China entgegen

murgab-2Geradeaus geht es nach Kirgisistan, rechts geht es nach China. Bis zum Kulma-Pass, auf dem der Grenzübergang zwischen Tadschikistan und China liegt, sind es 90 Kilometer. So verrät es ein Schild am Straßenrand, das auf die Abzweigung vom Pamir-Highway hinweist und auf dem sich die Buchstaben nur noch mit Mühe entziffern lassen. Hinter mir liegt Murgab, eine Kleinstadt auf 3600 Meter Höhe im wilden Osten Tadschikistans. Die flachen weißen, schmucklosen Häuser dort sind nicht für die Ewigkeit gebaut, und auf den wenigen Straßen sind kaum Fahrzeuge unterwegs; entlang des Flusses wächst Gras, ansonsten ist die Hochebene nahezu vegetationslos. Die Menschen wirken vor dem Hintergrund der graubraunen Bergkulisse einsam und verloren, selbst wenn sie in Gruppen unterwegs sind; manche von ihnen haben sich mit einem Tuch vor dem Mund vermummt, während der Wind den Staub vor sich hertreibt. Der Bazar besteht aus einer bröckelnden Betonmauer mit rostender Überdachung, die Geschäfte sind in metallenen Containern am Rande der Schotterstraße untergebracht. Nicht lokale Handwerkskunst schmückt die Wände der Gasthäuser, sondern große Plastikposter mit üppigen Obstkörben oder blühenden Lotusgärten, die von einer besseren Welt erzählen.

murgab-3Es ist Hochsommer, doch jetzt, da Sonne gerade untergegangen ist, wird es rasch kühl. Nur kurz zögere ich, dann schwenke ich den Lenker des Mountainbikes nach rechts. Zumindest ein paar Kilometer will ich in Richtung der chinesischen Grenze und der schneebedeckte Bergen dahinter fahren, bevor es endgültig dunkel wird. Tatsächlich aber wird es gar nicht endgültig dunkel: Zwar verschwindet hinter den Bergen im Westen langsam das letzte Tageslicht, doch dafür erhebt sich ein goldgelber Mond träge über die Bergsilhouette im Osten. Einmal aufgegangen, scheint er so hell, dass er die Steinwüste auf der Hochebene in ihrer ganzen gespenstischen Leere ausleuchtet und ich auf meinem Fahrrad einen deutlich erkennbaren Schatten werfe.

So kehre ich nicht um, als es im Westen dunkel geworden ist, sondern fahre weiter, immer weiter, dem Mondlicht im Osten entgegen. Irgendwann wird sich die Straße auf 4300 Kilometer Höhe emporschrauben, vielleicht werden tadschikische Grenzbeamte nach Dollarscheinen fragen und chinesische Grenzbeamte aufgeregt mit ihren Vorgesetzten telefonieren, ob man trotz der jüngsten gewaltsamen Konflikte Ausländer in die Unruheprovinz Xinjiang lassen dürfe. Dann wird die Straße hinunterführen in die Oasenstadt Kashgar mit ihren großen Märkten und Moscheen. Weiter entlang der Taklamakan-Wüste in die Senke von Turpan, unter dem Meeresspiegel gelegen, in der einst, als die Seidenstraße Asien und Europa verband, das kulturelle und wirtschaftliche Leben pulsierten. Heute halten dort klimatisierte Züge auf ihrem Weg nach Peking und Shanghai, in die Metropolen des Ostens mit hren U-Bahnen, Universitäten und Luxusrestaurants, ihren Kohlekraftwerken und Stadtautobahnen.

berge-bei-murgab-1Unwillkürlich muss ich an die Worte denken, die Karim-Aly Kassam, ein kanadischer Professor für Umweltstudien, kürzlich vor Studenten in Khorog gesagt hat, der Hauptstadt des Autonomen Gebiets Gorno-Badakhshan, in dem Murgab gelegen ist: „Viele hier glauben, dass Badakhshan das Zentrum des Universums sei. Aber ihr habt ein Nachbarland mit 1.3 Milliarden Einwohnern. Sie sind besser ausgebildet, sie sprechen besser Englisch, und sie arbeiten härter. Wie viele Menschen leben hier im Pamir, in Badakhshan? Zweihundertfünfzigtausend? Lasst uns großzügig sein, sagen wir eine Million. Aber was ist eine Million gegen 1.3 Milliarden? Nein, Badakhshan ist nicht das Zentrum des Universums.“

Irgendwo in der Ferne kläfft ein Hund. Ich bin an einem Dorf vorbeigefahren, an einer Ansammlung von Häusern, durch einige der Fenster schimmert mattes Licht. Zum ersten Mal auf der ganzen Strecke kommt mir ein Wagen entgegen, vorsichtig tasten sich die Scheinwerfer die Straße entlang. Es ist ein kleiner russischer Lastwagen, der mit der Sowjetunion schon bessere Tage gesehen hat, zwei Männer stehen auf der Ladefläche. Rückleuchten hat er keine; als er vorbeigefahren ist, liegt das weite Tal wieder still vor mir, im Süden wie im Norden begrenzt von hohen Bergketten. Unter einer Brücke fließt im Mondlicht träge ein kleiner Fluss entlang, an seinem Ufer liegt eine rostende Blechtonne. Zum letzten Mal werfe ich einen wehmütigen Blick in Richtung Osten und beschließe umzukehren.

fahrrad-bei-nacht-1Es ist inzwischen empfindlich kalt geworden, und ich muss gegen starken Gegenwind ankämpfen. Murgab, das eine sehr unzuverlässige Stromversorgung hat, besteht jetzt in der Nacht nur aus wenigen Lichtpunkten, die bloß langsam näherrücken. Zwei Kilometer vor der Stadt werde ich von gleißendem Licht geblendet: Zwei Trucks kommen mir entgegen und biegen gerade in den großen Hof ein, in dem Dutzende anderer Lastwagen stehen. Das ein oder andere Fahrerhäuschen ist noch erleuchtet, manche Container werden gerade von Taschenlampen abgetastet, auf ihnen prangen die Namen chinesischer Speditionsunternehmen. Morgen werden die LKWs im Konvoi aufbrechen, jene mit den vollen Containern in Richtung Khorog, in Richtung Kashgar die anderen, um mit neuen Billigwaren aus den Fabriken von Shanghai und Kanton beladen zu werden.

Wenige hundert Meter weiter eröffnet sich von einer Anhöhe aus der Blick auf Murgab, wo nur die Plakate mit Obstkörben, Lotusgärten und chinesischen Schriftzeichen davon künden, dass es noch eine andere Welt gibt, dort drüben im Osten, hinter den Bergen.

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