In einem Guesthouse in Murgab

murgab-1Murgab liegt auf 3.600 Meter Höhe. Mit 5.000 Einwohnern ist es der einzige größere Ort entlang des Pamir-Highway zwischen dem tadschikischen Khorog und dem kirgisischen Osh. Diese Straße, die durch eines der höchsten Gebirge der Welt führt, ist ein Nadelöhr für die Abenteurer des 21. Jahrhunderts auf ihrem Weg von Ost nach West und von West nach Ost. Auf ihren Mountainbikes und mit ihrer Hightech-Ausrüstung aus den Laboren Europas und Nordamerikas ringen sie den Bergpässen und Staubpisten Kilometer um Kilometer ab, um von Peking nach Istanbul zu gelangen oder von Samarkand nach Delhi. Hier in Murgab machen sie Station, um nach einigen Nächten im Zelt endlich wieder den Luxus von warmem Wasser zu genießen und mit Hilfe des einzigen Internetanschlusses im Ort Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen.

„Was suchen sie hier?“, fragt fassungslos der alte Mann mit seinem weißen Bart, der auf der Bank vor dem Guesthouse sitzt und auf die beiden Mountainbikes deutet. „Woher nehmen sie das Geld zum Reisen? Was ist denn von Interesse für sie? Es gibt doch hier nur Steine,“ sagt er mit theatralischer Geste in Richtung der Berge, die im Licht der aufgehenden Sonne goldgelb leuchten. Ein Kaufmann aus der fernen Hauptstadt Dushanbe ist er, mit einem Lastwagen ins Gebirge gekommen, um dort Waren zu verkaufen und Geschäfte zu machen.

bikes-1Die Besitzer der beiden Mountainbikes haben inzwischen auf den Matratzen Platz genommen, die um den Frühstückstisch herumliegen. Ein junges holländisches Paar, sie haben ihre gut bezahlten Jobs aufgegeben, um im Libanon als Freiwillige zu arbeiten und anschließend eine Radtour rund ums Mittelmeer zu machen. Dann aber erfasste sie der Drang gen Osten, jetzt wollen sie durch China über den Himalaya bis nach Indien, vielleicht auch weiter bis nach Thailand. Durch den Iran sind sie gefahren, Teheran haben sie in jenen Tagen des Juni 2009 erlebt, in denen die Opposition die Straßen der Hauptstadt beherrschte. Die junge Generation dort sei eine tickende Zeitbombe für die Mullahs, sagen sie, gegen deren Regime eingestellt und voller Begeisterung für Amerika. Nach den Wahlen hätten sich die Spannungen in einer emotionalen Eruption entladen, nicht für den Gegenkandidaten des amtierenden Präsidenten Ahmadinedschad, sondern gegen das politische System an sich. Unzählige Male seien sie von jungen Leuten angesprochen worden, die sie für Amerikaner gehalten und sich von ihnen Hilfe erhofft hätten.

Da drängt sich der LKW-Fahrer, der zusammen mit dem Kaufmann aus Dushanbe nach Murgab gekommen ist, ins Gespräch. Auf Russisch erzählt er von der alten Zeit, als junge Soldaten aus Zentralasien dank der Sowjetarmee Potsdam sehen und zur Erntezeit zusammen mit deutschen Mädchen auf Kartoffeläckern arbeiten konnten. Die Russen hätten die übrigen Sowjetrepubliken nur ausgebeutet, klagt er dann unvermittelt, aus ihnen Rohstoffe entnommen, aber keine Infrastruktur geschaffen. Ob ein Vergleich mit Afghanistan nicht zeige, frage ich, dass auch Tadschikistan in der Sowjetzeit modernisiert worden sei? Er lacht: Den Afghanen gehe es doch viel besser als den Tadschiken – der Drogenreichtum sei schließlich der einzige Grund dafür, dass einst die Russen und heute die NATO um dieses Land einen Krieg führten. Dann beginnt er wieder zu klagen, diesmal darüber, dass auch jetzt, zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, die Baumwollbauern im Westen Tadschikistans keine Zukunftschancen bekämen.

„Aber Chancen muss man sich doch selbst schaffen, man kann doch nicht einfach darauf warten, dass Andere sie einem geben,“ wundern sich die beiden Holländer, als ich den Inhalt des Gesprächs für sie zusammengefasst habe. Doch sie haben selbst ähnliche Erfahrungen gemacht: Mit Männern in Äthiopien, die tagelang an der Straße stehen und den Vorbeifahrenden hinterherstarren, statt produktiv zu arbeiten. Mit Workshop-Teilnehmern im Nahen Osten, die auf fertige Lösungen warten, statt in eine konstruktive Diskussion über Ideen und Optionen zu treten. Oder mit den Palästinensern in den Flüchtlingscamps des Libanon, die sich seit Generationen in ihren Hass auf Israel hineinsteigern, von einem freien Palästina träumen und dabei den Anschluss an Gegenwart und Zukunft verlieren, während sich um sie herum im Libanon eine pluralistische, tolerante und dynamische Gesellschaft entwickelt hat. Und ich muss an Pamir-Bewohner denken, die Mikrokredite in Anspruch nehmen, nur um das Geld für kurzfristige Zwecke auszugeben, statt es in eine langfristige Verbesserung ihrer Lebensqualität zu investieren.

„Aber eigentlich,“ meint bedächtig die Holländerin, „ist dies das Wichtigste, was wir auf dieser Reise gelernt haben – dass es angenehm sein kann, für den Moment zu leben und nicht ständig an Vergangenheit und Zukunft zu denken. Wir in Europa wollen ständig alles vorausplanen und uns gegen alles absichern – aber sind wir deshalb wirklich glücklicher als die Menschen hier?“ Draußen vor der Tür springt der Lastwagen an. Die beiden Männer aus Dushanbe fahren auf den Markt, um dort das Gemüse aus den fruchtbaren Ebenen zu verkaufen, während die beiden Holländer ihre Fahrradanhänger packen und nach Nordosten aufbrechen, auf ihrem Weg nach Kirgisistan und weiter nach China und Indien, zu neuen Begegnungen und zu sich selbst.

Einen Kommentar schreiben