Festkonzert der Trillerpfeifen

tashkent531. August / 1. September 2011, Tashkent (Usbekistan). - Hier muss es passiert sein. Erhaben und verstörend, öffentlich und rätselhaft zugleich. Eine riesige Tribüne ist aufgebaut, Tausende von farbigen Plastiksitzen reihen sich rund um die Arena, auf ihnen müssen sie stundenlang ausgeharrt haben. Sie – Täter oder Opfer, oder doch nur Zeugen? „Hat das Fest gestern hier stattgefunden?“ Der Polizist am Tor nickt bestätigend, er ist fast noch ein Kind, tut nur seine Pflicht. Nichts erinnert an die Ereignisse des Vorabends, die Tontechnik ist ebenso abgebaut wie die Fernsehkameras und der Bühnenschmuck.

tashkent7Jene, die dabei gewesen sind, haben sich wieder unter jene gemischt, die nicht dabei gewesen sind. Einige von ihnen mögen jetzt sogr zu denen gehören, die bei strahlendem Sonnenschein durch den nahen Park spazieren oder mit ihren Kindern auf dem künstlichen See rudern, immer unter dem wachsamen Blick der Polizisten mit ihren weißen Hemden und grünen Kappen. Sie sind überall, aber sie wirken entspannter als sonst, freier und gelöster. Jetzt ist schließlich alles vorbei.

Was ist hier geschehen, am Abend des 31. August 2011? Es ist der Vorabend des Unabhängigkeitstages gewesen – am 1. September 1991 hat sich Usbekistan für unabhängig von der Sowjetunion erklärt und ist ein eigenständiger Staat geworden. Monatelang hatte der Staatsapparat auf den zwatashkent4nzigsten Jahrestag dieses Ereignisses hingefiebert. Überall in den Behörden waren viele Mitarbeiter kaum mehr ansprechbar gewesen, da mit den Vorbereitungen der Festlichkeiten beschäftigt. Überall in den Städten und Dörfern des Landes hatten die riesigen Banner mit der magischen Zahl „20 Jahre“, der blau-weiß-grünen Nationalflagge, dem Portrait des Präsidenten Islam Karimov oder den verschiedensten Prunkbauten gehangen. Überall im Land hatten Feste stattgefunden, zuerst in den Dörfern, dann in den Distrikthauptorten, schließlich auch in den Provinzhauptstädten.

Die Veranstaltung in der Metropole Tashkent am Abend des 31. August 2011 ist der Höhepunkt des Feiermarathons. So beginnt sich die Stadt zu leeren. Die Afrosiab-Straße ist von Polizisten gesäumt, und immer wieder ertönt der schrille Ton der Trillerpfeifen, mit denen sie Passanten vom Überqueren der sechsspurigen Asphalttrasse abhalten. „Hier darf man nicht durch, Bruder“, heißt es. „Die Straße wird gleich geschlossen.“ Der Präsidentenpalast ist nicht weit, und Hunderte Polizisten pflegen für die Sicherheit der Limousine von Islam Karimov zu sorgen, der das Land seit der Unabhängigkeit mit eiserner Hand regiert.

Nur einen Kilometer weiter liegt der Unabhängigkeitsplatz zwischen dem Senatsgebäude und dem Finanzministerium. Die gepflasterten Wege glänzen vor Sauberkeit, die Rasenflächen dazwischen und die Nadelbäume sind sorgfältig geschnitten. Die Wassertropfen auf dem Gras blitzen im Licht der Abendsonne, und die Springbrunnen spenden Kühle; anders als der Rest des Landes scheint die Hauptstadt auch in diesem Dürrejahr keine Wassersorgen zu kennen.

tashkent2Es ist mehr los als sonst in dem sterilen Ambiente, einige junge russische Pärchen, kleine Gruppen usbekischer Frauen mit Kinderwägen, Cliquen junger usbekischer Männer, dazwischen ein Haufen italienischer Touristen. Sie flanieren den Hauptweg entlang, der Ort lädt nicht ein zum Verweilen, es gibt keine Bänke und auch keine Abfalleimer, dafür bewachen Polizisten die Denkmäler und den zweiten, mit Gittern abgezäunten Teil des Platzes.

Als es dunkel wird, beginnt die glatte Marmorfassade der erst kürzlich fertiggestellten Nationalbibliothek gegenüber in gleißendem Weiß zu erstrahlen. Das Gebäude mit dem Kuppeldach ist groß – riesengroß – und hell erleuchtet, von innen wie auch von außen. Doch es gibt niemanden, der das Lichtspektakel würdigen könnte, die umliegenden Straßen sind menschenleer, nur zwei einsame Spaziergänger eilen zwischen den Lichtkegeln hindurch.

tashkent3Dies ist einmal das Zentrum von Tashkent gewesen. „Die Gegend hier war früher sehr belebt, voller Cafés,“ hat es eine junge Russin erzählt. „Aber vor ein paar Jahren haben sie alles plattgemacht und die wunderbaren Bäume im Park gefällt. Keiner hat verstanden, warum, wahrscheinlich haben sie den Ausblick auf eines der Prunkgebäude versperrt. Bald wird es hier sein wie in Turkmenistan. Dann sitzen alle nur noch zu Hause und die Straßen sind völlig menschenleer.“ Turkmenistan – das ist der Nachbarstaat im Südwesten, bekannt für seine Ölmilliarden, seine Prachthauptstadt aus Marmor und den überall lauschenden Geheimdienst.

