Rache für Port Said

2012-02-03_downtown_cairo143. Februar 2012. – Sie sind zurück in Kairos Straßenbild gekehrt, die Gasmasken und Taucherbrillen, die mit milchiger Flüssigkeit verschmierten Gesichter und die Krankenwagen. Ein gutes Dutzend von ihnen steht auf dem Falaki-Platz im Zentrum von Kairo und wartet auf die Verletzten. Die Luft ist von Sirenengeheul erfüllt, dessen Häufigkeit die Intensität der Straßenkämpfe anzeigt, die unweit des Platzes toben. Wellenartig schwillt sie an und ebbt dann wieder für einige Minuten oder auch Stunden ab. Am Vormittag hat es eine längere Phase der Ruhe gegeben, doch jetzt am Nachmittag werden immer wieder junge Männer angeschleppt, die zu viel Tränengas eingeatmet haben.

Das Zentrum des Geschehens liegt 200 Meter südlich des Falaki-Platzes, vor dem Innenministerium, wo sich sich einige Tausend Menschen in den engen Seitenstraßen drängen. Einige von diesen sind mit Stacheldraht und einem Kordon von Polizisten in schwarzen Uniformen und mit zerkratzten Plastikschilden abgeriegelt. Doch die Mauer aus Betonblöcken, die im November 2011 in der Mohammed Mahmoud Straße errichtet wurde, um die heftigen Straßenkämpfe zu beenden, die rund um das Innenministerium tobten, ist niedergerissen worden. Schaulustige haben die Trümmer erklommen und fotografieren die wogende Menschenmasse vor ihnen. Überall werden Fahnen geschwenkt, doch es sind nicht mehr nur wie früher die ägyptischen Nationalflaggen in Rot-Weiß-Schwarz, sondern auch die Fahnen der Kairoer Fußballclubs Al-Ahly und Zamalek.

Immer wenn die Menge zu nahe gegen das Innenministerium vorrückt, feuern die Sicherheitskräfte Tränengas-Kartuschen ab, die mit einem weißen Rauchschweif durch die Luft taumeln und dann die keuchenden jungen Männer zum Zurückweichen zwingen. Dann braust eine Kolonne von Motorrädern durch den Rettungskorridor in der Mansour Straße, um jene zu den Krankenwagen auf dem Falaki-Platz zu bringen, die zuviel Tränengas abbekommen haben und sich von den Helfern eine milchige Flüssigkeit in die Augen träufeln lassen. Bisher scheint diesmal nur konventionelles Tränengas im Einsatz zu sein, nicht jene aggressiven Chemikalien, die im November 2011 den Tod von Dutzenden von Demonstranten verursachten.

Derweil wird auch auf dem nahen Tahrir-Platz demonstriert. Immer wieder kommen neue Märsche aus unterschiedlichen Richtungen an, junge Männer skandieren Sprechchöre gegen den regierenden Militärrat, schwenken National- und Clubfahnen, halten Bilder der im Stadion von Port Said Getöteten in die Höhe oder zeigen wütend auf eine blutverschmierte Fahne in Rot-Weiß-Schwarz, wohl ein Relikt der Kämpfe des vergangenen Jahres. Gestiegen ist die Zahl der Puppen, die an den Straßenlaternen aufgehängt sind und mit denen offenkundig der Forderung nach der Todesstrafe für den Ex-Präsidenten Hosni Mubarak und die führenden Mitglieder des Militärrates Ausdruck verliehen soll. Insgesamt wirken die Proteste diesmal weniger politisch, weniger konstruktiv als jene im November 2011. Die Plakate mit politischen Forderungen sind von den Fahnen der Kairoer Fußballclubs abgelöst worden, und deren Anhänger scheinen die Menge zu dominieren. Sie sind wütend, und sie wollen nicht nur politische Reformen, sondern vor allem Rache.

Kairo schien zur Ruhe gekommen sein, nachdem die Demonstrationen anlässlich des Jahrestags der Revolution am 25. Januar abgeebbt waren. Nur noch wenige Zelte waren auf dem Tahrir-Platz und nur noch wenige Demonstranten vor dem Gebäude des Staatsfernsehens in Maspiro verblieben. Viele Aktivisten der Demokratiebewegung begannen den Mut zu verlieren angesichts der gegen sie gerichteten Propaganda der staatlichen Medien und einer öffentlichen Meinung, die zunehmend „der Revolution“ die Schuld an den Problemen im Land gab. Dann flog am Mittwochabend der Funken im Stadion der Hafenstadt Port Said, wo nach dem Abpfiff Fans Zuschauer auf die Spieler und Fans der Kairoer Fußballmannschaft Al-Ahly losstürmten und bei dem Angriff und der folgenden Panik mehr als 70 Menschen ums Leben kamen.

Noch in der Nacht begannen die ersten Märsche durch Kairo, diesmal nicht angeführt von Aktivisten der Demokratiebewegung, sondern von Fußballfans, und die ersten Verschwörungstheorien machten die Runde. „Das kann kein Zufall sein“, urteilte ein junger Liberaler schon wenige Minuten, nachdem die Fernsehbilder von Port Said durch die ägyptischen Haushalte geflimmert waren. „Ausgerechnet Al-Ahly, jene Mannschaft, deren Fans die Revolution im Januar 2011 so sehr unterstützt hatten! Regierung und Militärrat haben erst vor einigen Tagen gefordert, den Ausnahmezustand wieder einzuführen. Seitdem kommt es immer wieder zu bewaffneten Raubüberfällen und Entführungen. So etwas hat früher in Äypten nie gegeben, aber jetzt plötzlich jeden Tag. Dann das Massaker an den Fans von Al-Ahly in Port Said und gleichzeitig ein Stadionbrand in Kairo. Nein, das kann kein Zufall sein!“

Dass die Ereignisse orchestriert seien, dass jemand gezielt Unruhe schüren wolle, vermuten viele. Manche geben Anhängern des Ex-Präsidenten Mubarak die Schuld, manche dem regierenden Militärrat, der seine eigene Macht festigen und den Ägyptern einreden wolle, dass ohne Ausnahmezustand und das Militär als Ordnungsmacht Chaos auf den Straßen ausbräche. Dass die Polizei im Stadion von Port Said total versagt habe, darin sind sich alle einig, doch spekuliert wird darüber, ob sie heillos überfordert oder Teil eines Komplotts gewesen sei.

Beunruhigend jedenfalls ist die Feststellung, dass sich der Protest zunehmend zu radikalisieren scheint. Die Polizei, die unter Fußballfans wie unter den Aktivisten der Demokratiebewegung verhasst ist, kann es ihren Gegnern kaum mehr recht machen: Sie wird für ihr untätiges Zuschauen wie in Port Said genauso kritisiert wie für ihre Intervention in die gewaltsamen Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres. Und völlig unabsehbar ist, wer am Ende der Nutznießer der aktuellen Unruhen sein wird, ob sich die öffentliche Meinung am Ende gegen die Demonstranten oder gegen die Militärregierung wenden wird.

Kommentarfunktion ist deaktiviert