Die Metropole Kasachstans

almaty-werbung-2Weiß wirkt die Welt beim Blick aus dem Fenster. Schneebedeckte Berggipfel prägen den Blick nach unten. Plötzlich öffnet sich eine weite, städtereiche Ebene, durch die ein glitzernder Fluss mäandriert. Noch einmal folgt eine weiße Bergkette, dann liegt unter uns die weite Steppe Kasachstans. Braun und abweisend ist ihre Erde, zerklüftet durch Hügel und Flussbette. Grüne Äcker künden vom Nahen der großen Stadt, Autobahnen und ein Meer von Plattenbauten ziehen vorbei. Als das Fahrgestell ausgefahren wird, scheint das Flugzeug gefährlich nach vorne zu kippen, dann aber setzt es trotzdem sicher auf. Air China, Air Astana, Lufthansa Cargo – auf diesem Rollfeld geben sich die Piloten der großen Airlines der Welt die Klinke in die Hand. Die Glasfassaden des Flughafengebäudes wirken modern und steril, und dazu passen auch die sauberenToiletten und die rasche Abfertigung.

almaty-arbat-4In schneller Fahrt geht es dann in die Innenstadt von Almaty, der bedeutendsten Metropole Kasachstans. Sie liegt im Südosten des Landes, unweit der Grenzen zu Kirgisistan und China. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit 1991 war dies die Hauptstadt des Riesenlandes im Herzen Westasiens. Doch schon bald begann die Regierung, Ölmilliarden in den Norden zu pumpen, um dort eine neue Hauptstadt zu schaffen, und in Astana wurde ein futuristisches Hochhaus nach dem anderen aus dem Steppenboden gestampft. „Astana ist zentraler gelegen, jetzt müssen nicht mehr alle in den äußersten Süden fliegen“, versucht unser Fahrer den Umzug der Hauptstadt zu erklären. Überzeugend klingt das nicht, ist Almaty doch weiterhin das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes, dessen Bewohner es schon beim Gedanken an die bitterkalten Winter in der neuen Hauptstadt fröstelt.

almaty-ganz-modern„Das ist die Altstadt“, bekommen wir dann erklärt. Entlang der schnurgeraden, im Schachbrettmuster angelegten Straßen reihen sich neoklassizistische Prestigebauten, Villen und sowjetische Wohnblocks aus stalinistischer Zeit. Almaty ist jung, 1854 gegründet und 1911 nach einem Erdbeben wieder aufgebaut, hier definiert sich die „Altstadt“ vor allem durch den Kontrast zum neuen Zentrum. Dort, vor der Kulisse der schneebedeckten Bergkette, einem Ausläufer des Tianshan-Gebirges, ragen Business-Hochhäuser mit Glasfassaden und moderne Appartementblocks in den Himmel; auf den Parkplätzen und vierspurigen Straßen reihen sich europäische und japanische Autos einander. Doch auch wenn die zahlreichen Baukräne von wirtschaftlicher Dynamik zeugen, verbergen sich hinter den Glitzerfassaden nicht nur Erfolgsgeschichten. Viele Büroräume stehen leer, die Mieten sinken, und der autokratisch regierende Präsident Nazarbaev sieht sich veranlasst, sich auf einem großen Plakat mit dem Spruch zitieren zu lassen: „Die derzeitige Krise ist eine Prüfung für die Reife und Stabilität unserer Gesellschaft und unseres Staates.“

almaty-werbung-1Wie multiethnisch diese Gesellschaft ist, zeigt sich im Straßenbild von Almaty besonders deutlich: Kasachen sind ebenso auszumachen wie Russen und Koreaner; die Zwangsumsiedlungen und die Migration in der Zeit der Sowjetunion haben die Zusammensetzung der Bevölkerung stark geprägt in dieser Gegend, die reich an Rohstoffen und Arbeitslagern war. Das schwere ökonomische Erbe des Sozialismus hat das unabhängige Kasachstan – dank radikaler Marktreformen und großer Ölfelder – schneller hinter sich gelassen als die anderen Staaten Zentralasiens, und die Werbung beginnt bereits ironisch mit Motiven aus der Sowjetpropaganda zu spielen: Auf Plakaten schwenken ein junger Mann und eine junge Frau, den Blick selbstsicher in die Zukunft gerichtet und die Faust kämpferisch geballt, eine rote Fahne; sie „dienen dem Volk“, so der Schriftzug – und werben für einen privaten Fernsehsender.

almaty-arbat-3Auch in der „Altstadt“ von Almaty ist der Wandel nicht zu übersehen. Dort lassen sich sowjetische Plattenbauten finden, deren erste beide Stockwerke zu einem italienischen Restaurant „Passione Italiana“ in kitischig pseudoantiken Stil umgebaut sind, oder die einen Vorbau in Form einer thailändischen Pagode erhalten haben. In der Fußgängerzone werden Bilder ausgestellt und verkauft, Litfasssäulen stehen neben Zeitungskiosken, Luftballonverkäufer tümmeln sich hier ebenso wie Geigenspieler, das Flair erinnert an den Moskauer „Arbat“. Direkt neben dem „Zentralkaufhaus“ aus sowjetischer Zeit, einem großen Betongebäude mit Marktständen in großen Verkaufshallen, steht eine moderne Shopping Mall namens „Seidenstraße“ mit Boutiquen und Markenläden, wie sie sich in jeder westlichen Großstadt finden lässt.

almaty-kathedraleDer nahe Panfilov-Park ist eine Oase der Ruhe und der Erinnerung. Hier steht die bunte Auferstehungs-Kathedrale, die wichtigste Kirche der christlich-orthodoxen Russen im mehrheitlich islamischen Kasachstan, und direkt davor vergnügen sich Kinder in einer ebenso bunten Hüpfburg. Unweit davon erinnert das martialische Kriegerdenkmal an die Soldaten, die im Großen Vaterländischen Krieg gegen Nazi-Deutschland gefallen sind. Junge Männer mit verzerrten Gesichtern und dem Sowjetstern auf dem Helm stürzen aus dem meterhohen Fels, dem Feind entgegen, und werden dafür mit dem Schriftzug belohnt: „Ewiger Ruhm denen, die im Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit des Vaterlandes den Heldentod gestorben sind.“ Einige vereinzelte Blumen liegen neben der ewigen Flamme, die aus dem meterlangen Sarg aus schwarzem Marmor züngelt, doch ansonsten bleibt das düstere Monument weitgehend unbeachtet. Es passt nicht ins neue Kasachstan, das sich im Nationalmuseum aus weißem Marmor und auf Plakaten mit den Naturattraktionen des Landes selbst feiert.

Ein Autobahnring führt um das Zentrum herum, hinter den Ampeln stauen sich schnittige Autos der Mittel- und Oberklasse und protzige Geländewagen. Am Stadtrand liegt ein gigantischer Supermarkt amerikanischer Dimension, die Auswahl an Importprodukten lässt hier keine Wünsche offen. Dann geht die Fahrt immer in Richtung Westen, durch schier endlose Getreidefelder und Weidegründe, die Berge des Tian Shan im Süden immer im Blick, und im Wagen sagt jemand: „Das ist unglaublich entwickelt hier, da hat die Entwicklungszusammenarbeit jede Daseinsberechtigung verloren.“

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