Vom Navoyi-Park wehen ganz leise die Klänge usbekischer Volksmusik herüber, dort scheint das große Fest im Gange zu sein. Je näher man dem Park kommt, desto deutlicher vernehmlich werden die Klänge. Zugleich wird die Straße immer leerer, immer mehr Polizisten sind zu sehen und immer mehr Trillerpfeifen zu hören. Dann ist das Ende der Straße mit Absperrband markiert, eine der wichtigsten Verkehrsadern von Tashkent liegt leblos da. Überall lungern Polizisten herum, stehen am gesperrten Eingang zur U-Bahn oder sitzen in Grüppchen auf den breiten Treppen vor den Hochhäusern.

Ein einziger Ausweg bleibt aus dieser Sackgasse, es ist der Zugang zu dem Innenhof zwischen verschiedenen Häuserblöcken, typisch sowjetischen Appartmentbauten aus den 1950er und 1960er Jahren. Ein kleiner Menschenstrom bewegt sich in den Innenhof hinein, der voller Polizisten ist, und verteilt sich auf der Suche nach einem Ausgang auf der anderen Seite. Doch auch die Straße, die aus dem Gewirr von Häuserblöcken und kleinen Gassen in Richtung des Navoyi-Parks herausführt, ist mit Polizeifahrzeugen und Absperrband verbarrikadiert. „Hier darfst du nicht durch“, erklärt einer der Polizisten, „dort ist doch das große Fest, dort haben sich viele wichtige Leute versammelt.“

Irgendwo in dem Innenhof irrt auch eine Gruppe russischer Jugendlicher herum. „Wo geht es denn hier zur U-Bahn-Station?“ fragt einer. „Keine Ahnung, wie man hier wieder herauskommt“, antwortet ein anderer. „Wir haben schon zwei Richtungen ausprobiert, und dort ist alles gesperrt.“ – „Hier scheint überall gefeiert zu werden“, sagt wieder der Erste, und er sagt es nicht ohne Spott in der Stimme. Es ist dunkel, die Gassen zwischen den bedrohlich emporragenden Häuserblocks sind schlecht beleuchtet, an allen Ecken lauern Polizisten und sprechen in ihre Walkie-Talkies, während in der Ferne Festmusik ertönt.

Endlich wieder zurück auf jene Hauptstraße. Eine achtspurige Stadtautobahn, völlig verödet. Die Versuchung ist groß, die gähnende Leere zu fotografieren, und die Polizisten am Ausgang der U-Bahn-Station werden plötzlich unruhig. Ein junger Mann löst sich aus der Gruppe, er trägt keine Uniform, das Polo-Shirt ist schwarz-weiß gestreift. Die Bilder müssten gelöscht werden, fordert er und erklärt, nach dem Grund gefragt: „Während des Festes ist das Fotografieren verboten.“

Wieder geht es auf dem Weg zurück die breite Betonpiste entlang, die von Bäumen gesäumt ist. Kaum ein Mensch ist zu sehen und kaum ein Auto, nur manchmal rast ein Kleinbus der Polizei die Straße entlang, zum Ort des Geschehens. Von dort weht noch immer Festmusik herüber, immer wieder zerschnitten vom klirrenden Ton der nahen Trillerpfeifen. Es ist wie Vogelzwitschern, als wollten die Polizisten, die alle paar hundert Meter postiert sind, mit ihren Trillerpfeifen ein Zwiegespräch führen. Auch an den Querstraßen sind Straßensperren errichtet, bewacht von Polizisten mit Trillerpfeifen. In der ganzen Innenstadt scheint der Ausnahmezustand zu herrschen, damit die Elite des Landes ungestört ihr Fest feiern kann.

Eine Stunde später, noch einmal ein Versuch der Annäherung an das Festgelände, diesmal von einer anderen Seite. Auch die Babur-Straße ist verbarrikadiert, auf der Brücke über den Kanal stehen alte sowjetische Kleinlaster dicht nebeneinander, zusätzlich abgesichert von einem Dutzend Polizisten. Eine Nebenstraße ist zum Parkplatz umfunktioniert worden, und vor der Straßensperre hat sich eine Menschenmenge versammelt. Eigentlich ist es keine Menschenmenge, eher eine Ansammlung von Menschengruppen, die sich auf der breiten Straße verlieren. Hier eine Clique junger Russinnen, dort einige usbekische Männer und eine Familie mit Kinderwagen und Lufballons, es wird wenig geredet und kaum gelacht, keine einzige usbekische Nationalfahne ist zu sehen.

