Auf dem Pamir-Highway

murgab-4Groß ist Murgab nicht. Aber trotz seiner nur rund 5.000 Einwohner ist es die größte Stadt im östlichen Teil des tadschikischen Pamir-Gebirges. Von hier aus führt der Pamir-Highway in Richtung Westen nach Khorog, in die Hauptstadt des Autonomen Gebiets Gorno-Badakhshan. Auf der Rückseite eines Containers hinter dem Bazar steht es geschrieben: „Khorog“. Davor, auf einem staubigen Platz, sammeln sich im Lauf des Morgens einige Tangems, kleine Minibusse mit schmalen Reifen. Seit dem Massenimport aus China vor wenigen Jahren sind sie das Hauptfortbewegungsmittel im Pamir, obwohl eigentlich auf den ersten Blick zu erkennen ist, dass sie nicht für Hochgebirgsregionen mit schlechten Straßenverhältnissen geeignet sind.

pamir-highway-4Die wartenden Tangems werden nach Khorog fahren. Vielleicht zumindest. Voraussetzung ist, dass sich genügend Passagiere finden. Wenn nicht, fahren sie eben erst morgen. Oder übermorgen. Ich habe mit einem Tangem-Fahrer vereinbart, dass ich bei ihm mitkommen würde, und er hat versprochen, dass wir bald abfahren würden. Er müsse nur noch auf zwei Fahrgäste warten, aber diese würden gleich kommen – „in 15 Minuten“. Als sie auch nach einer halben Stunde noch nicht in Sicht sind, werde ich langsam ungeduldig und wende mich dem chromblitzenden Jeep zu, einem Mitsubishi Pajero, der in einer Ecke des Platzes steht. Der Fahrer, Ibrahim, hat für den nächsten Tag eine Buchung von gut zahlenden Touristen und will deshalb heute nach Khorog aufbrechen, egal ob er Fahrgäste hat oder nicht. Viel teurer als im Tangem ist die Fahrt im Jeep nicht, und so fällt mir die Entscheidung leicht – um zehn Uhr sind wir auf dem Pamir-Highway unterwegs.

pamir-highway-5Bei flotter Fahrt könnten die rund 300 Kilometer nach Khorog in fünf Stunden zu schaffen sein, tatsächlich aber werden wir erst um sechs Uhr abends dort ankommen. Gleich hinter Murgab zwingt uns eine Schranke zum ersten Stopp. Ibrahim packt unsere Ausweisdokumente ein und kommt erst nach zehn Minuten wieder aus dem Häuschen heraus. Ein Mann in Uniform öffnet die Schranke, und weiter geht die Fahrt. Doch schon nach einigen Dutzend Kilometern halten wir wieder an einem Dorf an, das aus drei schmucklosen Häuschen und einer Jurte besteht. Ibrahim lässt eine Schüssel Ayran, ein yoghurtähnliches Milchprodukt, für mich kommen, während er mit den drei kirgisischen Männern Geschäfte verhandelt. Sie brauchen eine Autobatterie – er hat zufällig eine im Kofferraum, allerdings nicht mit den passenden Anschlüssen, wie sich nach einigen Versuchen herausstellt. Sie wollen einen russischen Jeep kaufen – er kann die Kontakte in Khorog vermittln. Er will für seine Verwandten und Bekannten Ayran mitnehmen, den es nur hier auf der mehrheitlich von Kirgisen bewohnten Hochebene gibt – sie schleppen einen halben Mehlsack an, der in einer gemeinsamen Anstrengung aufs Autodach gehievt und dort festgeschnürt wird.

