Hochzeit im Pamir

hochzeit-1„Wer von den Jungs ist denn eigentlich der Bräutigam?“ ist eine der Fragen, welche die Ausländer den einheimischen Gästen stellen. Vom Äußeren her hebt er sich tatsächlich nicht von den übrigen Anwesenden ab, der junge bärtige Mann in Jeans und einer schwarzen Trainingsjacke, der morgen heiraten wird. Ebenso wenig der Gastgeber der heutigen Feier, der Vater des Bräutigams, der kaum aktiv in Erscheinung tritt. Mit seinem Wollpullover über dem karierten Hemd und dem braunen Hut auf dem Kopf erinnert wenig an ihm an den hochrangigen Beamten, der er tatsächlich ist.

Anfangs sind wir zu siebt alleine in dem Festsaal. Das typische Haus im Pamir-Gebirge besteht aus nur einem großen Raum mit einer freien Fläche in der Mitte und Holzpodesten darum herum, die teilweise stufenförmig ansteigen. Auf diesen Holzpodesten ist die Tischdecke ausgebreitet, darauf Fladenbrot, Obst, süßes Gebäck, Nussteller, Salate, Schüsseln mit Kefir – einem yoghurtähnlichen Getränk – und Flaschen mit Softdrinks. Wir sitzen auf länglichen Matratzen rund um die Tischdecke herum und schlürfen unseren Kefir, als die übrigen Gäste durch die Tür hereinströmen, über welcher der ausgestopfte Kopf eines Marco-Polo-Schafs hängt: Männer teils im Anzug, teils mit T-Shirt und Schirmmütze, Frauen oft mit bunten Kopftüchern. Sie alle nehmen zielstrebig ihre Plätze ein, die Männer hocken rund um die Tischdecke, die meisten der Frauen sitzen in einer Reihe auf dem Holzpodest, und für jene, die keinen Platz mehr gefunden haben, wird eine zweite Tafel im Vorraum angerichtet.

Jetzt wird auch das eigentliche Essen herumgereicht. Zuerst für Jeden eine Schüssel Bouillon mit Kartoffeln und Fleisch, dann ein Teller mit gebratenen Kartoffeln, Fleisch und Salat, später noch ein Reisgericht. Ein Keyboardspieler und ein Sänger mit Mikrofon lassen den Raum mit pamirischer Volksmusik erdröhnen, und vereinzelt tanzen einige Gäste dazu, während ein Mann in Jeansjacke und Videokamera den Hochzeitsfilm dreht und Mancher seine Handykamera zückt. Dann ergreift der Moderator das Wort und bittet die Honoratioren einen nach dem anderen nach vorne, die jeweils eine kurze Ansprache halten: Alte Männer und solche mittleren Alters, Regionalpolitiker und Vertreter verschiedener Organisationen, allesamt wohl weniger Weggefährten des 23-jährigen Bräutigams als seines Vaters.

hochzeit-2In der Zwischenzeit sind auch Flaschen mit Wodka gebracht worden, der teils aus denselben Schälchen getrunken wird wie zuvor der Tee. Wer sich einmal hat einschenken lassen, dem wird immer wieder nachgeschenkt, der Bräutigam ist jetzt sichtlich aufgedreht und scheint seinen Spaß zu haben bei der Vorstellung, er könnte einen der Ausländer unter den Tisch trinken. Wieder beginnt die Musik zu spielen, und diesmal kann sich des Tanzes keiner mehr erwehren; wer es versucht, der wird am Arm gepackt und in die Mitte des Raums gezerrt. So stehen wir plötzlich alle, rhythmisch klatschend, in einem Kreis, innerhalb dessen sich immer zwei oder drei Tänzer bewegen und sich nach einer halben oder ganzen Minute von Anderen ablösen lassen. Ein wenig geht dabei das Gefühl für die Zeit verloren, doch irgendwann löst sich die Magie der Situation, und einer nach dem anderen zieht sich möglichst unauffällig auf seinen Platz zurück oder verdrückt sich in den Vorraum, in dem es ruhiger und weniger gedrängt zugeht.

Nur ein deutscher Expat bleibt auf der Tanzfläche zurück, zusammen mit dem Bräutigam, und beide zusammen liefern ein vom Publikum bejubeltes Spektakel. In rasanter Geschwindigkeit hüpfen durch den Raum, drehen sie sich um sich selbst und umeinander. Irgendwann reißt sich der Bräutigam die schwarze Trainingsjacke vom Leib, der Deutsche sein kariertes Hemd. Es bleiben zwei Männer in weißen T-Shirts, die ekstatisch weiter tanzen, derweil ihnen die begeistert klatschenden und lachenden Umstehenden Geldscheine zustecken. Doch nach einigen Minuten hat auch diese Vorstellung ein Ende, die beiden Tänzer wanken verschwitzt zu ihren Plätzen, und der Bräutigam muss sich erst einmal ein Handtuch reichen lassen.

berglandschaft-1Dann wird das Signal zur Abfahrt gegeben. Im Vorraum suchen wir unsere Schuhe zusammen und verabschieden uns vom Gastgeber. Geradezu unheimlich ist die Stille, als wir nach draußen treten und die laute Musik hinter uns lassen. Türen schlagen, und der Jeep braust davon, eine Staubwolke hinter sich herziehend, während im Rückspiegel die von der Abendsonne beschienen Berggipfel goldgelb aufleuchten.

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