Im Tauchgang

tauchgang_01Es ist Herbst geworden. Wolkenverhangen ist der Himmel, als wir in Dushanbe losfahren, der Hauptstadt Tadschikistans. Noch ist die Sicht klar, als wir auf der modernen Asphaltstraße durch den neuen Tunnel brausen, den der Präsident erst vor zwei Monaten eingeweiht hat, und sich dahinter der Ausblick über den Nurek-Stausee eröffnet. Dann, irgendwo vor Kuljab, der zweitgrößten Stadt des Landes, beginnt es zu regnen. Nicht heftig, aber so ungemütlich, als wollte es nie wieder aufhören. Hinter Kuljab geht es hoch in die Berge und dann in Serpentinen wieder hinunter ins Tal des Flusses Pjandsch, der Tadschikistan von Afghanistan trennt. Von der Asphaltstraße ist hier nicht viel mehr geblieben als eine kurvige Piste, die manchmal von Schotter bedeckt ist und manchmal von Matsch. Dichter Nebel beschränkt die Sichtweite auf wenige Meter, doch glücklicherweise weist das eine noch funktionierende Rücklicht des Lastwagens vor uns den Weg ins Tal.

Eine Ansammlung von stehenden Autos außerhalb von Dörfern bedeutet auf dieser Strecke meist nichts Gutes, so auch jetzt. Die Piste führt durch ein breites Flussbett, das im Sommer völlig trocken gewesen ist. Doch nun hat es auch oben in den Bergen geregnet. Das Wasser hat die Erde aus dem Boden geschwemmt und sich einen Weg ins Tal gesucht, um vom Pjandsch mit sich gerissen zu werden und einige hundert Kilometer später zwischen den Wüsten und Baumwollplantagen Turkmenistans und Usbekistans zu versickern. So ist das Flussbett nun von reißenden, rotbraun gefärbten Bächen durchzogen; ratlos blickt ein halbes Dutzend Männer auf das ungewohnte Bild herab und sucht nach einem Weg durch das Wasser. Die Besitzer der Kleinwagen wissen, dass sie keine Chance gegen die Naturgewalten haben. Die Fahrer der Geländewagen sind sich unsicher, wie viel sie ihren Maschinen abverlangen können, und werfen Steine ins Wasser, um dessen Tiefe auszutesten.

Schließlich ist es ein LKW-Fahrer, der kurz entschlossen den Motor anwirft und hineinsteuert ins kalte Nass. Einmal wankt der Lastwagen bedrohlich und scheint umzukippen, doch dann kriecht er den Hang auf der anderen Seite hinauf und entschwindet unseren Blicken. Die beiden anderen LKW-Fahrer folgen dem Beispiel und bahnen einen Weg, sodass sich nun auch die Geländewagen an die Durchquerung des Flussbetts machen können. Der erste bleibt im Wasser stecken, während der unsrige zwar einmal mit Angst machendem Geräusch über das Geröll schrammt, aber schließlich doch wohlbehalten trockenen Grund erreicht. Von der anderen Seite aus wagt sich nun ein sowjetischer Armee-Truck ins Wasser, um den stecken gebliebenen Jeep herauszuziehen. Unser Fahrer steigt derweil aus und überprüft den Benzintank. Dann schwingt er sich wieder hinters Steuer: „Wir müssen weiter. Das Wasser wird immer mehr, und wir haben noch ein solches Flussbett vor uns.“

Nach zwanzig Minuten ist endgültig Schluss. Das zweite Flussbett ist breiter als das erste, die Bäche darin sind reißender, und steil sind die Kanten, die sie in den Kies gegraben haben. „Ohne Bulldozer kommen wir hier nicht durch,“ sagt mit Kennerblick einer der Männer, der schon seit anderthalb Stunden wartet. „In einem der Dörfer gibt es sicherlich einen Bagger oder Bulldozer, aber der Fahrer wartet noch ab – je mehr Wagen sich am Flussbett versammelt haben, desto mehr kann er abkassieren.“ Zwei Jungen mit Gummistiefeln springen von Insel zu Insel und von Stein zu Stein, mit Regenschirmen stochern sie in den Bächen herum, um deren Tiefe zu ermessen. Zwei Fahrer machen sich derweil auf den Weg in Richtung des Pjandsch, sie suchen nach der früheren Straße und hoffen, eine Stelle zu finden, an der man das Flussbett durchqueren kann. Es sind wagemutige Männer, doch sie kehren frustriert zurück: „Es gibt keinen Weg.“

