Ratlosigkeit nach der Schlacht

2011-12-20_tahrir120. Dezember 2011. – Am Ende sind zehn Menschen tot, vielleicht auch ein paar mehr. Tausende wertvoller Bücher sind in Flammen aufgegangen. Aber niemand scheint zu verstehen, was in den vergangenen Tagen eigentlich passiert ist. Als der Tag graut an diesem nebligen Dienstagmorgen, sehen weite Teile des Tahrir-Platzes in Kairo aus wie ein Schlachtfeld. Die Straße ist übersät mit Pflastersteinen, während der Verkehr nur zögerlich wieder zu fließen beginnt. Auf den Rasenflächen vor dem monumentalen Verwaltungsgebäude, auf denen wochenlang Demonstranten in Zelten ausgeharrt haben, sind schwarze Brandflecken zu sehen. Die Straßen im Südosten des Platzes sind mit Mauern aus großen Betonblöcken verbarrikadiert. Zahllose Graffitti zieren die Wände der umliegenden Gebäude: „Fuck Police“ und „Fuck SCAF [Supreme Council of the Armed Forces – Militärrat]“.

Einige Gruppen von Männern haben sich auf dem Platz zusammengefunden, der erst wenige Stunden zuvor geräumt worden ist, und debattieren heftig. Andere studieren auf offener Straße die Zeitungen, die Fassungslosigkeit steht ihnen ins Gesicht geschrieben, und immer wieder blicken sie zu dem unscheinbaren Gebäude des Ägyptischen Instituts südöstlich des Platzes, das eine wertvolle Büchersammlung beherbergt hat und vor drei Tagen nahezu komplett ausgebrannt ist. Begonnen hatten die Auseinandersetzungen am Freitag, als Polizei un2011-12-20_tahrir2d Militär eine kleine Sitzblockade vor dem Parlamentsgebäude auflösten und dabei zu unverhältnismäßiger Gewalt griffen. Die Videos von Demonstranten, die geschlagen und getreten wurden, obwohl sie wehrlos am Boden lagen, gingen ebenso um die Welt wie das Mädchen mit dem blauen BH, das halbnackt über die Straße gezerrt wurde. Gewalt provozierte Gegengewalt, irgendwann wurde scharf geschossen, Molotow-Cocktails flogen durch die Luft und das Ägyptische Institut begann zu brennen.

Einige kleine Gruppen von Halbwüchsigen sind auf dem Platz unterwegs, die gewiss noch kein Verständnis für politische Zusammenhänge haben, aber halblaut den Schlachtruf der Demokratiebewegung – „Das Volk fordert den Rücktritt des Feldmarschalls!“ – vor sich hin skandieren, fast als würden sie für einen großen Auftritt proben. Medienberichten zufolge behauptet der Militärrat, es seien einige Minderjährige festgenommen worden, die zugegeben hätten, für die Teilnahme an den Straßenschlachten Geld erhalten zu haben. Die Halbwüchsigen auf dem Platz lassen solche Behauptungen durchaus glaubwürdig erscheinen.

2011-12-20_tahrir3Zugleich aber ist kaum vorstellbar, dass solche bezahlten Straßenkämpfer die Gewaltspirale begonnen haben. Eben dies versucht der Militärrat glauben zu machen, der seit dem Rücktritt des Ex-Präsidenten Husni Mubarak im Februar 2011 faktisch das Land regiert, von der Demokratiebewegung anfangs als Verbündeter wahrgenommen worden ist und inzwischen massiv in der Kritik steht. Die Generäle behaupten, es habe keinen Befehl an die Sicherheitskräfte zur Gewaltanwendung gegen die Demonstranten gegeben, vielmehr habe eine ominöse „dritte Kraft“ die Auseinandersetzungen provoziert, um das Land ins Chaos zu stürzen. Alle möglichen Verschwörungstheorien zur Entlastung von Polizei und Militär machen die Runde, so soll auch das Mädchen mit dem blauen BH bei ihrer Festnahme nur leicht bekleidet gewesen sein, um den Sicherheitskräften eine Falle zu stellen und spektakuläre Bilder zu provozieren.

Derweil berichten Medien, dass die Demonstranten zu Beginn der Auseinandersetzungen von Uniformierten angegriffen worden seien, die von den Dächern herab Steine und Molotow-Cocktails auf sie warfen. Und das Militär, so heißt es, habe zwar aus dem Ägyptischen Institut heraus die Demonstranten mit Wasser bespritzt, aber später nichts unternommen, um das brennende Gebäude zu löschen. Die Kommentare in den unabhängigen Medien sind für den Militärrat verheerend; dieser scheint seine Glaubwürdigkeit als integre und unabhängige Kraft, welche die Interessen des Volkes vertritt und einen erfolgreichen demokratischen Übergang zu gestalten vermag, endgültig verspielt zu haben.

2011-12-20_tahrir4Am Nachmittag formiert sich ein Protestzug von einigen hundert Menschen rund um den Tahrir-Platz. „Ihr Lügner! Stoppt die Gewalt!“ steht in Englisch auf den Plakaten. Männer allen Alters sind dabei und besonders viele junge Frauen, meist ohne Kopftuch. Geschwenkt werden ägyptische Flaggen, auf denen der islamische Halbmond und das christliche Kreuz harmonisch nebeneinander stehen. Dieser Protest wird ausschließlich von den Liberalen getragen, und es ist kein Massenprotest wie noch im November. Die islamistischen Parteien, die noch vor einem Monat mit gegen die Herrschaft des Militärrats protestiert haben und gerade bei den Parlamentswahlen triumphieren, scheinen den Tahrir-Platz inzwischen großräumig zu meiden. Vielleicht können sie auch tatsächlich ruhig abwarten, wie sich ihre säkularen Gegner – das Militär und die liberale Demokratiebewegung – gegenseitig in Misskredit bringen.

„Keiner weiß, was hier eigentlich für ein Spiel gespielt wird“, sagt eine westliche Beobachterin. „Aber alle sind wütend auf das Militär.“

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