Begegnung mit Afghanistan

afghanischer-markt-1Am Brückenpfeiler auf der anderen Seite des Grenzflusses Pjandsch weht die schwarz-rot-grüne Fahne Afghanistans. Auch die bärtigen Männer in graubraunen Uniformen und Springerstiefeln, Walkie-Talkies und Handschellen am Gürtel und Schirmmützen auf dem Kopf tragen die Landesfarben Afghanistans am Ärmel. Jeden Samstag kommen sie über die Brücke hierher, auf die tadschikische Seite des Grenzübergangs unweit der Stadt Khorog, um ihre Waren feilzubieten oder zwischen den Marktständen herumzuschlendern: afghanische Händler und afghanische Uniformträger.

Ein Ring kleiner niedriger Häuschen mit Geschäften und Räumen für die Grenzpolizisten umgibt den Marktplatz. Ein Tor führt auf die Grenzbrücke, ein anderes auf die Straße nach Khorog. Durch das eine betreten die Afghanen den Marktplatz, durch das andere die Tadschiken. Unregelmäßig ist der Menschenstrom über die Grenzbrücke, er hat kein Alter, aber er hat ein Geschlecht. Es sind Männer in meist traditioneller Kleidung, jung und alt, die auf dem staubigen Boden Tadschikistans ihre Waren ausbreiten und von diesem Boden aus aufblicken zu Frauen, die in der Sowjetunion aufgewachsen oder zumindest geboren sind. Hier der junge Afghane in seinem weißen Umhang und der grauen Weste, dort die Tadschikin mit Sonnenbrille, offenem Haar, einer schwarzen Kunstledertasche und einem eng geschnittenen roten Kleid, das keine Ärmel hat und nur bis zu den Knien reicht.

afghanischer-markt-2Wenn buntes Tuch geschnitten wird oder Säckchen mit ebenso bunten Gewürzen die Blicke auf sich ziehen, fühlt man sich für einen kurzen Moment wie auf einem orientalischen Markt. Doch die architektonische Dominanz des Betons und die Billigwaren an den meisten Ständen erinnern schnell wieder daran, dass dies nicht Kairo ist und auch nicht Tunis. Nicht afghanische Handarbeit wird zur Schau gestellt, sondern Plastiksandalen, Shampooflaschen, Baseball Caps und Küchensiebe aus den Massenproduktionsstätten dieser Welt; auf den Verpackungen herrscht ein Durcheinander aus chinesischen Schriftzeichen, arabisch-persischen, kyrillischen und lateinischen Buchstaben.

Auf einem der auf dem Boden ausgebreiteten Tücher liegen DVDs, unter denen ein Cover auffällt, das Bilder in schlechter Auflösung von Kampfflugzeugen und vermummten Kämpfer zeigt, es scheint um Afghanistan zu gehen. Der afghanische Händler versteht kein Russisch, doch ein Tadschike hilft bei der Verständigung und beim Verhandeln – die Menschen diesseits und jenseits der Grenze verstehen einander, ist das Tadschikische doch wie Farsi eine persische Sprache, auch wenn es mit kyrillischen statt mit arabischen Buchstaben geschrieben wird. Trotzdem bleiben Afghanen und Tadschiken, abgesehen von den Gesprächen an den Verkaufsständen, auf dem Markt weitgehend unter sich, nur selten werden grenzüberschreitende Männerfreundschaften gepflegt.

afghanischer-markt-3Etwas abseits der großen Überdachung werden an einem Stand Portraitfotos und Schlüsselanhänger mit dem Bild des Aga Khan verkauft, der auf beiden Seite der Grenze zahlreiche Anhänger hat. Mal trägt das in Frankreich lebende Oberhaupt der ismailitischen Muslime einen westlichen Anzug, mal traditionelle afghanische Kleidung, mal zerschneidet er zusammen mit dem tadschikischen Präsidenten ein rotes Band anlässlich der Einweihung einer von ihm finanzierten Baumaßnahme. Der afghanische Händler trägt zwar einen Bart, versucht sich aber mit seiner Halbglatze erkennbar an der Haartracht des Aga Khan zu orientieren. Auf der anderen Seite des Tisches hält die tadschikische Käuferin stolz das erworbene Foto in der Hand und drückt dem Aga Khan einen Kuss auf die Stirn. Vor dem tadschikischen Tor zum Marktplatz wankt derweil ein Mann herum, dem das Blut aus Mund und Nase rinnt und der von einem Polizisten abgewiesen wird, und durch das afghanische Tor treten die Händler den Rückweg auf die andere Seite des Pjandsch an, wo neben dem Zollabfertigungsgebäude Geländewagen und Minibusse auf sie warten.

Am Abend schiebe ich die neu erworbene DVD ins CD-Laufwerk meines Laptops. Anstelle eines professionellen Dokumentarfilmes finde ich darauf ein oft unscharfes und verwackeltes Amateurvideo. Karge, graubraune Landschaften sind zu sehen, oft wird der Horizont von Bergen begrenzt. Es wird viel geschossen in diesem Video: Männer in weißen Umhängen, grauen Westen, Turban und Kalaschnikows machen Schießübungen, stehen erregt diskutierend um einen zerschossenen Jeep, um den herum drei tote Männer liegen, sammeln sich in einem Dorf, sprengen lachend ein verfallenes Gebäude in die Luft, spotten über Plakate der afghanischen Regierung, marschieren im Trupp eine staubige Straße entlang, fahren mit Motorrädern über holpriges Terrain, nehmen schließlich einen Konvoi von Geländewagen unter Beschuss und brausen dann auf ihren Motorrädern wieder davon. Schließlich wird ein häusliches Gespräch wiedergegeben, mit Babygeschrei im Hintergrund. Die Kamera ist auf den Teppich gerichtet, der Sprecher will nicht erkannt werden, und es wird ein Datum eingeblendet: der 19. August 2008, der Tag nach einem Taliban-Hinterhalt, bei dem zehn französische NATO-Soldaten östlich von Kabul ihr Leben lassen mussten.

afghanischer-markt-4Unwillkürlich muss ich daran denken, in welcher Umgebung ich das Video auf dem Markt gefunden habe: zwischen DVD-Covers mit arabischer Schrift und Abbildungen von Bollywood-Stars und leicht bekleideten Showgirls.

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