gemalt – die unversöhnliche, die ewige Feindschaft des Iran mit Amerika: „Down with USA“. Hinter der Mauer verbirgt sich die einstige amerikanische Botschaft im Iran. Von hier aus wurde der 1953 der Putsch gegen den demokratisch gewählten Premierminister Mossadegh organisiert, der eine Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie durchgesetzt hatte. 1979 spielte sich hier die dramatische Geiselnahme von amerikanischen Botschaftsangehörigen ab, welche die Vereinigten Staaten mehr als ein Jahr lang in Atem hielt. Heute bietet dieser Ort ein Panorama der ideogischen Grundlagen der Islamischen Republik: eine Freiheitsstatue mit Totenkopf-Gesicht, Zeichnungen von Soldaten im Irakisch-Iranischen Krieges der 1980er Jahre, und ein Sammelsurium von anti-amerikanischen Zitaten der großen Mäner der Islamischen Revolution. weiter…

Weihnachten im Land der Mullahs

23. Januar 2010

christmas-esfahan-1Von außen wirkt die Mauer unscheinbar, nur ein Schild mit der französischen Aufschrift „Église catholique“ deutet darauf hin, dass sich dahinter die katholische Kirche von Esfahan verbirgt. Will man den unscheinbaren, zweistöckigen Backsteinbau erreichen, muss man eine Toreinfahrt durchschreiten und einen Innenhof durchqueren. Dort lassen nur eine kleine Marienstatue und das mit elektrischen Leuchtkerzen in den Strauch gemalte „Merry Christmas“ erahnen, dass dieser Mikrokosmos anders ist als der Rest des Iran, wo der Staat sich unter Berufung auf die Religion tief ins Privatleben der muslimischen Mehrheitsbevölkerung einmischt. weiter…

Tanz in den Westen

19. Januar 2010

Ein Bus fährt durch die Wüste, während die Abendsonne hinter den Wolken über dem Horizont verschwindet und die Silversternacht 2009 herannaht. Es ist einer jener bunten und windschnittigen Mahmooly-Busse mit riesigen Fensterscheiben, die in den 1960er Jahren die Straßen des Iran und die Herzen der Iraner erobert haben. Die älteren seiner Passagiere, die allesamt aus der Hauptstadt Teheran kommen, dürften in ihrer Jugend noch den Iran vor der Islamischen Revolution von 1979 erlebt haben, Nächte in Diskotheken durchtanzend und Haarmoden ohne Kopftuch tragend. Die jüngeren von ihnen gehören jener Generation an, die gerade mit stürmischem Idealismus die Rückehr zu den Freiheiten von damals fordert. weiter…

Das Fanal von Aschura

19. Januar 2010

Aschura-Fest in Esfahan (27.12.2009)

Aschura-Fest, Esfahan (27.12.2009)

Die Rollen sind klar verteilt, und die Farben sind aus den Theaterstücken bekannt, die jedes Jahr zu Hunderten aufgeführt werden: Die unschuldig gefolterten und getöteten Kinder Imam Hosseins tragen Grün, die Farbe des Islam, während die Soldaten des Kalifen, die Folterknechte und Mörder, in rote oder gelbe Gewänder und Kettenhemden gekleidet sind. An Seilen zerren sie die Kinder hinter sich her und stoßen sie in den Staub, treten sie mit Füßen und schwingen ihre Peitschen. Die Szene ist Teil einer Prozession, die über den Imam-Platz in Esfahan, die architektonische Perle Persiens, in eine riesige Moschee zieht. Es ist der Tag von Aschura, einer der höchsten schiitischen Feiertage, heute wird des Martyriums von Imam Hossein und seiner Familie gedacht. Hossein war aus der Sicht der Schiiten der legitime Nachfolger des Propheten Mohammad und wurde im Jahre 680 christlicher Zeitrechnung von Anhängern des Kalifen getötet. Jedes Jahr an Aschura wird die Erinnerung an diese Ereignisse in unzähligen Prozessionen und Zeremonien wachgerufen, und mit symbolischer Selbstkasteiung und Tränenausbrüchen durchleiden die Schiiten die Schmerzen ihres Imam von Neuem. weiter…

