Im Windschatten des Krieges

23.-29. Juli 2012, Gorno-Badakhshan (Tadschikistan). – Es sollte eine Rückkehr werden, eine Rückkehr nach Khorog, in die Heimat von einst. Langsam windet sich der Bus die Serpentinen abwärts und lässt die schroffe, lebensfeindliche Hochwüste des Ost-Pamir hinter sich. Das rauschende Wasser des Pamir-Flusses verheißt Leben, in den kleinen Seitentälern tauchen die ersten Bäume auf, drüben auf afghanischer Seite ziehen sich an den Berghängen kleine Bewässerungskanäle entlang. Dann eröffnet sich der Blick auf den Wakhan-Korridor unter uns, durch den der Grenzfluss Pjandsch fließt und in dem das saftige Grün der Auwälder eine neue Welt verheißt, eine Welt voller Flussoasen und belebter Dörfern.

Jetzt ist es nur noch eine Tagesreise bis Khorog, in die Hauptstadt der Autonomen Region Gorno-Badakhshan im Osten Tadschikistans. Dort fließen in spektakulärer Hochgebirgslandschaft die Flüsse Gunt und Shokhdara zusammen und weiter in den Pjandsch. Eine einzige Straße führt von dort aus in die 600 Kilometer entfernte Hauptstadt Dushanbe, flussabwärts entlang des Pjandsch. Eine weitere Straße, jene entlang des Gunt, führt durch die kaum besiedelten Hochwüsten des Ost-Pamir in das rund 700 Kilometer entfernte Osh, die Metropole Süd-Kirgisistans. Die anderen beiden Straßen, jene durch das Shokhdara-Tal und jene flussaufwärts entlang des Pjandsch, enden im Nirgendwo und sind nur durch Schotterpisten mit der Straße nach Osh verbunden.

Khorog mit seinen etwa 30.000 Einwohnern wirkt, ebenso wie ganz Gorno-Badakshan, abgeschnitten vom Rest der Welt. Fast jedes der Täler spricht eine eigene Sprache, die Einheimischen begreifen sich als „Pamiris“ statt als „Tadschiken“ und pflegen einen ausgeprägten Lokalpatriotismus. Zugleich aber gehören sie als Ismailiten einer der liberalsten und tolerantesten Glaubensrichtungen des Islam an und sprechen mehrere Fremdsprachen – Tadschikisch, Russisch und Englisch. Unzählige junge Männer und Frauen leben als Gastarbeiter in Russland oder studieren in Europa und Amerika.

Und dann gibt es natürlich Afghanistan auf der anderen Seite des Pjandsch. Die „Pamiris“ auf beiden Seiten haben die Sprache, Religion und Kultur gemeinsam, und manche von ihnen sind auf beiden Seiten am profitablen Schmuggel von Drogen beteiligt, die von Afghanistan über den Pjandsch nach Tadschikistan gelangen und dann über Khorog und Osh nach Russland transportiert werden, sowie von Tabak und Edelsteinen. Vier Bandenchefs in Khorog, so heißt es, sind vor Ort als die eigentlichen Autoritäten anerkannt und dominieren das Schmuggelgeschäft. Im Bürgerkrieg der 1990er Jahre haben sie gegen jene Kräfte gekämpft, die heute die Zentralregierung dominieren; danach haben sich mit der Zentralregierung arrangiert und öffentliche Ämter bekommen, doch zugleich haben sie ihre Waffen und ihren Einfluss behalten. Die lokale Bevölkerung hat nie vergessen, dass in den Bürgerkriegsjahren eben diese Waffen das unzugängliche Gorno-Badakhshan vor offenen Kriegshandlungen bewahrt haben, und sieht die Bandenchefs nicht nur als Kriminelle an, sondern auch als Volkshelden und Beschützer.

Seit dem Bürgerkrieg haben aber daneben auch andere Akteure an Bedeutung gewonnen, zivilgesellschaftliche Initiativen ebenso wie internationale Organisationen. Die einflussreichste ist das Entwicklungsnetzwerk des Aga Khan, des religiösen Oberhaupts der Ismailiten, den viele „Pamiris“ als ihren Wohltäter und Schutzpatron wahrnehmen und dessen – für westliche Ohren meist sehr modern und liberal klingendes – Wort in Gorno-Badakhshan mehr Gewicht hat als jedes weltliche Gesetz.

Zum ersten Mal seit zweieinhalb Tagen zeigt das Display des Handys wieder Empfang an. Jetzt ist Langar nicht mehr weit, das erste Dorf im Wakhan-Korridor, eine erfrischend grüne Oase inmitten grauer Bergmassive. Während der Blick darüber schweift, piepst unerwartet das Handy, und noch unerwarteter ist die Nachricht: „Bleibt weg aus Khorog. Es könnte Unruhen geben. Wir sind evakuiert worden. Alles Gute.“ Was soll das bedeuten? Vor Unruhen wird in Khorog immer wieder einmal gewarnt, vor allem wenn die Zentralregierung mit Großereignissen Präsenz zu zeigen versucht und damit die lokalen Autoritäten provoziert. Aber eine solch dramatische Warnung, das hat es in den vergangenen Jahren nie gegeben.