Sie alle sind gekommen, das Feuerwerk zu bestaunen, seit den Tagen der Sowjetunion der Höhepunkt eines jeden staatlichen Festes. Gebannt starren sie in Richtung des Festgeländes irgendwo jenseits des Kanals, über dem die Raketen in den Himmel steigen und explodieren. Viele halten ihre Handys über die Köpfe und fotografieren das spektakuläre Schauspiel. Ein kleines Kind plärrt lauthals, offenbar verängstigt von der Böllerei, und für kurze Zeit mischt sich Sirenengeheul in das Krachen der Feuerwerkskörper, offenbar die Alarmanlage eines der parkenden Autos.

Dann ist plötzlich alles vorbei, der Nachthimmel ist wieder in Dunkelheit und die Babur-Straße in Stille getaucht. Nur kurz wird pflichtschuldig geklatscht, dann strömen die meisten Schaulustigen auseinander, während einige Gruppen vor der Straßensperre darauf warten, dass sich der Weg nach Norden wieder öffnet. Doch vorerst öffnet er sich nur für die schwarzen Limousinen, die von Süden angebraust kommen. Hier ein Toyota, dort ein Opel, und das in Usbekistan, wo gewöhnlich nur Chevrolets auf den Straßen zu sehen sind, die im Land selbst produziert werden, weil alle anderen Automarken mit einer exorbitant hohen Importsteuer belegt sind.

Es dauert einige weitere Minuten, dann nähert sich ein Zug von Menschen der Straßensperre von Norden her. Das müssen die Teilnehmer der Festveranstaltung sein, zumindest jene, die nicht das Privileg haben, mit einer Limousine oder einem Bus abgeholt zu werden. Ein kleiner Chevrolet Matiz fährt beiseite und öffnet einen Durchgang durch die Straßensperre. Polizisten scheuchen die Kinder und Jugendlichen beiseite, die sich neugierig davor drängeln, sodass die Festbesucher durch ein Spalier von Schaulustigen laufen müssen.

Anzugträger marschieren vorneweg, ältere und jüngere, viele von ihnen mit blauer Krawatte. Sie laufen ohne Ordnung und fast immer einzeln, die Mienen ernst und die Blicke starr nach vorn gerichtet, auch von ihnen trägt niemand eine Nationalfahne. Sie laufen schnell, als würden sie vor etwas fliehen, als fühlten sie sich beobachtet und verfolgt. Mancher von ihnen dreht sich misstrauisch um, ein Glatzkopf im Anzug zieht nervös an seiner Zigarette. Ein anderer drückt einem der Polizisten im Vorbeigehen kurz die Hand, dann richtet er den Blick wieder nach vorne.

Die Stimmung erinnert an einen Trauermarsch, auch als einige ältere Frauen vorbeikommen, die sich gedämpft unterhalten. Nur die jungen Mädchen in Kostümen, die bei der Festveranstaltung wohl als Tänzerinnen aufgetreten sind, scheinen guter Laune zu sein. Von ihnen ist die Anspannung bereits abgefallen, sie lachen gelöst, und eine junge Russin, die aus der Gruppe ihrer Freundinnen herausragt, läuft strahlend auf ihre Familie zu, die hinter der Straßensperre auf sie wartet. „Wir haben dich im Fernsehen gesehen“, ruft die Mutter in die gespenstische Stille hinein, „du bist wie immer die größte von allen gewesen.“

Derweil braust ein Mannschaftsbus mit militärisch Uniformierten in Richtung des Navoyi-Parks, während Busse mit jungen Männern in Anzügen oder mit Polizisten von dort angefahren kommen. Ausdruckslos starren die Insassen aus den Fenstern, kein lächelndes Gesicht ist zu sehen, kaum einer unterhält sich mit seinem Nachbarn, ein Gewehrlauf ragt über den Fenstersims.

Erst hinter der Straßenblockade lockert sich die Stimmung, die Anzugträger finden sich in Grüppchen zusammen und beginnen gedämpfte Gespräch zu führen. Irgendwann kommen auch keine Anzugträger mehr, sondern nur noch bescheidener gekleidete Festbesucher durch die Straßensperre gelaufen. Die Polizisten winken und zeigen damit an, dass das einfache Volk auf dem Weg nach Norden nun auf der rechten Spur passieren darf, während einige der Kleinlaster ihre Motoren anlassen. Endlich wird die erdrückende Stille wieder durch ein lautes Geräusch durchbrochen, langsam beginnt Tashkent wieder zur Normalität zurückzukehren.

tashkent6Am nächsten Tag wird der Verkehr wieder eintönig durch die Babur-Straße fließen, während Familien bei strahlendem Sonnenschein durch den Navoyi-Park spazieren oder mit ihren Kindern auf dem künstlichen See rudern werden. Doch die Trillerpfeifen werden bleiben. Sie sind keine Festmusik gewesen. Sie gehören zum Alltagssound von Tashkent.

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