Abendspaziergang durch Bishkek

bishkek-1Bishkek ist eine grüne Stadt, und es ist eine graue Stadt. Es ist eine Stadt voller Alleen und Parks, und es ist eine Stadt voller Betonbauten und Denkmäler. Im Zentrum der Hauptstadt Kirgisistans steht das „Weiße Haus“, ein monumentaler Klotz aus weißem Marmor, der Sitz der Regierung. Direkt dahinter beginnt der Panfilov-Park, der nicht nur eine der grünen Lungen der Stadt ist, sondern auch eine Art Freizeitpark, mit Karussells und Imbissbuden und Volksfestmusik.

bishkek-2Wie in so vielen geplanten und nicht historisch gewachsenen Städten, ist das Zentrum im Schachbrettmuster angelegt. Fast alle bedeutenden Gebäude säumen die Chuy-Avenue, die wichtigste Ost-West-Achse: die Philharmonie, der Sportpalast, das Weiße Haus, das Historische Museum – in Beton gegossene Monumente sozialistischer Architektur. Doch große Shopping Malls mit westlichen Supermärkten, Fastfoodläden und exquisite italienische Restaurants, bunte Reklametafeln und Dollarscheine aus den Geldautomaten zeugen davon, dass Bishkek nicht in der Sowjetzeit stehen geblieben ist. Die Lenin-Statue ist in eine Seitenstraße verdrängt worden, ihren Platz auf dem zentralen Alatoo-Platz hat eine Statue der personifizierten Freiheit eingenommen.

bishkek-3In den Fassadenbögen rund um diesen Alatoo-Platz präsentiert sich das moderne Kirgisistan anlässlich des 18. Jahrestags seiner Unabhängigkeit so, wie es sich selbst sieht und wie es gesehen werden möchte. Rot ist das Riesenbanner, rot wie die Nationalflagge. Stilisiert abgebildet sind darauf ein Adler, ein berittener Krieger mit Schwert und Rüstung, eine Jurte vor dem Hintergrund schneebedeckter Berge, und im Zentrum eine Herde von Wildpferden. Das Land scheint von seiner nomadischen Vergangenheit zu träumen, während teure Autos am Alatoo-Platz vorbeibrausen und im Osten der Chuy-Avenue Fabrikschlote qualmen.

bishkek-4Die offizielle Staatssprache Kirgisisch hört man auf den Straßen der Hauptstadt nur selten; trotz der Auswanderung vieler Russen nach der Unabhängigkeit 1991 ist Bishkek noch immer faktisch russischsprachig. Es liegt im äußersten Norden Kirgisistans; hohe Berge trennen die Metropole vom Rest des Landes, und kulturell hat es in vielerlei Hinsicht mehr mit dem nahen Kasachstan gemein als mit dem konservativeren Süden. In einem Wohnviertel ragt ein neu gebautes Minarett zwischen sowjetischen Platenbauten hervor, doch sonst zeugt wenig davon, dass dies ein muslimisches Land ist.

bishkek-6Auf der Straße zwischen der Lenin-Statue und dem Parlamentsgebäude hat sich eine Gruppe von Jugendlichen versammelt, betont cool und locker hängen sie herum und liefern sich Wettrennen auf ihren Fahrrädern oder Inline-Skates. Die beiden alten Frauen mit langen Röcken und Kopftüchern, die an ihnen vorbeispazieren, scheinen einer anderen Welt anzugehören; die Mädchen und jungen Frauen kleiden sich westlich, enge Jeans und Miniröcke sind in Mode, die traditionellen Kopftücher am Aussterben. Denn Bishkek ist eine junge Stadt, Cliquen von jungen Männern, Zweiergruppen von Mädchen und junge Paare beherrschen die Straßen im Zentrum. Öffentliches Händehalten und Küssen sind keine Tabus, die Frauen wirken ähnlich selbstbewusst und emanzipiert wie im Westen, und doch ist dies die Hauptstadt eines Landes, in dem Zwangsheiraten und Brautraub große, wenngleich vielbeschwiegene Probleme sind.

bishkek-7Erst als es dunkel geworden ist und die blauen Lichtgirlanden rund um die Fassadenbögen den Alatoo-Platz angeschalten werden, machen die Familienväter und Seniorinnen den Jugendlichen wieder die Herrschaft über den öffentlichen Raum streitig. Unzählige Gruppen stehen, in Unterhaltungen vertieft, auf dem riesigen Platz herum, Touristen aus der Provinz lassen sich vor den farbenfroh beleuchteten Springbrunnen fotografieren, Luftballons finden ihre Abnehmer ebenso wie kitschige Leuchtstäbe, und aus den Lautsprechern schallt westliche Klassik. Nur die Plakate mit den Naturschönheiten des Landes über dem Platz erinnern daran, dass es noch ein anderes, ein Kirgisistan gibt, außerhalb des Zentrums der Metropole.

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