Zwei Anrufe in Khorog bringen nur wenig mehr Klarheit: Tatsächlich seien alle Ausländer aufgefordert, die Stadt zu verlassen, sagt einer der Betroffenen. Vor zwei Tagen sei der für Gorno-Badakhshan zuständige Geheimdienstgeneral ermordet worden. Niemand wisse, was das für Folgen haben würde, wir sollten vorsichtig sein und am nächsten Tag einfach noch einmal die aktuelle Lage erfragen, bevor wir nach Khorog hineinführen. Eine einheimische Kontaktperson klingt am Telefon entspannter: Ja, ein wenig komisch sei die Stimmung in Khorog schon, sagt sie erst auf Nachfrage, aber das sei kein Grund zur Beunruhigung, die Stadt sei sicher. „Meldet euch einfach, wenn ihr angekommen seid. Wir sehen uns dann spätestens übermorgen.“

Ein kleiner Streit und ein Bad im eiskalten Pamir-Fluss machen die Warnungen aus Khorog schnell vergessen. Am Abend erzählt der kirgisische Fahrer von den ethnischen Spannungen in seiner Heimat, der blutigen Revolution in Bishkek im April 2010 und den noch blutigeren Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Usbeken in Osh im Juni 2010. Der pamirische Gastgeber lauscht interessiert; er hat von den Ereignissen gehört, doch sie liegen jenseits seines eigenen Erfahrungshorizonts. Er ist im entlegensten Dorf des entlegenen Wakhan-Korridors aufgewachsen, in das selbst der blutige Bürgerkrieg der 1990er Jahre nicht gereicht hat.

Tag 1: Der nächste Morgen, es ist der 24. Juli 2012, beginnt mit einem Paukenschlag, einem Anruf vom Satellitentelefon aus einem Dorf am Pjandsch, etwa 30 Kilometer nördlich von Khorog. In der Stadt und ihrer Umgebung seien seit dem frühen Morgen alle Mobilfunknetze ausgeschalten. Niemand wisse, was dort vor sich gehe. Durchs Pjandsch-Tal flögen immer wieder Militärhubschrauber. Mit versteinertem Gesicht nehme ich die Nachrichten zur Kenntnis, mein erster Gedanke ist: „Das gibt Bürgerkrieg.“ Kaum vorstellbar, dass die Pamiris einen solchen Angriff der Zentralregierung auf „ihre“ Hauptstadt widerstandslos hinnehmen würden, was auch immer der Grund dafür gewesen sein mag; vor meinem inneren Auge sehe ich Khorog in Ruinen, die Straße nach Dushanbe gesprengt, die Pamiris hungern, Bewaffnete aus Afghanistan über den Pjandsch nach Gorno-Badakhshan strömen, die Region im Chaos versinken.

Wir fahren los in Richtung Ishkashim. Kurz hinter Langar überholen wir einen Mann mittleren Alters mit einem Gewehr über der Schulter, der in die gleiche Richtung läuft. Bildet sich bereits eine pamirische Bürgerwehr? Wenig später sehen wir ihn an einem provisorischen Checkpoint stehen, offenkundig gehört er doch zu den staatlichen Sicherheitskräften. Jeder im Wakhan-Korridor scheint zu wissen, dass in Khorog etwas Schlimmes passiert. Die Stimmung ist gedrückt, alle warten ab, es gibt unzählige widersprüchliche Gerüchte. Mal heißt es, die Straße zwischen Ishkashim und Khorog sei durch mehrere Checkpoints abgeriegelt, mal heißt es, man könne problemlos durchkommen. Wir beschließen, erst einmal bis Ishkashim zu fahren und dann zu entscheiden, ob wir dort bleiben oder näher an Khorog heranzukommen versuchen.

Der kirgisische Fahrer telefoniert ständig mit Bishkek, ich mit Dushanbe. In Kirgisistan sind bereits übers Internet Informationen verfügbar, dass in Khorog heftige Gefechte stattfinden. „Sie liquidieren jetzt die Oppositionellen“, sagt der kirgisische Fahrer nach einer Reihe von Gesprächen. „Die Regierung hat wohl gemeint, sie müsse jetzt endlich einmal Stärke zeigen“, sagt meine Kontaktperson in Dushanbe. „Meine pamirische Kollegin ist nur am Heulen, sie hat keine Nachricht von ihrer Familie“, sagt eine andere. Alle paar Minuten wähle ich eine Khoroger Nummer, nur um jedes Mal die Ansage zu bekommen, dass das Handy des Empfängers ausgeschalten sei.

Es ist später Nachmittag, als wir in Ishkashim ankommen, das etwa 120 Kilometer südlich von Khorog liegt. Gespenstisch ruhig ist es in dem Ort. Die Banken und viele Geschäfte sind geschlossen, die Fahrzeuge auf der Hauptstraße stehen still, nur vereinzelt sind kleine Gruppen junger Männer zu sehen, die mit angespannten Gesichtern abwarten oder ins Gespräch vertieft sind, am Himmel ballen sich dunkle Wolken zusammen. In einem Guesthouse am Ortsausgang finden gestrandete Reisende aus aller Welt eine Bleibe für die Nacht. „Sechshundert Meter weiter stehen bewaffnete Soldaten an einem Checkpoint und rufen nur nervös: ‚Zurück, zurück‘“, erzählt ein Jeep-Tourist aus Südafrika. „In Khorog ist Krieg“, sagt die Guesthouse-Besitzerin, sie ist voller Sorgen um ihre kleine Tochter, die in einem Ferienlager in Khorog weilt. „Sie töten alle, sie töten die Frauen und sie töten die Kinder.“

Es gebe keinen Strom, heißt es, das Wasserkraftwerk in Khorog, das auch Ishkashim versorge, sei abgeschaltet worden. Kurze Panik. Im Wakhan-Korridor hat das Mobilfunknetz den ganzen Tag über funktioniert, anders als in Khorog. Doch was ist, wenn die Batterien der Mobilfunkmasten aufgebraucht sind und es immer noch keinen Strom gibt? Es gebe Solarzellen an den Masten, meint die Guesthouse-Besitzerin und lässt mich erleichtert aufatmen.

