Alexandrinisches Spiegelbild der Revolution

library-alexandria44. Dezember 2011. – Überall auf dem Platz hängen Plakate. „Die ägyptische Revolution geht hier weiter“, steht auf einem von ihnen geschrieben. Doch dies ist nicht der Tahrir-Platz in Kairo, dies ist der Platz vor der Bibliothek von Alexandria, der zweitgrößten Stadt des Landes. Sie gehören zu den bedeutendsten Kultureinrichtungen Ägyptens, und gerade wird hier eine Auseinandersetzung ausgetragen, die sich vordergründig darum dreht, wer in Zukunft die Geschicke der Bibliothek bestimmen soll, die aber zugleich ein Spiegelbild des revolutionären Ägyptens ist, in dem einerseits noch immer die alten Eliten an den Schalthebeln der Macht sitzen, und in dem sich andererseits die Zivilgesellschaft zu organisieren versucht.

library-alexandria1In der Antike war Alexandria eine der Metropolen des Mittelmeerraumes, berühmt vor allem für ihre Bibliothek, die der wichtigste Wissensspeicher und das Zentrum der Gelehrsamkeit der hellenistischen Welt war, jedoch – wahrscheinlich in spätrömischer Zeit – vollständig zerstört wurde. Im Jahr 2002 wurde eine neue Bibliothek von Alexandria eingeweiht, die an den Geist ihrer antiken Vorgängerin anknüpfen und ein „Zentrum für Studium, Toleranz, Dialog und gegenseitiges Verständnis“ sein soll. Sie ist ein nationales Prestigeprojekt und architektonisch höchst ambitioniert – eine lichtdurchflutete Halle mit elf terrassenförmig abgestuften Stockwerken voller Bücherregale und Lesetische, eine Außenfassade mit Schriftzeichen aus den verschiedensten antiken und modernen Sprachen der Welt, prominent gelegen zwischen der Universität von Alexandria und der Uferpromenade.

Seit März 2011 streikt ein Großteil der Mitarbeiter der Biblitothek. Deren Eingangsbereich ist geschmückt mit unzähligen Bannern und Plakaten, und beinahe täglich wird demonstriert. Der Zorn richtet sich gegen Ismail Serageldin, der nach einer illustren Karriere als Wirtschaftswissenschaftler und bei der Weltbank 2002 zum Gründungsdirektor der modernen Bibliothek von Alexandria ernannt wurde. Seine Mitarbeiter werfen ihm Korruption und einen diktatorischen Führungsstil vor. Sie fordern seine sofortige Entlassung, doch dieser hat die Forderungen bisher ignoriert .

library-alexandria2„Ich arbeite schon seit drei Jahren für die Bibliothek und bräuchte dringend eine Weiterbildung in Europa“, erklärt eine der Demonstrantinnen. „Aber ich habe noch keine einzige Weiterbildung bekommen, während Serageldin ständig unterwegs ist und viel Geld für seine Reisen ausgibt. Eines seiner Flugtickets beläuft sich angeblich auf 64.000 ägyptische Pfund [8.000 Euro] – was soll das denn für eine Flugklasse sein?“ Auf einem Bankkonto in der Schweiz sollen 147 Millionen US-Dollar liegen, bei denen es sich angeblich um veruntreute, eigentlich für die Bibliothek bestimmte Spendengelder handelt. „Serageldin sagt, er wisse nichts von dem Konto“, meint die Demonstrantin. „Aber wenn er so wenig Durchblick hat, dann ist er erst recht ungeeignet für eine Führungsposition.“

Nachgesagt wird Serageldin eine enge Nähe zur Familie des Ex-Präsidenten Hosni Mubarak, dessen Ehefrau Suzanne Vorsitzende des Kuratoriums der Bibliothek war. Tatsächlich wäre seine Karriere in internationalen Organisationen – er war Vizepräsident der Weltbank und bewarb sich auf Vorschlag der ägyptischen Regierung 1999 als Generaldirektor der UNESCO – ohne die Unterstützung des alten Regimes wohl ebensowenig vorstellbar gewesen wie die Übernahme der Leitung der Bibliothek von Alexandria. Doch am 12. Februar 2011 veröffentlichte Serageldin auf der offiziellen Website der Bibliothek einen „Gruß an die großartige Jugend Ägyptens“: „Ja! Ihr habt Ägypten für immer verändert, und jetzt werden wir eurer Führung folgen und uns euch anschließen, wenn es darum geht, ein neues Ägypten zu bauen.“ Das war gerade einmal einen Tag nach dem von den Demonstranten erzwungenen Rücktritt Mubaraks. Sind dies die Worte eines integren Intellektuellen, der nur zähneknirschend unter dem autoritären Regime gedient und heimlich mit der Demokratiebewegung mitgefiebert hat? Oder ist es der Versucht eines politischen Wendehalses, seinen eigenen Kopf zu retten, indem er sich im letzten Moment auf die Seite der Sieger schlägt? Jedenfalls erinnert die Rhetorik stark an jene des seit dem Rücktritt Mubaraks herrschenden Militärrates, der in jeder Stellungnahme die glorreiche ägyptische Revolution beschwört, während er zugleich auf Demonstranten schießen lässt.

