Das Fest des Aga Khan

aga-khan-fest-1Gerüchte wabern durchs Land. Islamistische Kämpfer sollen sich aus Pakistan oder Afghanistan nach Tadschikistan durchgeschlagen haben. Regierungstruppen sollen sich unter dem Deckmantel einer Anti-Drogen-Operation Gefechte mit ihnen und mit oppositionellen Gruppen geliefert haben. Belastbare Informationen hat kaum jemand, doch plötzlich wird auch in westlichen Medien darüber spekuliert, wie anfällig Tadschikistan gegenüber der islamistischen Bedrohung ist und ob dort die Fronten des Bürgerkriegs der 90er Jahre wieder aufbrechen könnten.

In Khorog wird derweil gefeiert. Hier im Pamir-Gebirge ticken die Uhren seit jeher etwas anders als im Rest des Landes. Unzugänglich ist diese Region im Osten Tadschikistans, und ihre Bewohner sind in ihrer großen Mehrheit Ismailiten, Anhänger einer islamischen Glaubensrichtung und ihres religiösen Oberhaupts, des Aga Khan. Dieser lebt in der Gegend von Paris, ist britischer Staatsbürger und in zweiter Ehe mit einer Deutschen verheiratet, gehört zu den reichsten Männern der Welt und finanziert ein Entwicklungshilfe-Netzwerk, das in Kenia genauso aktiv ist wie in Afghanistan. Wann immer er hierher ins dünn besiedelte Pamir-Gebirge kommt, wird er von verzückten Menschenmassen bejubelt.

aga-khan-fest-2Heute wird der 52. Jahrestag seiner Amtsübernahme als religiöses Oberhaupt der Ismailiten gefeiert. Deshalb sind die Menschen in einem Stadion am Rande der Stadt zusammengeströmt, das mit schwimmbadblauen Planen ausgelegt ist. Mal schwebt eine Sängerin in violetten Kleidern und mit Mikrofon am Mund darüber, mal vollführen Schulkinder in bunten Kostümen einen Tanz, und schließlich übernehmen die Ringer aus der ganzen Region das Feld. Auf gelben Matten in der Mitte des Platzes treten sie gegeneinander an, zuerst die ganz Kleinen und später auch die jungen Männer, während die Ergebnisse der Wettkämpfe an einem Tisch registriert werden, der mit einer Konstruktion aus Verpackungskartons und einem schweren Teppich notdürftig überdacht ist. Denn die Sonne brennt vom Himmel und bringt auch das Publikum zum Schwitzen. Zwei Männer haben sich Hüte aus Zeitungspapier gebaut, während die meisten Frauen auf den einfachen Tribünen Regenschirme mitgebracht haben. Eine von ihnen hat eine weißhaarige westliche Touristin ausgemacht, die der Sonne schutzlos ausgesetzt ist, und reicht ihr lächelnd ihren eigenen Regenschirm. Diese wehrt das freundliche Angebot bescheiden ab, und nach einigem Gestikulieren sitzen beide nebeneinander unter einem gemeinsamen Regenschirm.

aga-khan-fest-3Das Grün des Aga Khan hält sich dezent im Hintergrund, ist aber trotzdem überall präsent. Die Ehrentribüne ist ebenso grün-rot wie die Girlanden herum; grüne Banner mit dem Wappen des Aga Khan sind auf allen Seiten des Stadions und sogar auf dem Bergrücken dahinter angebracht. Junge Freiwillige – die Frauen in Rot und die Männer in Weiß, oft mit einem Handy am Ohr – sorgen für Ordnung und achten darauf, dass sich keine kleinen Kinder in die schwimmbadblaue Stadionfläche stürzen. Uniformierte sind dagegen nicht zu sehen, die Staatsgewalt scheint abwesend zu sein, ohne dass dies erkennbare Auswirkungen auf die Sicherheit hätte. Die Stimmung ist entspannt, und keiner lässt sich dadurch aus der festtäglichen Ruhe bringen, dass ein Volleyball auf einen der Regenschirme stürzt und weiterrollt zu den Tänzern und Ringern.

aga-khan-fest-4Er kommt von dem Schulhof nebenan, von dem immer wieder Beifallsstürme herüberwehen. Dort stehen die – meist männlichen – Zuschauer dicht gedrängt hinter dem Zaun und um das Spielfeld, einige auch auf Mauern und Hausdächern, um jubelnd und skandierend einem Volleyballspiel zu folgen. Dass die Spieler völlig uneinheitliche Trikots tragen, stört niemanden; einer von ihnen schmückt sich mit dem Outfit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und dem Namen von Stefan Klose, ein anderer in Blau-Weiß bringt während eines Seitenwechsels mit einem Handwink seine Fankurve zum Jubeln. Einmal hechtet ein Spieler in Weiß nach dem Ball und stürzt dabei auf einen hockenden Zuschauer, der sich als Sonnenschutz einen Pullover über den Kopf gehalten hat und sichtlich verärgert über den Zusammenstoß ist. Ein bärtiger Auswechsel-Spieler in Grün-Gelb mit einer 3 auf dem Rücken rettet die Situation – er scheint den Geschädigten gut zu kennen, eilt auf ihn zu und drückt ihn demonstrativ an sich. Dieser kann sich der Umarmung nicht entziehen und muss grinsen, das Publikum lacht und johlt, und das Spiel kann weitergehen.

Knapp endet es schließlich, aber doch mit einem Sieg für eine Seite. Einer der Spieler in Blau wird von seinen Fans enthusiastisch gefeiert und in die Luft gehoben, der Mann in Grün-Gelb umarmt einige Bekannte im Publikum und steckt sich nebenbei eine Zigarette an, während sich das Publikum schnell verläuft und bald nur noch der Müll und einige blaue Stühle und Tische davon zeugen, dass auf dem staubigen Schulhof ein großes Sportevent mit Hunderten von Zuschauern stattgefunden hat. Das Treiben verlagert sich jetzt auf Gegend um das Stadion herum: Familien flanieren durch die Straßen, die an diesem Tag für Autos gesperrt sind, kleine Kinder schlecken klebrig-gelbes Eis aus kleinen Papierbechern. Junge Frauen und Männer sind meist in getrennten Gruppen unterwegs, stehen manchmal aber auch flirtend beisammen. Und ein Psychologie-Dozent von der örtlichen Universität erklärt lachend: „Das ist unser wichtigstes religiöses Fest.“

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