Wenig später fließt wieder Strom, doch keiner weiß, für wie lange. Ich lade zuerst das Satellitentelefon auf, dann das Handy, am Ende den Computer. Die Verbindungen zur Außenwelt zu sichern, das ist jetzt das Wichtigste. Ich eile in das Geschäft des Mobilfunkbetreibers Tcell, um eine SIM-Karte für das USB-Modem zu kaufen und über das Mobilfunknetz ins Internet zu kommen. Die beiden Verkäuferinnen tuscheln und lachen gedämpft miteinander. „In Khorog ist Krieg zwischen der Regierung und der Bevölkerung“, antworten sie auf meine Frage hin. „Keiner weiß etwas Genaues. Hoffentlich ist es bald vorbei.“ Dann eile ich zurück ins Guesthouse in dem Glauben, endlich online Nachrichten lesen zu können. Doch die SIM-Karte funktioniert nicht, die Datenübertragung ausgeschalten. Es gibt in Ishkashim keinerlei Möglichkeit, ins Internet zu kommen.

Der Abend ist voller Gespräche, Telefonate und Gerüchte. „Wir gehen davon aus, dass in Khorog gerade alte Rechnungen aus dem Bürgerkrieg beglichen werden“, sagt ein kenntnisreicher Ausländer in Dushanbe. „In Dushanbe bekommt man kaum etwas mit von dem, was in Khorog passiert,“ berichtet ein anderer Ausländer aus der Hauptstadt. „Aber es heißt, dass den ganzen Tag über Kriegsmaterial zum Flughafen transportiert worden sei.“ Wieder eine andere Einschätzung: „Nach meinen Informationen sind 3.000 Soldaten auf dem Weg nach Khorog, das kann nach Lage der Dinge nichts Gutes verheißen.“ – „Wir haben alles Mögliche gehört“, sagt einer der am Vortag aus Khorog Evakuierten, der inzwischen in Dushanbe angekommen ist, „die Opferzahlen, die in Umlauf sind, reichen von 15 bis 300 Toten.“ – „Ich bekomme momentan nur über Afghanistan Informationen aus Khorog“, meint ein normalerweise hervorragend informierter Pamiri, der gerade in Dushanbe ist. „Demnach wird dort immer noch geschossen.“

Der Sohn der Guesthouse-Besitzerin gibt derweil die angeblich exklusive Information – die sich später als falsch erweisen wird – weiter, dass alle vier Bandenchefs in Khorog inzwischen getötet seien und die Militäroperation damit vor ihrem Ende stehe. Zuerst spricht er von 200, später von 300 Toten. „Solange sich die ganze Aktion nur gegen die Kriminellen richtet, werden wir das akzeptieren“, verkündet er großspurig. „Aber wenn einer unserer Brüder getötet wird, werden wir das nicht hinnehmen, dann werden wir ihn rächen. Dann werden wir alle kämpfen, dann werden die Pamiris aus Afghanistan nach Khorog kommen, aus Osh und aus Bishkek und von überallher.“

Ein junger Mann aus einem der Dörfer im Wakhan-Korridor – er wirkt intelligent und reflektiert – erzählt, dass er eigentlich in einigen Tagen mit einem Stipendium von PamirEnergy, dem lokalen Stromversorger, zum Studium nach Europa gehen sollte. „Aber die Situation in Khorog ist gerade sehr schlecht“, meint er traurig. „Ich weiß nicht, was aus diesen Plänen werden wird.“

Spätnachts klingelt noch einmal das Telefon. Der Anrufer aus Deutschland kennt Khorog so gut wie wenig andere Ausländer. „Es sieht so aus, als sei die Militäroperation von langer Hand vorbereitet gewesen“, sagt er. „Werden die Pamiris sich das gefallen lassen?“ frage ich. „Das ist ausgeschlossen, nachdem ihr Stolz auf solche Weise verletzt worden ist.“ Wenn der Konflikt nicht schnell ein Ende fände, würde Verstärkung aus Afghanistan kommen. Dann reichte eine Sprengladung auf der Straße nach Dushanbe, um die Regierungstruppen einzuschließen, mit unabsehbaren Folgen.

Ein gemeinsamer Freund wolle am nächsten Tag nach Khorog fahren, erwähnt mein Gesprächspartner noch. „Er will nach Hause, sagt er. Aber er klang auch so, als würde er mit in die Berge gehen, wenn es nötig werden sollte.“

Tag 2: Als ich am nächsten Morgen mit verquollenen Augen aufwache, heißt es, dass in der Nacht in Khorog nicht mehr geschossen worden sei. Zum ersten Mal gibt es die vage Hoffnung, dass der Krieg nach einem Tag vorbei sein könnte. Doch noch immer gibt es keine Telefonverbindung, noch immer ist die Straße gesperrt. Die Lage in Khorog sei nach wie vor instabil, meint ein Pamiri in Dushanbe. „Die Leute demonstrieren vor der Provinzverwaltung, und es finden Verhandlungen statt.“

