Randnotizen zu den chinesisch-zentralasiatischen Beziehungen

china-in-kyrgyzstan-01Aus den Schornsteinen der Hirtenzelte steigt Rauch auf – ein neuer Tag bricht an, und in den Zelten wird das Frühstück zubereitet. Immer wieder wird die Straße von Viehherden versperrt, durch die sich die Autos erst einen Weg bahnen müssen, oder von Stroh, das zum Trocknen ausgebreitet ist. Kirgisische Männer traben auf Eseln oder Pferden am Straßenrand entlang, kirgisische Frauen schleppen blecherne Wassereimer, und sie alle werden von Lastwagen überholt, deren Kennzeichen verrät, dass sie aus der chinesischen Westprovinz Xinjiang kommen. Auf den ersten Kilometern fahren wir durch zahlreiche grüne Dörfer, doch je näher wir dem ersten Pass kommen, desto einsamer und grauer wird die Welt um uns herum. Die Straße führt von der kirgisischen Stadt Osh aus nach Süden und wird sich irgendwann gabeln: Rechts geht es nach Tadschikistan, links nach China.

china-in-kyrgyzstan-02China wirft schon jetzt, viele Kilometer vor der Grenze, seine Schatten voraus. Chinesische Bauarbeiter in Leuchtwesten, militärischer Tarnkleidung oder verdreckten Pullovern bauen an der Straße; chinesische Schriftzeichen prangen auf den modernen Dampfwalzen, Baggern und mit Generatorstrom betriebene Presslufthämmern. „Wahrscheinlich hätten die Kirgisen selbst gar nicht die nötige Ausrüstung, das Know-How und die finanziellen Mittel“, vermuten die Gäste aus Tadschikistan. Bei dem Projekt, das nominell unter der Ägide des kirgisischen Verkehrsministeriums steht, geht es um die wichtigste Straßenverbindung zwischen Kirgisistan und der Volksrepublik. Deshalb greift der große Nachbar im Osten der kirgisischen Regierung unter die Arme: Die Chinesische Entwicklungsbank ist eingesprungen und finanziert den Ausbau der Straße zu einer zweispurigen Autobahn.

china-in-kyrgyzstan-05Einmal wird die Straße von bunten Fahnen gesäumt, dahinter sind weiße Baracken und Container errichtet, vor denen ein chromblitzender Geländewagen steht. Ein schmuckloses Schild informiert darüber, dass hier Arbeiter der „Chinese Road and Bridge Corporation“ untergebracht sind. Gleich nebenan sind zwei kirgisische Jurten aufgebaut, doch sie wären leicht zu übersehen, wenn nicht der davor geparkte klapprige, knallgrüne Lada den Blick der Vorbeifahrenden auf sich zöge.

china-in-kyrgyzstan-06Wenige Kilometer weiter steht ein chinesischer Landvermesser in weitem olivgrünem Mantel auf einer Anhöhe, vor sich ein Dreifußstativ mit einem Vermessungsgerät – nicht unähnlich einem Feldherrn, der durch seinen Feldstecher auf das Schlachtfeld herabblickt, während unten durchs Tal chinesische Lastwagen heran kriechen, um den kirgisischen Markt zu erobern.

china-in-kyrgyzstan-09Wolkenverhangen ist der Himmel, grau und düster ist die Landschaft um uns herum. Die Baumgrenze liegt schon lange hinter uns, hier auf etwa 3.000 Meter Höhe wächst nichts mehr, nur kurze, vertrocknete Grashalme bedecken die Hochebene. Es ist kalt draußen; aus dem Ofenrohr eines einsamen Wohnwagens, der abseits der Straße steht und einmal gelb angestrichen gewesen sein mag, dringt Rauch, hier muss schon im September geheizt werden. Da ist ein Knall zu vernehmen, und der Fahrer bremst den Wagen abrupt ab. Er weiß sofort, was zu tun ist, zerrt den Wagenheber aus dem Kofferraum und wuchtet das Ersatzrad vom Jeepdach herunter. Nach einer Viertelstunde ist der Reifenwechsel erledigt, und aus einer Plastikflasche er lässt sich sauberes Wasser über seine klammen und ölverschmierten Finger gießen.

china-in-kyrgyzstan-11Vor uns liegen mehr als zweihundert Kilometer durch die Steinwüste des nahezu menschenleeren Ostpamir und über Pässe, die so hoch sind wie die höchsten Berge Europas. Auf eine solche Fahrt begibt sich nur, wer noch über ein Ersatzrad verfügt und damit für den wahrscheinlichsten Zwischenfall gerüstet ist. Deshalb will unser Fahrer die nächste sich bietende Gelegenheit nutzen, den kaputten Reifen auswechseln oder reparieren zu lassen. Wieder bunte Fahnen, wieder weiße Baracken, wieder mitten in der Einsamkeit. Diesmal ist der Compound von einer Mauer umgeben, doch das rote Tor steht offen. Im riesigen Hof stehen Lastwagen und Container, LKW-Reifen sind aufeinander gestapelt und das Öl, das aus rostenden Fässern rinnt, bildet kleine Lachen im Staub. Dies scheint die Basis des Straßenbauprojekts zu sein, und das Kennzeichen des einzigen Geländewagens verrät, dass der Bauleiter aus der chinesischen Zentralprovinz Sichuan kommt.

