Entlang der Grenze

khorog-in-autumn-1Blätter fallen. Khorog, die Provinzhauptstadt Gorno-Badakhshans, ist zum Farbenmeer geworden. Grün-gelb-rot schillern die Pappeln und Weiden, die das Stadtbild prägen, und schneebedeckt sind die Berge auf der afghanischen Seite des Flusses Pjandsch. Es ist Herbst geworden im tadschikischen Pamir-Gebirge. Nachts streben die Temperaturen unerbittlich dem Gefrierpunkt entgegen, und tagsüber vermögen die Sonnenstrahlen nur noch acht Stunden lang für angenehme Wärme zu sorgen. Vielleicht ist dies einer der letzen Sonntage, bevor es auch tagsüber bitterkalt wird, und Viele nutzen die Gelegenheit, noch einmal einen Nachmittag draußen auf der Straße zu verbringen.

ishkashim-road-1Vor dem Gebäude der Provinzregierung hantieren einige Jungen mit Plastikgewehren. Als ich einen von ihnen frage, wozu sein Spielzeug gut sei, deutet er auf eine Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite, legt sein Gewehr an und drückt den Abzug. Dann bedeutet er mir mit Gesten, dass die Frau jetzt tot sei, und lacht. Auch in den Außenbezirken von Khorog ist die Straße belebt. Zwei kleine Kinder spielen Fußball, drei junge Frauen sind ins Gespräch vertieft, zwei junge Männer reparieren ein Auto, eine Frau schleppt Wassereimer, drei Kühe trotten mitten auf der Straße dahin, zwei ältere Männer bauen an einer Steinmauer. Überhaupt wird viel gebaut, vor allem Dächer: Traditionell sind die Pamir-Häuser flach, doch aufgesetzte Holzgerüste und Wellblechdächer kommen in Mode, vor allem hier in der Stadt.

pyandsh-3Mit dem Baumbestand endet auch die Wohnbebauung, die Straße verläuft jetzt direkt zwischen dem Flussbett und dem steilen Berghang, wo nicht mehr wächst als Gras und vereinzelte Sträucher. Erst nach einigen Kilometern wird eine grüne Oase inmitten der Steinwüste auftauchen, ein kleines Dorf in der Flussaue mit winzigen Äckern und Obstgärten, und mit verrosteten Panzerketten am Straßenrand.

pyandsh-1Die Straße führt gen Süden, nach Ishkashim, immer am Grenzfluss Pjandsch entlang, der Tadschikistan und Afghanistan voneinander trennt. Jetzt im Spätherbst, da die Zeit der Gletscherschmelze vorbei ist, führt er nur noch wenig Wasser. An Stellen mit starker Strömung ist er nur zwei oder drei Dutzend Meter breit, an anderen Stellen fließt das klare blaue Wasser so träge dahin, dass man fast meinen könnte, am Ufer eines Sees zu stehen. Nein, dieser Fluss ist kein unüberwindliches Hindernis für die Drogenschmuggler diesseits und jenseits der Grenze, vor allem an Tagen wie diesen, an denen nicht einmal – wie sonst – alle halbe Stunde eine kleine Gruppe blutjunger Soldaten die Straße entlangspaziert. Ein Großteil des weltweit konsumierten Opiums wird in Afghanistan produziert – und über den Pjandsch nach Tadschikistan geschmuggelt, um über die zentralasiatischen Republiken und Russland nach Europa zu gelangen.

pyandsh-2Neben der Straße parkt ein silbernfarbener Jeep, zwei Männer liegen betont entspannt und unschuldig im Sand, während drei andere geschäftig am Flussufer herumlaufen. Einer von ihnen trägt eine Angel in der Hand. Auch drüben, auf der afghanischen Seite, treibt sich ein Mann herum, an einer felsigen Stelle, zu der eigentlich gar kein Weg führt. Sonntagsausflügler oder Drogenschmuggler? Vielleicht auch beides? Nur kein Risiko eingehen, ich wende demonstrativ meinen Blick von dem merkwürdigen Bild ab und trete in die Pedale meines Fahrrads.

pyandsh-4Hier ist die in sowjetischer Zeit gebaute Asphaltstraße noch gut erhalten, erst weiter im Süden wird sie in eine Schotterpiste übergehen. Viel Verkehr ist nicht unterwegs, nur selten fährt ein Geländewagen oder einer der kleinen Minibusse aus chinesischer Produktion vorbei. Die Stromleitungen zwischen den hölzernen Masten hängen teilweise so niedrig über dem Straßenrand, dass Lastwagenfahrer ernsthaft Acht geben müssen; einmal weist ein zerfetztes weißes Tuch, das an der Leitung hängt, auf die Gefahr hin. Drüben auf der afghanischen Seite verbindet bisher nur ein Fußpfad die Dörfer zwischen den Grenzbrücken bei Khorog und Ishkashim, doch schon ist die neue Piste zu erkennen, die in Zukunft den Autoverkehr entlang des Pjandsch ermöglichen soll. Unendlich mühselig muss es gewesen sein, die Steinterrassen anzulegen, um überhaupt eine ebene Fläche zu schaffen, und fertig ist die Straße noch längst nicht. Ein Dutzend Männer schaufelt dort, wo sie endet, das Erdreich beiseite, um einen Weg in den den Hang zu graben; mit einfachen Spaten arbeiten sie für die Zukunft Afghanistans.

pyandsh-6Plötzlich tauchen am fünf Gestalten auf, die sich schnell den Berghang herunter bewegen. Menschlich sehen sie nicht aus, dafür wirken sie zu unförmig. Erst nach einiger Zeit wird erkennbar, dass es tatsächlich Menschen sind – Männer mit riesigen Reisigbündeln auf dem Rücken, die höher sind als sie selbst und die sie immer wieder absetzen müssen, um sich zu erholen. Das Holz scheint von den kleinen Baumgruppen oben in den Bergen zu kommen, die fern aller Dörfer wachsen und deren Blätter längst abgefallen sind. Genügend Brennholz für den Winter zu sammeln, ist auf beiden Seiten der Grenze harte Arbeit; die Männer drüben haben noch einen weiten Weg ins nächste Dorf vor sich.

sunset-1Auch ich mache mich auf den Rückweg. Die Sonne ist bereits hinter den Bergen Afghanistans im Westen verschwunden, nur die Berggipfel auf tadschikischer Seite leuchten noch goldgelb auf. Schnell wird es empfindlich kühl, und als ich nach Khorog zurückkehre, geht bereits der Mond auf über den Bergen im Osten.

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