Die Stunde der Wahrheit naht

2012-01-20_tahrir220. Januar 2012. – Immer wieder sieht man die Zahl „25“ im Straßenbild von Kairo, auf Aufklebern und Plakaten, auf Bannern und Titelseiten von Zeitungen. Der 25. Januar ist zum Symbol für die ägyptische Revolution geworden, die 2011 mit der Besetzung des Tahrir-Platzes im Zentrum von Kairo an eben diesem Tag begann und nach zweieinhalb Wochen mit dem Rücktritt des damaligen Präsidenten Hosni Mubarak endete. Nun rückt der Jahrestag dieses 25. Januar immer näher. Er könnte die Stunde der Wahrheit werden. Viele in der liberalen Jugendbewegung, die damals die Proteste angeführt hat, sehen ihn als letzte Chance an, die Revolution zu retten.

„Eigentlich haben wir bisher nichts erreicht“, sagt enttäuscht N., ein junger Liberaler, der damals mit dabei war. „Das Militär ist immer noch an der Macht und wird sie auch nicht einfach wieder abgeben, es lässt auf friedliche Demonstranten schießen und mehr Leute verhaften als Mubarak.“ Dieses Gefühl ist unter gebildeten und liberalen Ägyptern weit verbreitet, die nicht mehr daran glauben, dasss der Militärrat, der derzeit die Befugnisse eines Präsidenten ausübt, tatsächlich bereit sei, sich einer gewählten Zivilregierung unterzuordnen.

Die verschiedenen liberalen und linken Gruppen wollen den 25. Januar nutzen, um den Militärrat mit einer Großdemonstration unter Druck zu setzen und zur Übergabe der Macht an eine Zivilregierung zu zwingen, und im Vorfeld ist der Kampf um die öffentliche Meinung voll entbrannt. Das Militär, so heißt es, werde der Revolution von 2011 mit einer Feier huldigen und wolle sie damit für sich vereinnahmen, während die staatlichen Medien jene Kräfte in Misskredit zu bringen versuchen, die für eine Fortsetzung der Revolution plädieren. „Wenn man dem staatlichen Fernsehen glaubt, sind die wenigen Demonstranten, die momentan auf dem Tahrir-Platz sind, an jedem Problem schuld, das irgendwo im Land auftritt“, meint N. empört.

2012-01-20_tahrir1Die Jugendbewegung versucht derweil, mit Grassroot-Aktionen die Übermacht der staatlichen Medien zu kontern und für die Demonstration am 25. Januar zu mobilisieren. Mit Laptop und Beamer ausgerüstet, ziehen Gruppen junger Leute durch die Slums von Kairo und die Dörfer, um Filme über Menschenrechtsverletzungen unter der Herrschaft des Militärrats und über das brutale Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten zu zeigen. Ein ganz neues Medium sind sogenannte „Street Tweets“ – Kurzbotschaften, die Passanten auf der Straße ins Ohr geflüstert werden und die zum Nachdenken über die politische Situation anregen sollen.

Daneben boomt die Erinnerung an die Revolution in der Kulturszene. An Veranstaltungsorten mit jungem und liberalem Publikum werden Konzerte gegeben, welche die „Revolution“ beschwören, oder Dokumentarfilme gezeigt, die sich mit dem Erbe des 25. Januar auseinandersetzen, und die Säle sind voll. Immer wieder brechen die Zuhörer in spontanen Applaus aus oder skandieren den Slogan: „Das Volk will den Sturz der Militärregierung.“ Dieser Schlachruf ist neu, und er mag die Radikalisierung der Bewegung andeuten, die noch vor zwei Monaten nur den „Sturz des Feldmarschalls“ gefordert, sich also auf die Person von Mohammed Hussein Tantawi, dem Vorsitzenden des Militärrats, fokussiert hat.

2012-01-20_tahrir4Jetzt am Freitag, dem islamischen Feiertag, haben sich auch wieder einige Hundert Demonstranten auf dem Tahrir-Platz versammelt, dem Epizentrum der Revolution. Es sind mehr als an den vergangenen Freitagen, doch sie wirken verloren auf dem riesigen Platz. Und es sind ausschließlich Linke und Liberale, die sich hier versammelt haben – jene Kräfte also, denen das Land zwar die Revolution zu verdanken hat, die aber bei den Parlamentswahlen haben feststellen müssen, dass sie weniger als ein Fünftel der ägyptischen Bevölkerung vertreten.

Die islamistischen Parteien der Muslimbrüderschaft und der Salafisten dagegen scheinen sich mit der Situation arrangiert zu haben und halten sich von den Protesten fern. „Wenn sie weiter mit uns demonstriert hätten, wäre die Herrschaft des Militärrats schon längst Geschichte“, glaubt N. „Aber sie haben sich von den Versprechen der Militärs einlullen lassen – und werden am Ende feststellen, dass sie zwar die Wahlen gewonnen haben, aber in Wirklichkeit kaum Macht besitzen.“ Ihm ist bewusst, dass die Islamisten eine andere Gesellschaft wollen, und er sieht die Tragik der ägyptischen Revolution darin, dass die Liberalen gleichzeitig gegen zwei übermächtige Gegner – das Militär und die Islamisten – zu kämpfen hätten. „Aber letztendlich müssen wir auf das Volk vertrauen und konsequent demokratisch sein, das ist der einzige glaubwürdige Weg“, meint er. Auch wenn dann die Islamisten an die Regierung kommen – dort würden sie sich dann schnell selbst entzaubern, so hofft er.

„Der 25. Januar wird die Entscheidung bringen,“ sagt N. schließlich voraus, und er klingt erleichtert darüber, dass die ständige Ungewissheit bald ein Ende haben wird. „Wenn richtig viele Menschen kommen, wird die Revolution weitergehen. Wenn nicht, müssen wir uns selbst eingestehen, dass die Leute genug haben von der Revolution. Dann ist es an der Zeit, unsere Fahnen und Banner einzupacken und uns wieder um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern.“

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