Der Besuch des Aga Khan

aga-khan-01Dunkelheit hat sich über die Stadt gelegt. Nur die Straßenkreuzung auf der Südseite des Flusses Gunt ist hell erleuchtet, stolze Autobesitzer waschen hier mit Wasserschläuchen ihre Wagen. Auf der anderen Flussseite werden im Hauptgebäude der Aga Khan Stiftung Girlanden und Weihnachtsbaumschmuck aufgehängt. Eine Dampfwalze kämpft sich ihren Weg durch die Dunkelheit, um den frischen Teerbelag zu glätten, der die tiefen Schlaglöcher auf der Lenin-Straße unsichtbar macht. Khorog putzt sich heraus für den Besuch des Aga Khan, des religiösen Oberhaupts der Ismailiten. Fast alle gehören sie dieser Glaubensrichtung des Islam an, die Bewohner des tadschikischen Pamir-Gebirges, und den Aga Khan verehren sie wie einen Gott. Er, der von einem Pariser Vorort aus ein Wirtschaftsimperium regiert, hat den Pamir durchgefüttert, als die Zentralregierung während des Bürgerkriegs 1992 und 1993 die rebellische Provinz auszuhungern versuchte. Das haben sie ihm hier nicht vergessen, ebenso wenig die Dollarmillionen, die er seitdem über seine Stiftung und deren Hilfsorganisationen in die Region gepumpt hat.

aga-khan-02Deshalb ist der Markt am nächsten Morgen wie ausgestorben, nur eine einsame alte Frau sitzt dort zwischen den rostenden Metallgestellen und wartet vergeblich auf Käufer für ihre bunten Kleider. Der Rest der Bevölkerung von Khorog hat sich entlang der Lenin-Straße versammelt, geduldig wartend. Im Westen taucht ein Polizei-Lada auf, gefolgt von zwei Reisebussen. Darin sitzen Herren in Anzügen, Honoratioren aus der Provinz; hinter der Windschutzscheibe hängt ein grünes Fähnchen mit rotem Querstreifen, die Flagge des Aga Khan. Schon ist die kleine Kolonne vorbeigefahren, und das Warten geht weiter.

aga-khan-03Bei anderen Gelegenheiten hat der Aga Khan im Pamir spirituelle Reden vor Zehntausenden gehalten, doch diesmal ist nur ein Arbeitsbesuch angesetzt. In einer Ansprache vor geladenen Gästen will er der Bevölkerung von Khorog den Stadtpark übergeben, dessen Renovierung vom Kulturfonds seiner Stiftung finanziert worden ist. Entstanden ist eine grüne Oase im Herzen der Stadt, die mit ihren gepflegten Wegen, ihrem Spielplatz, ihren Springbrunnen, ihrem Schwimmbecken und ihrer Flusspromenade ihresgleichen sucht in Tadschikistan. Diszipliniert drängt sich die Bevölkerung hinter den weiß-roten Absperrbändern rund um den staubigen Platz vor dem Parkeingang, in Schach gehalten von jungen Freiwilligen mit Ausweisschildern vor der Brust und Polizisten in schicken graublauen Uniformen, die gelangweilt herumstehen oder wichtigtuerisch herumtelefonieren.

aga-khan-04Plötzlich kommt von der Lenin-Straße aus ein weißer Jeep herangefahren, und im Publikum baut sich Spannung auf. Ein westlicher Kameramann eilt mit seinem Stativ über den Platz und stellt sich neben dem Parkeingang auf. Zwei Männer in schwarzen Anzügen springen aus dem Wagen und rennen durch das offen stehende Tor in den Park hinein. Dann legt sich die Spannung wieder, und das Warten geht weiter. Nach wenigen Minuten fährt ein alter Polizei-Lada am Parkeingang vorbei und hält auf dem staubigen Festplatz unten am Fluss. Es steigen aus: Ein Polizist in grauer Uniform, ein junges Mädchen in grünem Kleid und ein schwarz gekleideter Mann mit Sonnenbrille, der einem Agentenfilm entsprungen sein könnte. Gemütlich schlendern sie die Anhöhe herauf, gesellen sich zum Publikum, und das Warten geht weiter.