china-in-kyrgyzstan-10Unser Fahrer, der aus dem tadschikischen Pamir-Gebirge stammt, geht zielstrebig auf einen chinesischen Mechaniker zu, der an einem Wagen herumschraubt, streckt ihm die Hand entgegen und spricht ihn auf Russisch an. Als keine Reaktion erfolgt, kehrt er frustriert zurück und ereifert sich: „Er will nicht mit mir reden. Er hat mir nicht einmal die Hand gegeben.“ Schließlich findet er einen anderen Chinesen, der ein wenig Russisch spricht, und bringt diesen dazu, sich das Problem wenigstens anzusehen. Im Schlauch klaffen mehrere große Löcher, hineingerissen von einem dicken Nagel, der den Reifen durchdrungen hat. Doch einen passenden Ersatzreifen haben sie nicht, sagen die chinesischen Mechaniker, und auch auf das Flicken des kaputten Reifens wollen sie sich nicht einlassen. „Es ist nicht möglich“, erklärt kategorisch der Dolmetscher, der schließlich herbeigerufen wird. Entschuldigend zuckt er mit den Schultern und empfiehlt uns, langsam zu fahren und lieber kein Risiko einzugehen.

china-in-kyrgyzstan-08Dann wenden sich die Chinesen wieder ihren Autowerkstätten und Büros zu, während ein Arbeiter aus dem tadschikischen Murgab eine halbvolle Dose mit Vulkanisierungsmittel beiseite schafft, um sie uns draußen vor dem Tor unauffällig zu übergeben und ebenso unauffällig einige Geldscheine einzustecken. „Sie sind wie die Hunde, sie denken nur an sich selbst und ans Geld“, kommentiert einer der Passagiere die Begegnung mit den Chinesen und erzählt die Geschichte von einem chinesischen LKW, der kurz zuvor unten im Tal in einen Fluss gestürzt war: „Aber die anderen LKW-Fahrer haben ihrem verunglückten Kollegen nicht geholfen – sie waren für eine andere Firma unterwegs.“ Die Menschen im Pamir seien anders, meint er: „Sie helfen sich gegenseitig, weil sie wissen, dass sie irgendwann auch selbst einmal Hilfe brauchen könnten.“

china-in-kyrgyzstan-14Im nahen Sary Tash schließlich, wo der Reisende Abschied von der Zivilisation zu nehmen pflegt, bevor er sich in den Ostpamir hineinwagt, findet sich doch noch eine kleine Autowerkstatt und daneben ein Restaurant, das aus zwei Tischen in einem silbrigen Container besteht. Während wir unsere Spiegeleier essen, hält draußen vor der Tür ein Lastwagen mit offener Ladefläche. Der Fahrer ist Chinese, westlich gekleidet, mit modischer Brille, guten Hosen und Freizeitjacke, er will jung und dynamisch wirken. Grußlos betritt er den Raum, wortlos durchwühlt er die Kühltruhe, kommentarlos legt eine Eispackung auf die Theke. Fordernd zeigt er auf eine Zigarettenpackung im Regal, schiebt das Geld über den Tisch und verschwindet ebenso grußlos, wie er gekommen ist. Während draußen auf der Straße der Motor des Lastwagens anspringt, fragt jemand die Frau hinter der Theke, wie sich die Bewohner des Dorfes mit den Chinesen verständigen könnten. „Es geht so“, antwortet sie, „manchmal sprechen sie ein wenig Russisch.“

china-in-kyrgyzstan-04In der Werkstatt wird gerade der dritte Flicken auf den Schlauch vulkanisiert, als ein kleiner Lada mit Blaulicht und der Aufschrift „Milizija“ vorfährt. Ein Polizist in blauer Tarnkleidung und Kurzhaarschnitt steigt aus, öffnet die Motorhaube und holt den reparaturbedürftigen Ersatzreifen hervor. Zuerst dreht sich das Gespräch unter den Wartenden um die Verhältnisse im Pamir, doch dann kommt es auf China. „Überall gibt es nur chinesische Produkte“, meint der kirgisische Polizist bedauernd. „Sie sind billig, aber leider völlig ohne Qualität.“ Inzwischen ist in der Werkstatt die Geschichte vom Besuch im chinesischen Compound erzählt worden. „Was für ein Volk, diese Chinesen“, seufzt der alte kirgisische Mechaniker, und unser Fahrer antwortet: „Ja, das sind keine Menschen, sie sind wie die wilden Tiere.“

china-in-kyrgyzstan-13Der reparierte Ersatzreifen wird wieder aufs Jeepdach gehievt, dann kann die Fahrt weitergehen. Wir biegen nach rechts in Richtung Tadschikistan ab und lassen China links liegen. Hier kommen uns keine Lastwagen mehr entgegen, hier investiert niemand mehr in neue Straßen. Es wird einsam um uns herum.

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