Freiheit des Wortes, Freiheit der Kunst

21. Januar 2012. – „Shebabik“ steht über den Eingang geschrieben, auf deutsch „Fenster“. Es ist eines der ersten privaten Kulturzentren in Kairo, gelegen in einem Viertel im Osten der Stadt, in dem die Mittel- und Oberschicht zu Hause ist. Das dreistöckige Haus ist frisch renoviert; die ockerfarbene Fassade ist noch nicht von Wüstenstaub bedeckt wie alle anderen Gebäude in Kairo. Zur Eröffnung ist die liberale Intelligenzija der ägyptischen Hauptstadt gekommen, bekannte Schriftsteller und Dichter ebenso wie junge Musiker und Filmemacher, Maler und Journalisten. „Bei solchen Gelegenheiten trifft man immer die gleichen Leute“, meint einer von ihnen, und tatsächlich scheint unter den Teilnehmern der Eröffnungsfeier fast jeder jeden zu kennen.

Ein reicher Mäzen hat das Kulturzentrum als Ort des Austauschs und der Begegnung finanziert. Er wird der liberalen Demokratiebewegung zugerechnet, die sich selbst als revolutionär versteht, und dies ist nicht ohne Auswirkung auf die inhaltliche Ausrichtung des Kulturzentrums geblieben. In der Bibliothek im Erdgeschoss stehen zahlreiche Neuerscheinungen über die Demonstrationen vom Januar und Februar 2011 und deren Folgen. Auch die Gemälde in der Galerie im ersten Stock beschwören den Kampf um Freiheit und Demokratie: Menschenmassen mit ägyptischen Fahnen, Straßenkämpfe im Tränengasnebel, Verwundete mit Augenbinden, Graffitti gegen den regierenden Militärrat. Die liberale Kulturszene im Ägypten des Jahres 2011 ist hochgradig politisiert, und jede Kunst ist zugleich auch eine politische Stellungnahme.

Lange dauern die Interviews der Fernsehteams mit den bekannten Künstlern, und so beginnt die eigentliche Eröffnung des Kulturzentrums mit einer Stunde Verspätung. Die etwa 50 Stühle im Veranstaltungsraum im zweiten Stock reichen längst nicht für alle Gäste, und so müssen viele von ihnen stehen. Es werden keine langen Reden gehalten, stattdessen beginnt nach einer kurzen Ansage sofort die erste Band zu spielen. Die Instrumente sind traditionell, die Lieder dagegen modern. Immer wieder kreisen sie um Ägypten und die Revolution, und einmal tritt ein alter Mann auf die Bühne und singt das gleiche patriotische Lied, das er schon in den 1950er Jahren gesungen hatte, als der König gestürzt war und Aufbruchstimmung herrschte.

Dann plötzlich richten sich viele Augen zur Tür, durch die ein älterer Herr im Anzug den Raum betritt. Es ist Amr Moussa, einer der wichtigsten Politiker des Landes. Unter dem damalien Präsidenten Hosni Mubarak war er Außenminister und dann Generalsekretär der Arabischen Liga; er genießt bei vielen Ägyptern hohes Ansehen und hat seine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen angekündigt. „Aber wir Revolutionäre hassen ihn, er ist ein Mann des alten Regimes“, zischt ein junger Liberaler im Publikum empört. „Ich verstehe den Besitzer des Kulturzentrums nicht. Er behauptet, auf der Seite der Revolution zu stehen, aber dann lädt er jemanden wie Amr Moussa ein!’“

Dieser lässt sich in der ersten Reihe nieder und begrüßt die Schriftsteller und Dichter um ihn herum. Einige Minuten lang richten sich die Blicke und Fernsehkameras auf ihn, doch dann erlahmt das Interesse, bis zwei junge Männer Tabletts mit Häppchen und Früchten hereinbalancieren und vor Amr Moussa auftischen. Da beginnen einige im Publikum irritiert zu murmeln, während dem Politiker die Situation peinlich zu sein scheint – er rührt das Mini-Buffet nicht an und winkt auch ab, als ihm ein Tablett mit einer Auswahl von Softdrinks angeboten wird.

Während die – meist älteren – Mitglieder der Band nach dem Ende ihres Auftritts die Gelegenheit ergreifen, Amr Moussa ergeben die Hand zu schütteln, nimmt eine Gruppe junger Leute auf der Bühne Platz. Was folgt, ist eine Art Kabarett mit Solostücken, und als erstes tritt ein junger Mann in violettem Pullover und wilder Haartracht ans Mikrofon, um ein Spottlied auf die „Diebe und Gauner“ zu singen, die sich um die Präsidentschaft bewerben. Am Ende hält er kurz inne, blickt Amr Moussa an und sagt in den Applaus hinein: „Wenn wir gewusst hätten, dass Sie kommen, hätten wir uns für Sie auch etwas einfallen lassen.“

Der Mann in der ersten Reihe lässt sich äußerlich nichts anmerken, doch nach einigen Minuten steht er auf, verabschiedet sich von den Schriftstellern und Dichtern neben ihm und verschwindet unauffällig, während der Saal über den scharfen Witz der Geschichten lacht, die vorne auf der Bühne erzählt werden. Dann macht ein kleines Mädchen den Anfang, schleicht sich zu dem Mini-Buffet und stibitzt eines der Tortenstücke, ohne von jemandem davon abgehalten zu werden. Und wenig später beginnen auch einige der Erwachsenen, jene Häppchen herumzureichen, die für Amr Moussa bestimmt gewesen sind.

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