Einigen Pamiris im Ausland ist es derweil gelungen, Kontakt nach Khorog hergestellt. Die Informationen, die über Deutschland und Kirgisistan nach Ishkashim kommen, sind widersprüchlich. Von einem Waffenstillstand ist die Rede, den der tadschikische Präsident Emomali Rahmon „aus humanitären Gründen“ verkündet hätte, von Scharfschützen an den Berghängen über Khorog, von verwesenden Leichen auf den Straßen, die nicht begraben werden dürften, von einem Bürgerkomitee, das die Situation zu stabilisieren versuche, von einer Kolonne von Dutzenden Militärfahrzeugen, die auf dem Weg nach Khorog seien, von dem bevorstehenden Rücktritt des Provinzgouverneurs. Westliche Medien schreiben über den angeblichen Kampf gegen islamistische Aufständische, während die Pamiris im Ausland Petitionen verfassen und weltweit Demonstrationen vor den tadschikischen Botschaften organisieren, um auf die Lage ihrer Familienangehörigen in Khorog aufmerksam zu machen, von denen sie keine Nachricht haben.

Die Lebensmittelpreise steigen. Es gebe in den Geschäften kaum Lagerhaltung, erzählt der Sohn der Guesthouse-Besitzerin, Waren würden regelmäßig und für den täglichen Bedarf geliefert. Er schleppt vier Säcke Mehl an und erwägt, mit uns ins kirgisische Osh zu fahren, um Lebensmittellieferungen für den Fall zu organisieren, dass die Straße nach Dushanbe dauerhaft gesperrt sein sollte. Einige alte Männer auf der Hauptstraße von Ishkashim ziehen Vergleiche zum Bürgerkrieg der 1990er Jahre, als Gorno-Badakhshan von der Außenwelt abgeschnitten war und hungern musste. „Das war schlimm damals“, sagt einer von ihnen. „Hoffentlich wird es diesmal nicht so weit kommen.“

Mittags fahren plötzlich etliche Autos am Guesthouse vorbei, sie kommen aus Richtung Khorog. Ist die Straße wieder offen? „Das sind junge Männer, die gestern zum Kämpfen nach Khorog gefahren sind“, erklärt der Sohn der Guesthouse-Besitzerin. „Aber sie sind nicht weit gekommen; an einem Checkpoint in Andarob sind sie zurückgeschickt worden.“ Der Checkpoint kurz hinter Ishkashim ist tatsächlich verschwunden, und ein Tankstellenwart bestätigt, dass der erste Checkpoint sich nun in Andarob befinde, auf halber Strecke nach Khorog. Wie es dahinter weiter geht, ist unklar; mal heißt es, dass lokale Dorfbewohner die Straße durch einen künstlichen Erdrutsch dauerhaft gesperrt hätten, mal heißt es, dass sie bald wieder passierbar sein würde.

„Sie – die Sicherheitskräfte – machen jetzt nur noch sauber, und spätestens morgen wird die Straße wieder offen sein“, verspricht ein junger Mann aus Ishkashim. Er meint es beruhigend, doch das russische Verb, das er benutzt – „saubermachen“ –, wirkt in diesem Zusammenhang makaber, es klingt nach dem Verwischen von Spuren und dem Abwaschen von Blut.

Dann ist plötzlich das tadschikische Mobilfunknetz ausgeschalten, auch in Ishkashim. Das kann kein gutes Zeichen sein. Warum sollten die staatlichen Sicherheitskräfte die Handyverbindung kappen, wenn doch bald die Straße frei gegeben werden soll? Der Sohn der Guesthouse-Besitzerin denkt bereits an andere Gefahren. Er winkt mich beiseite und meint, dass wir momentan in Ishkashim sicher seien. Aber wenn die Afghanen über den Pjandsch kommen… Für alle Fälle zeigt er mir ein geheimes Versteck, einen Kartoffelkeller im Gestrüpp. „Das kennen nur du und ich. Wenn etwas passiert, bringen wir euch alle dort hinein, machen die Tür zu und schichten Heu darüber, dann findet euch niemand.“ Auch der Reiseführer einer französischen Touristengruppe ist beunruhigt, er kommt aus der Hauptstadt Dushanbe und scheint den Pamiris alles zuzutrauen. „Ich habe das Gefühl, dass hier zu viele Ausländer an einem Ort sind“, sagt er unter vier Augen. „In Khorog wird jetzt verhandelt, es wäre der richtige Moment, ein Faustpfand zu gewinnen. Und wenn jemand auf die Idee kommen sollte, Ausländer zu entführen, dann wäre das Guesthouse für ihn der beste Ort.“

Hier ein Spaziergang durch Ishkashim, dort eine Rund Geldwechseln. Ich muss die Gruppe beruhigen, über afghanisches Roaming SMS nach Deutschland verschicken, das Satellitentelefon testen, zwischendurch wird ins Kissen geweint. So vergeht der Nachmittag, so kommt der Abend. Wir haben uns längst darauf eingestellt, am nächsten Morgen zurückzufahren nach Kirgisistan, zu ungewiss ist die Passierbarkeit der Straße nach Dushanbe, zu unsicher erscheint die Lage in Khorog, als dass wir ohne Risiko durch die Stadt fahren könnten.

