Mailand in Dushanbe

oper-1Die ganze Stadt scheint voller Fahnen zu sein. Sie stehen in Bündeln zusammen neben den großen Plätzen, an öffentlichen Gebäuden hängen große Banner, und nachts leuchten über der Hauptstraße Lichtergirlanden in den Landesfarben Rot-Weiß-Grün. Tadschikistan bereitet sich auf den Unabhängigkeitstag am 9. September vor: Achtzehn Jahre ist es her, dass die Sowjetunion zusammenbrach und die einstige Sowjetrepublik Tadschikistan zur unabhängigen Republik Tadschikistan wurde, die Wirtschaft des allein kaum lebensfähigen Landes kollabierte und sich am Horizont das Wetterleuchten des nahenden Bürgerkriegs zeigte. Deshalb hängt jetzt in der Hauptstadt Dushanbe ein Plakat mit der Aufschrift: „18 Jahre – Glückwunsch zum Fest der Unabhängigkeit, liebe Landsleute“.

In der staatlichen Oper werden unterdessen Konzertkarten auf verblichenen Papier mit roter Schrift verkauft, auf denen sich das „Kulturministerium der Sozialistischen Sowjetrepublik Tadschikistan“ verantwortlich zeigt. Die Hauptstraße Dushanbes, an der die Oper liegt und die heute nach dem Dichter Abu Abdullah Rudaki benannt ist, heißt darauf noch „Lenin-Avenue“, und der gesamte Text ist auf Russisch geschrieben. Nur ein blauer, schwer zu entziffernder Stempel informiert über den heutigen Namen der Staatsoper – zuerst in tadschikischer und dann erst in russischer Sprache.

Ein solches Ticket ist nicht geeignet, große Erwartungen an das Konzert zu wecken. Doch dann strahlt dem Besucher das helle Weiß des neoklassizistischen Opernhauses entgegen. Nirgendwo blättert der Putz, weder außen an der Fassade noch innen im Vorraum mit seinem breiten Treppenaufgang und dem riesigen Kronleuchter. Der Saal ist mit langen Reihen neuer roter Theatersessel und moderner Lichttechnik ausgestattet, und wäre die hohe Decke nicht mit arabisch-persischen Mustern verziert, könnte sich der Opernsaal genausogut in einer europäischen Provinzstadt befinden. Grüne Leuchtschilder weisen den Weg zu den Notausgängen – in russischer und englischer Sprache. Der Tadschikisierungspolitik scheint sich die Oper entzogen zu haben, nur ein kleines Staatswappen über der Bühne bedeutet dem Besucher dezent, wer der Herr im Hause ist. „Wow, das haben sie schön renoviert,“ raunt ein Amerikaner, der seit langem im Land lebt. „Vor ein paar Jahren war das alles völlig verkommen, aus den Holzbänken waren die Lehnen herausgebrochen, und die Balkone waren für Opernbesucher gesperrt. Dort sah es einfach zu widerlich aus, die Leute nutzten sie quasi als öffentliche Toiletten.“

oper-2Langsam nur füllt sich der Saal, und zur Hälfte wird er leer bleiben. Zahlreiche westliche Ausländer nehmen auf den roten Klappsesseln Platz – hier ein deutscher Diplomat mit Gattin, dort einige amerikanische Touristen in kurzen Hosen. Um sie herum sitzen viele junge Tadschiken; weißhaarige Honoratioren in grauen Anzügen sucht man ebenso vergeblich wie religiöse Kopfbedeckungen. Dann schwindet das Licht, und der Vorhang hebt sich. Die Mitglieder des Kammerorchesters betreten die Bühne und nehmen ihre Plätze ein, die Frauen in dunklen Kleidern, die Männer in weißen Hemden, einer von ihnen trägt eine Sonnenbrille auf der Stirn. Der Solist am Klavier – ein gebürtiger Tadschike, der in Moskau studiert hat und im russischen Jekaterinburg lebt. Der Dirigent – ein Italiener von der Oper „La Scala“ in Mailand, der für drei Jahre nach Dushanbe gekommen ist und kürzlich hier Verdis „Aïda“ inszeniert hat. Gespielt werden Mozart, Beethoven und Grieg – europäische Klassik, die vergessen lässt, dass wir mitten in Zentralasien sind und Kabul nur wenige hundert Kilometer entfernt ist.

Immer wieder zucken Blitzlichter über die Bühne, und leuchtende Displays lassen erahnen, dass im Publikum viel mit Handys hantiert wird. Nach Mozart schließt sich der Vorhang ohne Rücksicht auf den Mikrofonständer, der im Weg steht. Gespannt verfolgen die Aufmerksamen unter den Zuschauern, wie er in Zeitlupe umkippt und das Mikrofon mit ohrenbetäubendem Lärm auf den Boden knallt. Sonst wird das Hörvergnügen kaum gestört, einmal abgesehen von gelegentlichem Handyklingeln und Türenschlagen. Nach der Suite von Grieg tun sich zwei Mädchen in einer der letzten Reihen mit „Bravo“-Rufen hervor und bescheren dem Publikum damit eine Zugabe. Dann fällt der Vorhang endgültig, und der Strom nach draußen setzt ein.

Dort, auf dem Platz vor dem Opernhaus, bieten kleine Restaurants mit Schaschlikgrills eine letzte Gelegenheit zum Durchatmen. Gleich dahinter beginnt die Rudaki-Avenue, und dort kennen die penetranten Anstrengungen der Regierung, eine tadschikische Nation zu schaffen, kein Erbarmen mehr mit jenem Auge, das keine rot-weiß-grünen Flaggen mehr sehen mag.

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