Die Zukunft ihres Landes

19. Januar 2010

Teheran ist eine Stadt mit zwei Gesichtern. Die U-Bahn-Linie mit der Nummer 1 beginnt am südlichen Stadtrand, an dem gigantischen Monumentalkomplex, den die Islamische Republik rund um das Grab ihres Gründers, Ayatollah Khomeini, errichtet hat. Von dort aus führt sie durch die Satellitenstädte im Süden der 14-Millionen-Metropole, durch ein Meer aus alten Wohnblocks und Mietskasernen mit bröckelnden Fassaden und vielspurigen Stadtautobahnen. Hier leben jene Teheraner, die sich keine teureren Wohnungen leisten können und tendenziell konservativ wählen. Doch die Strahlkraft Ayatollah Khomeinis lässt nach, je weiter die U-Bahn in Richtung Norden fährt, durch das Zentrum mit seinen großen Universitäten, den Keimzellen des kritischen Geistes, und in die Viertel am Fuß der schneebedeckten Berge, wo das Klima im Sommer angenehm frisch ist und die wohlhabenden Iraner in modernen Appartmenthäusern und schicken Villen wohnen. weiter…

Déjà-vu in der Stadt der Mullahs

19. Januar 2010

qom-1Er ist das Wahrzeichen Teherans, der Turm der Freiheit. Hier fanden 1978 einige der großen Demonstrationen statt, die zum Sturz des letzten persischen Shah führten und die Mullahs an die Macht spülten. Eine breite Treppe neben dem östlichen Turmbogen führt in das unterirdische Museum, in dem die Islamische Republik sich selbst feiert. Hier stellt sich der iranische Staat so dar, wie er sich selbst sieht und wie er gesehen werden will. Die Gestaltung eines kleinen Raums ist ganz darauf ausgerichtet, die Islamische Revolution von 1979 mit der persischen Tradition gleichzusetzen, sie geradezu als Gipfelpunkt persischer Geschichte darzustellen. Zwei Videobildschirme suggerieren einen scharfen Kontrast: Hier die Trägheit und elitäre Abgehobenheit des Hofzeremoniells unter dem letzten Shah, dort die rasante Dynamik und Zukunftsgewandtheit der Massendemonstrationen in den Straßen. weiter…

Im Sanatorium, oder: Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg

15. Januar 2010

jelondi-01Die Welt ist in sanftes Weiß getaucht, das Weiß der Unschuld. Der Schnee hat die Straße verweht, eine der Lebensadern des Pamir-Gebirges, die sich ein paar Kilometer weiter auf 4200 Höhenmeter hochschrauben wird. Er hat sich auf die Maschinenhülsen gelegt, die von dem einstigen Asphaltwerk geblieben sind. Es bedeckt die Ruinen der Tankstelle, an der das Leben pulsierte, als die Sowjetunion noch in ihrer Blüte stand. weiter…

Zwischen den Extremen

15. Januar 2010

murgab-china-1Dem MP3-Player setzt die Kälte sichtlich zu, sein Display reagiert nur noch langsam, wenn einer der Knöpfe gedrückt wird. Tagsüber hat das Thermometer fast minus 20 Grad angezeigt, und jetzt in der Nacht ist die Temperatur noch weiter gesunken. Das zerklüftete Hochplateau ist von weißem Schnee bedeckt und von hellem Mondlicht beschienen. Man kann sich einmal um sich selbst drehen, und noch einmal, und immer weiter, aber der von keinem Baum und keinem Strauch begrenzte Ausblick bleibt immer der gleiche: Unendlich weit scheint die Ebene zu sein, und doch ist sie auf allen Seiten von hohen Bergen umgeben. Der Ort vermittelt ein Gefühl von Freiheit und Enge zugleich; man könnte in jede beliebige Richtung loslaufen, kilometerweit, und stieße irgendwann doch auf unüberwindliche Bergketten. Nur drei einsame, wenig befahrene Straßen führen heraus aus dieser kargen Landschaft aus Stein und Schnee: Im Westen liegen die Täler des tadschikischen Pamir-Gebirges, im Norden die Ebenen Kirgisistans und im Osten die Wüsten Chinas. weiter…