Doch plötzlich verbreitet sich wie ein Lauffeuer die Nachricht, dass ein Auto aus Khorog gekommen sei. Ist die Straße also offen, sind alle anders lautenden Gerüchte damit widerlegt? Im nächsten Wagen sitzt die greise Mutter der Guesthouse-Besitzerin, sie kommt direkt aus Khorog. Freudestrahlende Gesichter, herzliche Umarmungen, dann wird sie ins Haus geleitet und draußen warten alle darauf, endlich Informationen aus erster Hand über die Lage in Khorog zu bekommen. Dort sei alles ruhig, heißt es. Geschossen werde nicht mehr, die Einwohner der Stadt, die in die Berge geflohen seien, kehrten langsam wieder in ihre Häuser zurück. Die Sicherheitskräfte räumten nur noch auf und hätten zugesagt, die Straße am Folgetag für den Verkehr frei zu geben.

Damit ist es doch wieder eine ernsthafte Option, am nächsten Morgen durch Khorog und weiter nach Dushanbe zu fahren. „Es scheint, als wäre die Apokalypse abgeblasen“, schreibe ich in mein Tagebuch, „als würde Khorog weiterleben und nicht im Bürgerkrieg versinken.“ Erleichtert, geradezu euphorisiert lege ich mich an diesem Abend schlafen. Es scheint, als wäre das Schlimmste ausgestanden, als hätte die Zeit der Ungewissheit bald ein Ende.

Tag 3: Am nächsten Morgen muss die Entscheidung fallen – weiter nach Dushanbe oder zurück nach Osh und Bishkek. Auch diese Nacht in Khorog sei ruhig geblieben, sagen die Einheimischen, und zahlreiche Fahrzeuge seien in Ishkashim angekommen. Die Autos, die am Abend zuvor abfahrbereit entlang der Hauptstraße gewartet haben, sind alle verschwunden, und mit ihnen der Sohn der Guesthouse-Besitzerin. Sind sie zum Kämpfen nach Khorog gefahren?

Egal, die Straße ist offensichtlich offen. Aber dürfen auch Ausländer sie passieren? Die lokale Polizei hat eine Antwort um sechs oder sieben Uhr morgens versprochen. Um acht Uhr heißt es, wir müssten noch zwanzig Minuten auf den Dienststellenleiter warten, nur dieser habe eine Direktverbindung nach Khorog und könne dort die Lage erfragen. Derweil berichtet eine Kontaktperson in Dushanbe, die Verhandlungen in Khorog zögen sich weiter hin und die Hauptbedingung der Zentralregierung sei die Übergabe aller Waffen. Niemand kann diese Information richtig einordnen, doch der Reiseführer der französischen Touristengruppe – er kommt selbst aus Dushanbe – ist besorgt. „Das bedeutet nichts Gutes. Die Bewaffneten in Khorog wissen genau, dass die Sicherheitskräfte sie über kurz oder lang umbringen werden, wenn sie sich nicht mehr selbst verteidigen können.“

Um halb neun taucht der Dienststellenleiter der Polizei auf, ein korrekter Mann, der erst noch weitere Erkundigungen einholen will, bevor er eine Auskunft gibt. Alles sieht nach einer Hinhaltetaktik aus, die sich endlos hinziehen kann. Doch um neun Uhr gibt es plötzlich eine offizielle, wenngleich nur mündliche Erlaubnis, durch Khorog zu fahren. Die Stadt sei ruhig, die Straße sicher. Die Studenten jubeln und liegen einander in den Armen, auf dem Hof vor dem Guesthouse herrscht plötzlich betriebsame Hektik, innerhalb von wenigen Minuten hat sich ein Konvoi aus vier Fahrzeugen gebildet. Die Guesthouse-Besitzerin winkt, wir haben uns mit dem ernsten Gruß verabschiedet: „Hoffentlich sehen wir uns unter friedlicheren Umständen wieder.“

In der allgemeinen Euphorie habe ich sicherheitshalber eine SMS nach Dushanbe abgeschickt. „Wir fahren jetzt durch Khorog. Haben grünes Licht von der lokalen Polizei. Spricht etwas dagegen?“ Wir sind kaum einen Kilometer weit gefahren, als das Handy klingelt. Die Verbindung ist schlecht, sie macht einen weiten Umweg über Afghanistan und Deutschland, doch es scheint wichtig zu sein. Ich bitte den Fahrer zu stoppen, der ganze Konvoi kommt zum Halten, eine Reihe von Krisentelefonaten beginnt. Die Botschaft ist klar: „Fahrt jetzt nicht durch Khorog. Der Waffenstillstand ist gerade aufgehoben. Es kann jederzeit wieder losgehen.“

Mit dieser Nachricht ist die Entscheidung für die Umkehr besiegelt. Mit ihr ist aber auch die Illusion beseitigt, die Krise in Khorog sei ausgestanden. Alles sieht nach einer dramatischen Verschlechterung der Lage dort aus, auch wenn die Leiterin der französischen Touristengruppe nicht daran glaubt. „Wir fahren trotzdem durch Khorog“, meint sie trotzig, und ich beginne zum ersten Mal die Nerven zu verlieren. „Die Regierung fordert, dass die Khoroger ihre Waffen abgeben“, fahre ich sie an. „Das käme einer Totalkapitulation gleich. Damit haben die Pamiris nichts mehr zu verlieren. Jetzt ist alles möglich.“ Ihr einheimischer Kollege telefoniert derweil mit seinem Chef in Dushanbe und scheint eine Bestätigung der Information zu erhalten, dass es zu gefährlich wäre, durch Khorog zu fahren. „Wahrscheinlich sehen wir uns spätestens heute Abend in Murgab“, sagt er und fährt erst einmal zum Tanken.

