Auf dem Bazaar in Osh

osh-bazaar-3Der Markt scheint sich kilometerweit hinzuziehen. Dass er nicht am Reißbrett entworfen worden, sondern dynamisch gewachsen ist, zeigt sich an seiner Form: Während einige der Marktstände in festen Gebäuden untergebracht sind, sind andere auf überdachten Betonflächen oder unter freiem Himmel aufgebaut, und wieder andere ducken sich in Metallcontainer. Eine Struktur hat der Markt trotzdem: Es gibt eine Halle für Geschirr und Haushaltswaren, eine andere für Heimwerkermaschinen, eine Gasse für Kleidungsartikel und einen Straßenabschnitt für Schreibwaren.

Osh ist mit ihren 300.000 Einwohnern die größte Stadt im bevölkerungsreichen Süden Kirgisistans, nahe der Grenze zu Usbekistan. Die Lastwagen aus dem chinesischen Kashgar entladen ihre Waren auf dem Großhandelsmarkt außerhalb von Osh, der aus einer gigantischen Dachkonstruktion besteht. Darunter sind Straßen angelegt, die von aufeinander gestapelten Containern gesäumt werden; dort erwerben die Händler aus der Stadt ihre Waren, um sie auf dem innerstädtischen Bazaar weiterzuverkaufen. Dieser mag riesig sein, aber die Auswahl an Produkten ist trotzdem begrenzt, bieten doch die einzelnen Händler einer Abteilung, die alle aus derselben Quelle schöpfen, meist die gleichen Waren feil. So kann man an den verschiedenen Schreibwarenständen zwar Unmengen von Billigkugelschreibern und Notizblöcken aus China kaufen, doch blaue Tinte lässt sich auf dem ganzen Markt nicht auftreiben.

Eng sind die Gassen, die sich zwischen den Marktständen entlang ziehen und über denen weiße Planen Schutz vor der Sonne bieten. Frauen und Männer mit traditionellen Kopfbedeckungen drängen sich zwischen den kleinen Geschäften mit schwarzen Schuhen und Jogginghosen, und ab und zu bahnt sich ein Mann mit einem Karren voll blutigem Fleisch seinen Weg durch die Menschenmenge. Orientalisches Marktgeschrei sucht man vergeblich; eher unbeteiligt sitzen die Händler in ihren Containern oder hinter ihren Ständen und reagieren erst dann, wenn sie angesprochen werden. Auch Gelegenheiten zum Feilschen gibt es nur wenige, die meisten Waren haben Standardpreise, über die sich nur bei hohen Stückzahlen verhandeln lässt.

osh-bazaar-7In den alten Markthallen, in denen es Lebensmittel zu kaufen gibt, reihen sich lange Blöcke aus Beton oder weiß angestrichenen Ziegelsteinen nebeneinander – in sowjetischer Zeit sind sie als Verkaufstische gebaut worden, und als solche werden sie auch heute noch genutzt. Hier gibt es Fleischtheken, Stände mit Obst und Gemüse, Säcke voller Gewürze, Nudeln und Nüsse, Kartons mit Trockenfrüchten, Bonbons und Gebäck. Hier lässt sich die Fruchtbarkeit des Fergana-Tals erahnen, an dessen östlichen Rand Osh liegt. In der Ebene rund um die Stadt werden Mais und Getreide angebaut, während in den Wäldern im Norden nicht nur Walnüsse und andere Früchte gesammelt werden, sondern auch kirgisische Hirten ihre Viehherden weiden lassen.

In den düsteren, muffigen Räumen am Rande des Marktes, von deren Mauern der Beton bröckelt, verstecken sich Werkstätten und Restaurants. Hinter einer Wand rattern Nähmaschinen, hinter einer anderen ist das Knallen von Billardkugeln zu vernehmen. Eine schummrige, schmucklos eingerichtete Halle, durch deren kleine Fenster nur wenig Licht einfällt, wird als Restaurant genutzt, die Gäste haben sich auf Tapshans, bettähnlichen Gestellen mit einem niedrigen Tisch in der Mitte, ausgebreitet. Die Frauen, die auf der einen Seite des Raums sitzen, tragen meist bunte Kopftücher, die Männer auf der anderen Seite teils weiß-schwarze Filzhüte, teils bunt bestickte Kappen oder Baseball Caps. Verlässt man die Halle in Richtung Osten, folgt eine überdachte Passage mit Verkaufsständen, danach wird man von hellem Tageslicht geblendet. Hier ist der Markt zu Ende; die Frauen am Straßenrand haben die Hände voller Plastiktüten und warten auf die Minibusse, die im Dreißigsekundentakt vorfahren. Hinter einem großen Platz, auf dem sich noch unzählige Menschen und Autos tummeln, ebbt das Gedränge ab, hier beginnt eine Wohnsiedlung mit grauen Plattenbauten und rostenden Satellitenschüsseln vor den Fenstern. Zwei junge Frauen haben die Haare sorgfältig unter schwarzen Kopftüchern verborgen, während hinter ihnen ein Mädchen in Minirock nach Hause strebt.

Im Süden dagegen schließt sich ein kleiner Park an den Markt an. Plakate, auf denen das Staats- und das Stadtwappen einträchtig nebeneinander stehen, erinnern an den 18. Jahrestag der Unabhängigkeit Kirgisistans. Auf einer bunten Hüpfburg vertreiben sich kleine Kinder die Zeit, während auf dem Weg junge Paare entlang flanieren. Die alten Männer in ihren Strickjacken und billigen Anzügen, ihren bestickten Kappen und kirgisischen Filzhüten haben sich derweil an einem langen Tisch versammelt, an dem sie Schach und Backgammon und Karten spielen. Sie scheinen kaum zu bemerken, dass rund um sie herum die Zeit vergeht. Nur einer steht etwas abseits und blickt wehmütig auf den Fluss herab, der, von hohen Betonmauern gezähmt, träge am Park vorbei fließt.

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