Im Fergana-Tal

fergana-valley-1Langsam ziehen sich die Berge zurück, die für Kirgisistan so typisch sind. Gelbliche Hügel, bedeckt mit vertrocknetem Gras, und dörferreiche Ebenen prägen nun die Landschaft; auf den Feldern wird gerade die Ernte eingebracht. Die Straße, welche die beiden Großstädte Kirgisistans – Bishkek im Norden und Osh im Süden – miteinander verbindet, führt in einem weiten Bogen um den spitzen usbekischen Keil herum, der sich in das Territorium Kirgisistans schiebt. Im breiten Fergana-Tal, der fruchtbarsten und bevölkerungsreichsten Region und der Brutstätte des politischen Islamismus in Zentralasien, sind drei Länder ineinander verkeilt: Die hier gelegenen Provinzen Usbekistans, Kirgisistans und Tadschikistans sind so ineinander geschoben, dass sie geographisch vom Rest ihres jeweiligen Landes isoliert sind – ein Erbe stalinistischer Nationalitätenpolitik der 1920er Jahre.

fergana-valley-2Auf die ethnischen Gruppen wurde damals bei der Grenzziehung wenig Rücksicht genommen. Noch heute leben auf der kirgisischen Seite der Grenze zahlreiche Usbeken, so auch in der Stadt Jalalabad. Z. ist einer von ihnen, und er erklärt: „Die Wohngebiete der Kirgisen und der Usbeken sind kaum durchmischt. In unserer Straße wohnen beispielsweise fast nur Usbeken.“ Dann fügt er hinzu: „Man sieht auch einen deutlichen Unterschied – die Usbeken sind viel reinlicher, denn bei uns säubern die Frauen die Straßen.“

fergana-valley-6Auf dem Weg in die Walnußwälder nördlich von Jalalabad versperren immer wieder Viehherden die Straße. Dutzende von Schafen oder Rindern trotten gemächlich vor sich hin; die Autos müssen sich einen Weg bahnen, indem sie hupen oder den Motor aufheulen lassen. „Einst haben wir Leningrad gefüttert“, erzählt Z. in Anspielung auf die Fleischversorgung des heutigen Sankt Petersburg. Zu Sowjetzeiten gab es in Kirgisistan nur fünf Millionen Menschen, aber elf Millionen Stück Vieh. Mit dem Ende der Sowjetunion verringerte sich der Viehbestand um nahezu die Hälfte: Die Kolchosenwirtschaft mit ihren landwirtschaftlichen Großbetrieben brach zusammen, das Eigentum an den Tieren ging an die ehemaligen Mitglieder der Kolchosen über, und die für ein systematisches Weidemanagement nötigen Kapazitäten gingen verloren. Heute wird das Vieh während der Sommermonate nicht mehr in Lastwagen auf hochgelegene Weiden transportiert, sondern von den kirgisischen Hirten auf die dorfnahen Wiesen- und Waldflächen getrieben. Deren Zustand hat sich aufgrund der Überweidung massiv verschlechtert.

fergana-valley-4„Es gibt einen großen Mentalitätsunterschied“, erklärt Z., als wir durch ein Dorf mit üppigen Gärten fahren. „Die Usbeken lieben es, Obstbäume und Blumen zu pflanzen. Die Kirgisen dagegen denken immer nur an ihre Tiere.“ Tatsächlich sind in diesem Tal, das mehrheitlich von Usbeken bewohnt wird, kaum Viehherden zu sehen. Das ist im Nachbartal anders: Eine Schafherde versperrt die enge Staubpiste, und der Hirte macht keine Anstalten, dem Auto einen Weg zu bahnen, sondern bedeutet uns, besser umzukehren. „Ja, das ist ihre Logik“, spottet Z. und der Fahrer lässt den Motor aufheulen.

fergana-valley-5Wenig später fahren wir einen Kleintransporter mit zwei Pferden vorbei. Wie besinnungslos drischt ein Mann mit einer Peitsche auf eines der Tiere ein, während sich dieses am Boden wälzt. Blutbespritzt ist das Gatter auf der Ladefläche, und anscheinend ungerührt sitzt neben dem Steuer eine junge Kirgisin mit Kind auf dem Schoß. „Tja, solche Leute gibt es bei uns“, kommentiert Z. das Geschehen, seufzt auf und sagt dann: „Aber irgendwie müssen wir ja trotzdem miteinander klarkommen.“

fergana-valley-3Während am nächsten Morgen die Sonne über den Hügeln aufgeht, bringt ein alter Mann mit kirgisischem Filzhut Wasserkannen auf einem Esel heran, und auf der Dorfstraße strömen die Kinder der Schule entgegen. Wir machen uns auf den Weg zurück nach Jalalabad und weiter in Richtung Süden, nach Osh. Zahlreichen Tankstellen, die sich gegenseitig die wenigen Kunden abwerben, und kleine, neu errichtete Moscheen mit silbrigen Kuppeldächern und arabischer Schrift über dem Eingang säumen die Asphaltstraße. Ein dunkelrot gekleidetes Mädchen zerrt an einem Seil zwei Ochsen über ein Feld, während Kinder in schicker schwarzer Schuluniform auf dem Nachhauseweg sind. Ein Hochzeitskonvoi braust an uns vorbei, der aus lauter Second-hand-Mercedes besteht.

fergana-valley-8Dann weist ein Schild am Straßenrand darauf hin, dass wir uns jetzt in Özgön befinden. Man sieht es dem Stadtbild nicht mehr an, aber hier entluden sich im Juni 1990 die latenten ethnischen Spannungen: Konflikte zwischen Usbeken und Kirgisen um Landnutzungsrechte eskalierten gewaltsam: Als die Sowjetarmee nach drei Tagen einschritt und die Situation unter Kontrolle brachte, waren mindestens 300 Menschen tot und Hunderte von Häusern in Flammen aufgegangen.

Einen Kommentar schreiben