pamir-highway-6Den nächsten Stopp machen wir ein paar Dutzende Kilometer weiter, in einem Dorf abseits der Straße, mit einem halben Dutzend kirgisischer Jurten mit kleinen Solarpanels auf dem Dach und Jahrzehnte alten Motorrädern vor der Tür. Kürzlich hat Ibrahim mit einigen westlichen Touristen, die er über den Pamir Highway chauffierte, hier übernachtet und dabei ein Buch an die Bewohner verliehen, das er bei dieser Gelegenheit wieder mitnehmen will. Es ist ein großes, zerlesenes Buch über das Pamir-Gebirge. Die ersten neunzig Seiten fehlen, die übrigen sind auf Russisch geschrieben und stammen aus der guten alten Zeit. Der Zeit der Sowjetunion, als Kohle noch billig war und das Leben im Hochgebirge einfach, als russische Geologen den Pamir erforschten und russische Ingenieure Wasserkraftwerke bauten. Ein alter Mann weist auf die Gipfel im Süden. Zwei Touristinnen aus Frankreich seien derzeit in seiner Jurte untergekommen und am Vormittag in die Berge aufgebrochen. Nein, Russisch sprächen sie nicht, erzählt seine Tochter scheu lächelnd, man müsse sich mit Gesten verständigen. Ibrahim sorgt dafür, dass mir eine Schüssel Jakmilch zum Probieren gereicht wird und lässt sich noch einen Mehlsack voll Ayran bringen, der ebenfalls auf dem Autodach festgeschnürt wird.

pamir-highway-7Weiter geht es auf der einsamen Straße durch die nahezu menschen- und vegetationslose Hochebene. Irgendwo hinter Alichur, dem einzig größeren Dorf, endet die asphaltierte Straße, und es geht für einige Kilometer auf einer Schotterpiste weiter. Da ist ein blechernes Geräusch zu vernehmen – es klingt so, als wäre etwas vom Auto abgefallen. Wir halten an, und ich will die Straße hinter uns absuchen, da nehme ich aus den Augenwinkeln wahr, dass eine der hinteren Scheiben weiß verschmiert ist. Einer der Mehlsäcke mit Ayran ist nicht richtig verschnürt gewesen und während der Fahrt auf der holprigen Straße ausgelaufen. Ibrahim betrachtet das Malheur und flucht vor sich hin: „Diese Kirgisen…“, doch machen lässt sich wenig. Erst einige Kilometer später parkt er seinen Jeep an einem glasklaren Bergsee, und mit Hilfe eines Schwamms und eines kleinen Eimers mit löchrigem Boden beginnen wir den Wagen zu waschen, irgendwo in der Bergeinsamkeit auf 4000 Meter Höhe, während vorne an der Straße ein Chinese den Motor seines Lastwagens repariert.

pamir-highway-8Noch einmal geht es bergauf, dann ist der Pass erreicht. Die schneebedeckten Berggipfel sind plötzlich sehr nahe gerückt, wir sind jetzt auf über 4200 Meter. Hier gibt es keinen Baum und keinen Strauch, nur Stein und am Ufer der Bäche ein wenig grünes Gras, doch entlang der Straße ziehen sich Strommasten hin. In Kurven windet sich die Straße nach unten, der Asphalt kehrt zurück. Linker Hand liegt ein Dorf mit einem riesigen, weiß glänzendem Haus, dem Sanatorium von Jelandy, rechter Hand das Modell eines Marco-Polo-Schafs auf einem Betonblock. Bald dahinter beginnt das Leben wieder, das Tal empfängt uns mit grünen Flussauen und kleinen Dörfern aus braunen Pamir-Häusern. Auf der Straße gibt es jetzt Gegenverkehr, und die schneebedeckten Berggipfel sind wieder in luftige Höhe entrückt. Ein Wasserkraftwerk aus sowjetischen Tagen lassen wir ebenso rechts liegen wie das Terminal, auf dem Container für die Weiterfahrt in die ferne Hauptstadt von den chinesischen auf tadschikische Lastwagen umgeladen werden. Dann versperrt eine Schranke die Straße, und reflexhaft suche ich nach meinem Pass, doch schon macht ein Mann in Uniform den Weg für uns frei. „Das ist unser Checkpoint, der Checkpoint von Khorog,“ erklärt Ibrahim grinsend. „Hier komme ich jeden zweiten Tag vorbei, hier kennen sie mich.“

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