Damit hat sich der Konvoi aufgelöst. Im Wakhan-Korridor herrscht Friedhofsruhe, hier kann sich jeder selbst durchschlagen. Der kirgisische Fahrer sitzt mit verkniffenem Gesicht hinter dem Steuer, sein rasanter Fahrstil verrät alles über seine Stimmung. Fast alle im Bus haben ihre MP3-Player ausgepackt und sich mit Kopfhörern von der Außenwelt abgeschirmt. Keiner redet, eine junge Frau weint. Wenige Kilometer hinter Ishkashim haben wir auch kein afghanisches Mobilfunknetz mehr. Meine Hände schwitzen und umklammern das Satellitentelefon. Es ist jetzt unsere einzige Verbindung zur Außenwelt, doch ich muss selbst erst noch lernen, damit umzugehen.

Wir sind unter dem Eindruck der Nachricht aus Ishkashim aufgebrochen, dass der Waffenstillstand aufgehoben sei und die Situation jederzeit wieder eskalieren könne. Wir sind auf der Flucht und wissen nicht, was sich hinter unserem Rücken abspielt, ob bereits wieder geschossen wird und Khorog in Flammen steht. Als wir mittags in Langar – jenem Ort, an dem uns vor knapp drei Tagen die ersten Warnungen erreicht haben – ankommen, halte ich es nicht länger aus, schalte das Satellitentelefon an, richte die Antenne nach Südwesten aus und wähle eine Nummer in Dushanbe. In Khorog sei es „vorerst ruhig“, heißt es.

Anfangs bin ich voller Erleichterung über das „ruhig“, doch im Lauf des Nachmittags steigt die Unruhe über das „vorerst“. Beim nächsten Anruf ist von weiteren Verstärkungen für die Regierungstruppen in Khorog die Rede und von einer erneuten Evakuierungsaufforderung an die Ausländer in Khorog. „Es scheint, als wollte die Zentralregierung noch einmal richtig aufräumen“, sagt unsere Gewährsperson in Dushanbe. Kurz vor Alichur, an der Straße von Khorog nach Osh, hat das Militär einen Checkpoint errichtet. Kleine Steine auf unserer Seite der Straße markieren die Haltelinie, bewaffnete Soldaten stehen nervös abwartend herum, im Ernstfall sollen sie sich hinter einer provisorischen Mauer aus Sandsäcken verschanzen. Der Checkpoint dient offenkundig dazu, Flüchtlinge aus Khorog zu kontrollieren und gegebenenfalls mit Waffengewalt aufzuhalten.

Wir dürfen passieren und fahren noch zwei Stunden durch die Hochebenen des Ost-Pamir. Die Berge werden von der Abendsonne beschienen, die Landschaft ist atemberaubend. Der Checkpoint vor Murgab, dem einzig größeren Ort im Ost-Pamir, ist nicht neu, doch diesmal stehen bewaffnete Soldaten davor, und sie patrouillieren auch entlang der Hauptstraße von Murgab. Etwa 40 Soldaten aus der lokalen Kaserne seien wenige Stunden zuvor nach Khorog aufgebrochen, sagen die Einheimischen. Der kirgisische Fahrer fährt tanken und erzählt danach, dass sich auch rund 250 pamirische Männer aus Murgab auf den Weg gemacht hätten, sie hätten ebenfalls im Lauf des Tages ihre Autos aufgetankt und wollten in Khorog kämpfen. Und die Checkpoints? „Die Einheimischen kennen ihre Schleichwege doch ganz genau“, antwortet er. „Diejenigen, die wirklich zum Kämpfen entschlossen sind, hält kein Checkpoint auf.“

Es sieht so aus, als würden beide Seiten alle verfügbaren Kräfte mobilisieren, als wäre eine Eskalation unvermeidlich. Spätnachts telefoniere ich noch mit Deutschland. „Wir haben heute zum ersten Mal Satellitenbilder aus Khorog gesehen“, heißt es. „Die ganze Stadt ist von Scharfschützen umzingelt.“ Die Zentralregierung habe eine schwarze Liste erstellt, sie fordere die Auslieferung der Personen, die darauf stünden, und die Abgabe aller Waffen. „Aber die Pamiris sagen natürlich, erst einmal solle das Militär aus Khorog verschwinden und danach könne man über alles reden. Immerhin ist das Ultimatum um 24 Stunden verlängert, das zeigt, dass es zumindest noch Gesprächsbedarf gibt.“ Die USA und EU hätten die Militäroperation inzwischen mit deutlichen Worten verurteilt, und hinter den Kulissen fänden wohl auch die Russen kritische Worte.

Im Guesthouse übernachtet noch eine Gruppe von Touristen aus den Niederlanden. Sie sind vor drei Tagen aus Osh gekommen – und in Murgab gestrandet. Auch sie haben am Morgen die Erlaubnis erhalten, durch Khorog zu fahren, sind dann aber an einem Checkpoint zurückgewiesen worden. Die beiden Fahrer sind Tadschiken aus Dushanbe, und sie haben Angst davor, durch Khorog zu fahren. Die Pamiris dort seien in einer verzweifelten Lage – alle Straßen seien gesperrt, das Militär kontrolliere die Berghänge und schieße aus Hubschraubern, eigentlich bleibe ihnen nur der Fluchtweg nach Afghanistan. Es bestünde die Gefahr, dass sie versuchten, Tadschiken als Geiseln zu nehmen, um die Zentralregierung unter Druck zu setzen. Plötzlich wirkt der Konflikt ethnisch aufgeladen, als kämpften nicht Staat und Bandenchefs gegeneinander, sondern Tadschiken und Pamiris.

