Tag der Einheit

tag-der-einheit-ishkashim-1Es ist der 27. Juni 2009. Tag der Einheit. Heute vor 12 Jahren wurde das Friedensabkommen unterzeichnet, das den verheerenden Bürgerkrieg beendete, der nach dem Zerfall der Sowjetunion um die Macht im nun unabhängigen Tadschikistan entbrannt war. Die Opposition legte die Waffen nieder und bekam dafür dreißig Prozent der Regierungsposten zugesprochen. Seitdem sind die Vertreter der einstigen Opposition längst ausgeschaltet oder von der Macht verdrängt worden. Trotzdem wird jedes Jahr der 27. Juni als Feiertag begangen, und deshalb marschiert jetzt eine große Parade durch das kleine Ishkashim, den südlichsten Kreishauptort Tadschikistans an der Grenze zu Afghanistan, umgeben von den hohen Bergen des Pamir-Gebirges.

Drei uniformierte Flaggenträger führen den Umzug an, darauf folgen die Repräsentanten des Militärs – junge Soldaten, ernsthaft bemüht, im Gleichschritt zu laufen. Einer von ihnen hat seine Turnschuhe dabei, in ein blaues Handtuch gewickelt, ein anderer trägt ein rotes Bündel unter dem Arm. Neben ihnen marschiert ein Offizier in blaugrünem Trainingsanzug und Schirmmütze; er sorgt für Ordnung, wenn die Disziplin allzu offenkundig nachlässt. Einige Jugendliche in Trikots dribbeln mit Bällen. Frauen in bunten Kleidern, viele von ihnen mit Plastikblumen der Hand, machen einen Großteil des Festumzugs aus, neben ihnen laufen die Kinder mit Luftballons und Fähnchen. Es herrscht Volksfeststimmung, und ernste Gesichter machen nur die Honoratioren in Anzug oder Uniform.

tag-der-einheit-ishkashim-2Das Stadion von Ishkashim ist eine große Fläche trockener harter Erde, umgeben von einer Mauer mit Zaunaufsatz. Die beiden Metallgerüste in der Mitte sollen Fußballtore darstellen, während die Stufen auf der einen Seite eine Tribüne andeuten. Bevor sie auf dieser Platz nehmen, laufen die Teilnehmer der Parade auf der Innenseite der Mauer einmal rund ums Stadion. Es geht vorbei an tadschikischen Flaggen und Einheitsslogans, an drei Gruppen von Mädchen, die jeweils in einer der Nationalfarben – rot, weiß und grün – gekleidet sind, und an einigen Kindern in traditioneller Tracht. Über deren Köpfen hängt ein großes Bildnis von Emomali Rahmon, dem Präsidenten, der während des Bürgerkriegs an die Macht gekommen ist und diese seitdem erfolgreich gegen Islamisten und Demokraten verteidigt hat. Als fürsorglicher Landesvater steht er inmitten eines üppig gedeihenden Kornfeldes und hält seine Hand schützend über die Kinder Ishkashims.

Von der Ehrentribüne aus tragen die Honoratioren ihre Festansprachen vor. Es wird aufgezählt, welche Bürgermeister anlässlich des Tags der Einheit Glückwunschbriefe geschrieben haben, es werden die Veteranen der Armee gewürdigt, und immer wieder wird „Tadschikistan“ beschworen. Doch die Redner sprechen ins Leere hinein: Das Publikum sitzt zu ihrer Rechten und zu ihrer Linken und ist erkennbar mehr an den Neuigkeiten aus dem Bekanntenkreis interessiert als an den Glückwunschbriefen der Bürgermeister. Interagiert wird von der Rednertribüne aus nur mit den rot, weiß und grün gekleideten Mädchen auf der anderen Seite des Stadions. Wohl orchestriert, klatschen sie an den richtigen Stellen und wedeln mit ihren Schleifen. Etwas abseits des Trubels steht eine Gruppe junger Männer, und unter den Wortfetzen, die aus ihrer Diskussion herüber wehen, ist auch „Propaganda“ zu vernehmen.

tag-der-einheit-ishkashim-3Nach den Festansprachen kommt der Part der Schulkinder. Auf dem Spielfeld führen sie ihre einstudierten Tänze auf, während zwischendurch auf der Bühne immer wieder Tadschikistan oder Badachshan, die autonome Provinz im Pamir-Gebirge, besungen werden. Zunehmend löst sich das Publikum in kleine Gruppen auf, und der Eisverkauf am Rand des Stadions floriert. Einmal hat auch die Armee einen großen Auftritt. Ein Trupp Soldaten mit Kopftüchern in Tarnfarben, schwarzen Streifen auf den Gesichtern und Gewehren mit Bajonetten auf dem Rücken vollführt einen martialischen Tanz – inmitten eines Kreises von weiß-orange gekleideten und Blümchen schwenkenden kleinen Mädchen. Zwei Minuten lang hechtet immer einer der Soldaten auf einen anderen los, und beide ringen mit Fäusten und Messern miteinander. Am Ende liegen alle besiegt auf dem Boden, nur einer reckt triumphierend den Arm gen Himmel. Dann setzt wieder Festmusik ein. Denn es ist der 27. Juni 2009, Tag der Einheit.

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