library-alexandria3Am 6. November 2011 wurde auf der Website von International Property Watch ein Artikel über die Proteste der Belegschaft der Bibliothek veröffentlicht, und in den Folgetagen lieferten sich die Anhänger und Gegner Serageldins in rund 40 Kommentaren eine heftige Auseinandersetzung um die Meinung der Weböffentlichkeit. Die eine Seite malt das Bild einer international anerkannten Geistesgröße, deren visionärer Kraft das Bestehen der modernen Bibliothek von Alexandria zu verdanken ist und die zum Opfer eines revolutionären Bestrebens nach tabula rasa, nach einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit zu werden droht. Die andere Seite anerkennt Serageldins Verdienste um die Bibliothek, wirft ihm aber eine willkürliche Personalpolitik, die Nichtverlängerung von Verträgen missliebiger Mitarbeiter, die Verweigerung eines echten Dialogs und letztendlich die Zerstörung des Vertrauensverhältnisses zwischen Management und Belegschaft vor. Außerdem kritisiert sie, dass er einen Kult um seine eigene Person betrieben und damit den Aufbau von dauerhaften Bibliotheksstrukturen behindert habe.

Für Außenstehende ist es kaum möglich, angemessen zu bewerten, ob die Nichtverlängerung von Verträgen tatsächlich politisch motiviert und inwieweit Serageldin Teil eines korrupten Systems gewesen ist. Nur dass er sich gerne selbst in den Vordergrund stellt, ist nach einem Blick auf seine Homepage leicht vorstellbar. Doch bemerkenswerter als seine mutmaßlichen Verfehlungen ist vielleicht als die Tatsache, dass sich rund zwei Drittel seiner Mitarbeiter zusammengeschlossen haben, die Bibliothek bestreiken und dabei ihre Jobs riskieren. Sie streiken, wohlgemerkt, nicht für Lohnerhöhungen, sondern für personelle und strukturelle Veränderungen, für eine demokratischere und transparentere Bibliotheksverfassung.

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Ein Plakat zieht einen Vergleich zwischen Ismail Serageldin (r.) und Ex-Präsident Hosni Mubarak (l.).

Während in der Online-Diskussion die Befürworter Serageldins darauf verweisen, dass er die Unterstützung des Kuratoriums und der Regierung habe, spricht ein gegnerischer Kommentar beiden schlichtweg die Legitimität ab, weil sie von Anhängern des alten Regimes durchsetzt seien. Und während Serageldin, der sich ein Image als liberaler arabischer Intellektueller aufgebaut hat, die Streikenden im Westen zu diskreditieren versucht, indem er betont, dass unter ihnen auch extreme Islamisten seien, hält einer seiner Gegner in der Online-Diskussion dagegen, dass der Streik Mitarbeiter aller Glaubensrichtungen und Weltanschauungen in der Forderung nach der Entlassung des Bibliotheksdirektors vereine.

Eben dies – die Solidarität unter den Demonstranten, der Fokus auf politische und weniger auf soziale Forderungen, die fundamentale Infragestellung der alten Autoritäten und die Betonung der Überparteilichkeit des Protests – sind auch Merkmale der ägyptischen Revolution, die seit Januar 2011 auf dem Tahrir-Platz und in anderen Städten des Landes immer wieder aufflammt. Gemeinsam sind ihnen auch die unklaren Vorstellungen von der Zukunft: „Nein, wir haben keinen eigenen Kandidaten“, meint eine der Demonstrantinnen auf dem Platz vor der Bibliothek von Alexandria auf die Frage, wer Serageldin nachfolgen solle. „Mir ist auch egal, wer der neue Direktor wird – Hauptsache, er stiehlt nicht.“ Dabei dürfte es langfristig sehr wohl einen Unterschied machen, ob eine der bedeutendsten Kultureinrichtungen des Landes von einem Liberalen oder einem Islamisten oder einem Liberalen.

„Die Gefahr bei jedem solchen Aufbegehren ist das Missverständnis, dass alle Forderungen des Volkes wahr und auf Vernunft gegründet seien“, kommentiert ein Serageldin-Unterstützer namens Heba El-Rafey in der Online-Diskussion. „Oft werden solche Forderungen in der Annahme erhoben, dass der Aufbau eines ‘modernen und freien’ Landes die Zerstörung all dessen voraussetzt, was zuvor existiert hat. Die Fähigkeit, zwischen beiden [Aufbau und Zerstörung] zu unterscheiden, geht verloren, wenn man nur noch bestrebt ist, Autoritäten ‘hinwegzufegen’ – selbst dort, wo dergleichen Hinwegfegen unnötig ist.“ Es ist dies eine der Schlüsselfragen, die derzeit das ganze Land bewegen: Wieviel Zerstörung der alten Ordnung ist nötig, um ein neues Ägypten zu bauen?

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