Zum ersten Mal gibt es auch Nachrichten von Einzelschicksalen. Murgab, ein Ort mit etwa 7.000 Einwohnern, habe zwei Todesfälle zu beklagen, so haben es die beiden Fahrer aus Dushanbe während ihrer Erkundigungen im Ort in Erfahrung gebracht. Ein junger Kirgise von hier, der in Khorog studiert habe, sei beim Verlassen seines Hauses von einer verirrten Kugel getroffen worden, ebenso ein älterer Pamiri aus Murgab. Auch viele Soldaten hätten ihr Leben lassen müssen, in anderen Landesteilen gebe es bereits Demonstrationen dagegen, dass die jungen Männer von dort als Kanonenfutter nach Khorog geschickt würden.

Warum dieser Blutzoll? „Khorog hat nach eigenen Gesetzen gelebt“, erklären die beiden Tadschiken. „Einige lokale Autoritäten haben das Sagen gehabt, und sie haben sich über die Vertreter des Staates lustig gemacht. Welcher Staat würde dergleichen auf Dauer akzeptieren?“ In den übrigen Landesteilen habe die Zentralregierung bereits in den vergangenen Jahren „aufgeräumt“, also konkurrierende lokale Machthaber beseitigt, die im Bürgerkrieg meist als Warlords auf Seiten der Opposition gekämpft hatten. Allein in Gorno-Badakhshan gebe es noch Individuen und Loyalitätsstrukturen, die eine Gefahr für die Zentralregierung darstellten, doch hier sei das „Aufräumen“ offenkundig nicht so einfach wie anderswo.

Hat es eine ähnliche Situation in Tadschikistan schon einmal gegeben? „Nein, das ist die schwerste Krise seit dem Bürgerkrieg“, sagt einer der beiden Fahrer aus Dushanbe ohne Zögern. „Die Sicherheitskräfte sind viel zu brutal vorgegangen. Sie hätten im Stillen diejenigen Leute liquidieren sollen, auf die es die Zentralregierung eigentlich abgesehen gehabt hat. Jetzt sind so viele unschuldige Menschen tot, jetzt gibt es auch für die Pamiris kein Zurück mehr.“ Ich gehe in dem Gefühl schlafen, dass die Nacht in Khorog sehr blutig werden könnte. „Die Apokalypse ist nicht aufgehoben“, notiere ich in mein Tagebuch, „sie ist nur aufgeschoben.“

Tag 4: Ein neuer Morgen beginnt. Die Sonne scheint, die bewaffneten Patrouillen entlang der Hauptstraße sind verschwunden, das Satellitentelefon ist aufgeladen, aber es gibt noch keine Nachrichten aus Khorog. Während der folgenden hundertfünfzig Kilometer starre ich ausdruckslos aus dem Fenster und denke darüber nach, ob ich tatsächlich den Schritt über die Grenze tun sollte. Käme es nicht Verrat gleich, Gorno-Badakhshan in seiner schwersten Krise einfach zu verlassen? Würde das Satellitentelefon nicht eigentlich in Khorog viel dringender gebraucht als irgendwo sonst? Würde die Zentralregierung auf absehbare Zeit wieder Ausländern die Einreise nach Gorno-Badakshhan gestatten, die unabhängig über die Situation dort berichten könnten?

Am Ende bin ich zu erschöpft, vielleicht auch zu vernünftig für eine dramatische Entscheidung. Aus Deutschland heißt es, dass die Nacht in Khorog ruhig gewesen sei. Auch das Ultimatum der Zentralregierung verstreicht am Mittag, ohne dass es zu neuen gewaltsamen Auseinandersetzungen käme. Ein wenig Optimismus kehrt zurück. Die jungen Männer am tadschikischen Grenzposten, auf über 4.000 Höhenmetern gelegen, sind nervös. Der kirgisische Fahrer streitet mit einem Zollbeamten herum, argumentiert mit der Situation in Khorog und bittet darum, dass er uns möglichst schnell passieren lassen möge. „Komm mir nicht mit Khorog“, fährt ihn sein Gesprächspartner aggressiv an, „ich habe auch meine Eltern dort.“

Auf kirgisischer Seite ist alles viel einfacher. Vor zwei Tagen erst ist eine neue Verordnung in Kraft getreten, die den Staatsangehörigen zahlreicher Länder die visafreie Einreise nach Kirgisistan ermöglicht; nur dank ihrer können wir überhaupt wieder dorthin zurückkehren. Die Verordnung ist am Grenzposten bekannt und wird professionell umgesetzt, alle gegenteiligen Befürchtungen sind unbegründet gewesen. Vor zwei Jahren ist Süd-Kirgisistan noch von blutigen, ethnisch überformten Konflikten erschüttert worden und hat an der Schwelle zum Bürgerkrieg gestanden. Jetzt erscheint es als friedlicher Hafen von Ordnung und Stabilität. Hier funktioniert das Mobilfunknetz wieder; wir senden die Nachricht, dass wir das Krisengebiet verlassen haben, hinaus in die Welt, und erfahren, dass die deutsche Botschaft unsere Evakuierung aus Ishkashim mit dem Hubschrauber erwogen hat.