aga-khan-05Dann endlich geht ein Ruck durchs Publikum, denn ein Konvoi ist in die Straße eingebogen. Einem undurchschaubaren Plan folgend, fahren die Wagen in den Park hinein, parken auf dem Platz davor, oder rollen den Hang hinunter und stellen sich abfahrbereit auf dem Festplatz am Fluss auf. Nur Sekunden dauert das Spektakel, und enttäuscht stellt jemand fest: „Er ist schon drin im Park, er hat in dem schwarzen Jeep gesessen.“ Die Reihen der Wartenden lichten sich, und so wird der Blick frei auf Autolandschaft.

aga-khan-06Es scheint, als wären der Staat und die Aga Khan Stiftung zu einem Wettkampf angetreten. Drei alte Polizei-Ladas und zwei graue Krankenwagen aus sowjetischer Zeit hat die Staatsgewalt aufgefahren, dazu ein neues rotes Feuerwehrauto. Die Fenster eines der Krankenwagen sind mit Stofftüchern verhängt, hinter denen ein Ärmel in blau-weißer Tarnfarbe erkennbar ist, und im Führerhäuschen des Feuerwehrautos haben sich Männer in grün-brauner Tarnkleidung breit gemacht. Auf der anderen Seite stehen anderthalb Dutzend Hightech-Geländewagen mit monströsen Antennen auf der Motorhaube und Logos an den Türen. Das Aga Khan Entwicklungsnetzwerk ist vertreten, gewissermaßen die Mutterorganisation für alle Aktivitäten. FOCUS ist für humanitäre Hilfe zuständig, MSDSP für ländliche Entwicklung. Dann ist da noch der Aga Khan Gesundheitsdienst und, nicht zu vergessen, die Aga Khan Stiftung Afghanistan, deren Aktivitäten im Nordosten des Nachbarlandes von Khorog aus gemanagt werden.

aga-khan-07Von der Veranstaltung im Park ist draußen vor dem Eingang nichts zu sehen und nichts zu hören. Doch die Wartenden haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, bei seiner Abfahrt einen Blick auf den Aga Khan zu erheischen. Sie vertreten sich die Beine auf dem Festplatz am Fluss und sammeln sich langsam wieder rund um den Platz vor dem Parkeingang. Junge Männer tragen bestickte Kappen in Grün-Rot auf dem Kopf, die an das Goldene Jubiläum 2007 erinnern, den 50. Jahrestag Übernahme des Imamats durch den gegenwärtigen Aga Khan. Kleine Mädchen in weißen Kleidern haben Schleifen in den Landesfarben Rot-Weiß-Grün um den Hals gebunden, tragen Blumensträuße oder Fähnchen in der Hand.

aga-khan-08Da rennen zwei Männer in Anzug aus dem Park heraus, Trommeln beginnen zu spielen, die Fahrer lassen die Motoren ihrer Geländewagen anspringen. Doch sogleich schließt sich das Tor wieder, und das Motorengeräusch verebbt ebenso wie der Trommelwirbel. Dann geht es plötzlich sehr schnell. Der schwarze Jeep fährt aus dem Park heraus, die weißen Geländewagen hinterher, und ohne erkennbare Ordnung schließen sich ihnen die übrigen Wagen an. Auch die Menschenmenge setzt sich sofort in Bewegung und strömt zur Lenin-Straße, die voller Menschen ist. Der Aga Khan sei, so heißt es, zum Mittagessen ins Serena Inn gefahren, das Nobelrestaurant von Khorog, das zu seiner eigenen Hotelkette gehört. Sein Sohn und dessen Frau besichtigen derweil das Aga Khan Gymnasium, die Eliteschule der Stadt. Schüchtern winken die Kinder und Jugendlichen, die auf der Straße davor Spalier stehen, als ihr Wagenkonvoi abfährt. Zurückhaltend winkt die Prinzessin durchs Autofenster zurück, dann löst sich auch diese Menschenmenge auf, und in Volksfeststimmung ziehen die Bewohner Khorogs nach Hause.

aga-khan-09Am Abend legt sich wieder Dunkelheit über die Stadt, auch über die Kreuzung auf der anderen Seite des Flusses. In der Mitte der Lenin-Straße klafft bereits wieder ein tiefes Loch, weil ein Gullideckel eingestürzt ist, und am Straßenrand steht die Dampfwalze, still und unbewegt.

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