Hunderttausend gegen den Feldmarschall

tahrir-22-november1022. November 2011. – Der Tahrir-Platz ist voll. Voll wie nie zuvor seit Beginn der Proteste gegen den herrschenden Militärrat vor vier Tagen. Nach dreitägiger Besetzung des Platzes und blutigen Straßenkämpfen in einer Nebenstraße haben verschiedene oppositionelle Parteien und Gruppierungen für heute zum „Marsch der Millionen“ aufgerufen, um den Militärrat zu einer raschen Machtübergabe zu zwingen.

Eine Million ist es nicht, aber am Abend sind auf dem Platz ähnlich viele Menschen unterwegs wie während der friedlichen Großdemonstration vor vier Tagen, es sind etliche Zehntausend. Dabei ist die Fluktuation hoch, aus allen Richtungen strömen Menschen zum Platz, während andere ihn wieder verlassen, und so dürften im Lauf des Nachmittags und Abends mehr als hunderttausend Menschen auf dem Platz gewesen sein.

Nicht wenige Männer mit Bärten sind zu sehen, offenkundig Anhänger religiöser Parteien, und oft sind sie in hitzige Diskussionen verwickelt. Doch der Platz wird ganz klar dominiert von jenen jungen Ägyptern, die schon im Januar und Februar für Demokratie und Freiheit gekämpft haben. Damals vertrauten sie nach dem Rücktritt des damaligen Präsidenten Husni Mubarak die Revolution dem Militär an, aber längst hat sich bei ihnen die Überzeugung durchgesetzt, dass dieses ihr Vertrauen missbraucht habe, und jetzt versuchen sie, sich „ihre“ Revolution zurückzuholen.

Nach einem Krisengespräch mit den politischen Parteien hat der Vorsitzende des Militärrates, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, vor wenigen Stunden in einer Ansprache verkündet, dass das Militär die Präsidentenwahlen auf Mitte 2012 vorziehen und die Macht dann vollständig übergeben werde. Noch auf der Großdemonstration am Freitag ist das die Schlüsselforderung der meisten Parteien gewesen, doch die Demonstranten, die jetzt auf dem Tahrir-Platz ausharren, kann er damit nicht mehr beeindrucken, sie fordern weiterhin seinen sofortigen Rücktritt. Ein junger Mann, der auf einer der Zufahrtsstraßen die Ausweise der Demonstranten kontrolliert, sagt es mit aller Deutlichkeit: „Wir werden die Ansprache Tantawis ignorieren. Wir wollen, dass das Militär in seine Kasernen zurückkehrt. Wir wollen eine neue Regierung, eine zivile Regierung – und zwar jetzt. Wir können unser Land selbst regieren.“

So richten sich alle darauf ein, dass sowohl die friedlichen Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz als auch die Straßenkämpfe weitergehen werden. Auf der Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes werden überall Zeltheringe in den Boden gehämmert und neue Banner gemalt, und die Geschäftsleute auf dem Platz haben in große Kartons voller Gasmasken investiert im Vertrauen darauf, diese weiterverkaufen zu können. Mehr Menschen als an den vergangenen Abenden scheinen in die Straßenkämpfe involviert zu sein, doch deren Intensität scheint abgenommen zu haben, zumindest werden deutlich weniger Verwundete über den Platz geschleppt oder in Krankenwagen davongefahren als am Vortag.

Die Stimmung auf dem Platz ist voller gespannter Erwartung. Es ist zu spüren, dass viele übermüdet sind und am liebsten gleich den Rücktritt Tantawis feiern und dann nach Hause gehen würden. Mindestens zweimal bricht im Lauf des Abends punktuell Panik aus, als eine Tränengaswolke über den Platz zieht und viele in Richtung Norden zu fliehen beginnen. Dort stehen bereits Helfer mit Sprühflaschen bereit, aus denen die den Zurückweichenden eine milchige Flüssigkeit in die Augen träufeln, die das Tränengas teilweise neutralisieren soll. Dieses ist deutlich aggressiver als das vor drei Tagen verwendete, es ist nicht nur unsichtbar, sondern scheint auch über größere Distanzen und mit Zeitverzögern zu wirken; selbst bei nur entferntem Kontakt brennen die Augen minutenlang und beginnt der Kopf zu schmerzen.

Doch kurz nach jeder Tränengasattacke auf den Platz beginnen junge Leute wieder trotzig den Schlachtruf „Das Volk will den Rücktritt des Feldmarschalls [Tantawi]!“ anzustimmen. Und selbst gegen Mitternacht harren noch mehr als zehntausend Menschen auf dem Platz aus, derweil das Gerücht die Runde macht, dass an einer der Einlasskontrollen ein Mann festgenommen worden sei, der zwei Schusswaffen bei sich gehabt habe.

So bleibt die Lage unübersichtlich und explosiv, alle Seiten taktieren und keiner scheint wirklich zu wissen, wie es weiter gehen soll. In den Ohren der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz muss Tantawis Ansprache wie ein halbherziger Beschwichtigungsversuch klingen, weil sie vor allem aus symbolischen Versprechen bestand und in ihr weder von Sofortmaßnahmen noch von strukturellen Reformen zur Begrenzung der Macht des Militärs die Rede war. Doch es ist möglich, dass es dem Militärrat gelingt, damit die breite Mehrheit der Bevölkerung zu ködern, die sich wohl vor allem nach Ruhe und Stabilität sehnt, und diese gegen die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz aufzubringen. Unklar ist auch, welche Taktik die Muslimbruderschaft verfolgt, die bestorganisierte Oppositionspartei. Sie hat den heutigen „Marsch der Millionen“ offiziell nicht unterstützt und stattdessen mit dem Militärrat verhandelt, wohl weil sie auf einen Sieg bei den Parlamentswahlen am 28. November und bei den Präsidentenwahlen im kommenden Jahr spekuliert und bei einer sofortigen Machtübergabe an eine Zivilregierung nur verlieren könnte. Wird es ihr aber bei diesen Wahlen eher nutzen oder schaden, dass sie sich aus der Revolution ausgeklinkt hat?

Letztendlich liegt die Verantwortung für die weitere Entwicklung jedoch bei der Militärführung. Sie hat in den vergangenen Wochen zwei fatale Fehler gemacht, zuerst mit der Vorlage von Verfassungsprinzipien, die allzu offensichtlich darauf ausgelegt waren, das Militär dauerhaft der zivilen Kontrolle zu entziehen, und dann mit dem Versuch, den Tahrir-Platz gewaltsam räumen zu lassen. Damit hat es das Vertrauen weiter Teile der Bevölkerung verspielt, es ist nicht mehr Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Und so stellt sich ganz objektiv die Frage, warum dieses Militär besser geeignet sein sollte, eine Übergangsregierung zu kontrollieren und einen Demokratisierungsprozess zu organisieren, als ein überparteiliches Gremium von Zivilisten.

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