Tag 5: Aber noch ist die Odyssee nicht zu Ende, auch am folgenden Tag sind wir mehr als zwölf Stunden in den Bussen unterwegs, um von Osh nach Bishkek zu kommen, in die Hauptstadt Kirgisistans mit ihrem internationalen Flughafen. Es ist ein strapaziöser Tag, ich bin erschöpft wie selten zuvor, doch immerhin haben wir über weite Strecken hinweg gutes Mobilfunknetz und damit die Möglichkeit, im Internet jene Artikel zu durchstöbern, die bisher über den Konflikt in Khorog publiziert worden sind.

Offensichtlich ist, dass am 24. Juli viele Medien noch relativ unkritisch die Propaganda der tadschikischen Regierung aufgegriffen haben und all jene Begriffe vermengt haben, vor denen der Westen Angst hat – „Islamisten“, „Aufständische“, „Afghanistan“, „bewaffnete Bande“, „Drogenschmuggel“, „Taliban“. Inzwischen sind auch tiefergehende und kritische Analysen im Internet zu finden. Doch noch immer macht sich die weitgehende Blockade von Khorog, das vom Zugang zu fast allen Kommunikationsmitteln abgeschnitten ist, darin bemerkbar, dass keine verlässlichen Informationen darüber vorliegen, was eigentlich in der Stadt passiert ist.

Immerhin so viel ist inzwischen klar: Am 21. Juli wurde der für Gorno-Badakhshan zuständige Geheimdienstgeneral Abdullo Nazarov unter ungeklärten Umständen getötet. Die Zentralregierung gab die Schuld daran Tolib Ayumbekov, einem der vier Bandenchefs und lokalen Autoritäten von Khorog, und forderte, dass dieser sich den Sicherheitskräften stelle. Als das Ultimatum abgelaufen war, begann in den Morgenstunden des 24. Juli die Militäroperation, von der Experten sagen, dass sie von langer Hand vorbereitet gewesen sein müsse. Mit Beginn der Kämpfe wurden die Mobilfunk-, Festnetz- und Internetverbindungen ausgeschalten und Hunderte von Soldaten auf Lastwagen in die Stadt gebracht. Scharfschützen wurden an den Berghängen über Khorog abgesetzt, aus Hubschraubern mit Munition und Lebensmitteln versorgt, von jungen und unerfahrenen Wehrpflichtigen begleitet.

Offiziell war die Militäroperation gegen Tolib Ayumbekov und dessen bewaffnete Anhänger gerichtet. Tatsächlich aber richtete sich der Angriff auch gegen die anderen Bandenchefs von Khorog, ihre Stadtviertel waren heftig umkämpft. Der lokale Vorsitzende der oppositionellen Partei der Islamischen Wiedergeburt wurde ermordet, Dutzende weiterer Bewohner von Khorog und Umgebung wurden festgenommen und nach Dushanbe gebracht, obwohl sie nichts mit dem Tod Nazarovs zu tun gehabt hatten. Als die Kämpfe am Abend des 24. Juli eingestellt wurden, lebten alle vier Bandenchefs von Khorog und waren auf freiem Fuß. Dafür waren nach offiziellen Angaben 17 Soldaten, 30 Bewaffnete aus Khorog und ein Zivilist tot. Einheimische sprachen von über 100 toten Soldaten und rund 20 toten Zivilisten.

Nach der Einstellung der Kampfhandlungen forderte die Zentralregierung von den bewaffneten Gruppen der Bandenchefs die Aushändigung aller Waffen und versprach im Gegenzug vage eine Amnestie. Ein Komitee aus Khoroger Bürgern begann zwischen der Zentralregierung und den bewaffneten Gruppen zu vermitteln, und der Aga Khan, das religiöse Oberhaupt der Ismailiten, rief in mehreren Appellen an seine Glaubensgemeinschaft zum Gewaltverzicht auf. Erst diese Intervention führte zu einer Einstellung der Kämpfe und der Abgabe der Waffen.

Die Zivilbevölkerung von Khorog wurde bei der Auseinandersetzung zwischen Zentralregierung und Bandenchefs bzw. Opposition in Geiselhaft genommen. Sie hat auf unabsehbare Zeit unter zahlreichen zivilen Toten, einer fast totalen Kommunikationsblockade, massiver Militärpräsenz, steigenden Lebensmittelpreisen, einem zerstörten Vertrauensverhältnis zur politischen Führung und völliger Ungewissheit über die kurz- und mittelfristige Zukunft zu leiden.

Am späten Abend, als wir in Bishkek ankommen, gibt es zumindest eine gute Nachricht: Die Festnetzverbindung in Khorog funktioniert wieder. „Ich habe heute mit meiner ganzen Familie telefoniert“, schreibt eine Bekannte aus Khorog, die während der Ereignisse der vergangenen Tage im Westen Tadschikistans geweilt und nicht gewusst hat, ob ihre nächsten Angehörigen noch lebten. „Ich bin glücklich.“ Diese drei Worte lassen viel von dem erahnen, was die Pamiris in Dushanbe und Moskau und überall auf der Welt in jenen langen Stunden durchgemacht haben müssen, in denen in ihrer Heimat der Krieg tobte und sie keine Nachricht von ihren Verwandten und Freunden hatten.

Tag 6: Die Nacht ist kurz, doch der Schlaf ist tief. Am nächsten Morgen blinzele ich ungläubig durch die Baumkrone im Garten in den blauen, friedlichen Himmel über Bishkek hinein. Es ist, als wäre ein Alptraum zu Ende gegangen. Alles wirkt plötzlich so unwirklich. Wenn da nur nicht die Erinnerung wäre, die so scharf und präzise ist, als wäre alles tatsächlich so geschehen.

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