Derweil trommelt leise der Regen gegen die Windschutzscheibe. Die Berghänge sind in dichte graue Wolken gehüllt, die Luft ist vom Kullern und Rollen der Steine erfüllt, welche das Wasser mit sich reißt, und im Auto wird von einer abendlichen Kinovorstellung in Khorog, dem Ziel dieser Reise, phantasiert, zu der man nun wohl zu spät kommen werde. Dann endlich naht der Bagger heran, ein gelb-blauer Vorderlader mit chinesischen Schriftzeichen und beinahe mannshohen Reifen, vom anderen Ufer aus kämpft er sich durchs Flussbett. Ein LKW-Fahrer bringt einen Benzinkanister heran, um den Tank des Riesengefährts zu füllen, während der Baggerfahrer an jedem der wartenden Autos einen Zehn-Somoni-Schein, umgerechnet etwa 1,50 Euro, einsammelt.

Endlich ist schweres Räumgerät da, doch das Warten geht weiter. Immer noch trommelt der Regen leise gegen die Windschutzscheibe, immer noch sind die Berghänge in dichte graue Wolken gehüllt, da gerät die gegenüberliegende Seite des Flussbetts in Bewegung. Eine Viehherde tapst ins Wasser, und ein dunkelgrüner sowjetischer Geländewagen rast über die weite Kiesfläche, in einem verzweifelten Versuch, aus eigener Kraft das andere Ufer zu erreichen. Nur kurz schweift der Blick ab, und als er wieder den tollkühnen Jeep sucht, steckt dieser bis zur Höhe der Türgriffe im Wasser fest, und die Insassen klettern aus den Fenstern heraus.

Endlich setzt sich der Bagger in Bewegung, walzt mit seinen breiten Reifen einen Weg durch das Flussbett und schaufelt Geröllhaufen beiseite. Dann fährt er in einem großen Bogen in Richtung des Pjandsch, um den feststeckenden Jeep aus dem Wasser zu ziehen, gefolgt von einem hellblauen sowjetischen Laster mit winkenden Jungs auf der Ladefläche. Derweil hat sich der Verlauf der rotbraunen Bäche schon wieder geändert, sie haben neue Rinnen gegraben und Inseln überflutet. So muss noch einmal der Bagger in Aktion treten. Er fährt voraus und räumt einen Weg frei, dahinter kommen die schweren Lastwagen, die bereits eine lange Reihe gebildet haben, und in diese fädeln sich nach und nach auch die Geländewagen ein. Erst jetzt, da wir mitten durch die reißenden Bäche hindurch fahren, wird deutlich, wie breit diese eigentlich sind, und die Erleichterung ist groß, als wir den Hang am anderen Ufer hochfahren, wo ganz vorne in der Schlange bereits ein Dutzend Kühe darauf wartet, dass es endlich weiter geht.

Wieder ein paar Kilometer weiter. Wieder schießt braunes Wasser in einem reißenden, zehn oder fünfzehn Meter breiten Bach von den Bergen herunter. Eine Brücke überspant das Flussbett, doch schon vor zwei Wochen waren die Stahlplanken zwischen den Betonträgern so lose verbunden und wacklig gewesen, dass es viel Nervenstärke gebraucht hatte, im Schneckentempo darüberzufahren. Jetzt scheint die Brücke endgültig kaputt zu sein: In ihrer Mitte hat man eine Maschine aufgestellt, vielleicht zum Schweißen der Planken, und ein Mann klettert auf ihr herum, während auf beiden Seiten die Lastwagen auf die Überfahrt warten. Unser Fahrer dagegen zögert nur kurz; er dreht die Fensterscheibe auf, wechselt ein paar Worte mit den Männern auf der anderen Seite des Baches und lenkt den Wagen dann in die Fluten.

Alles scheint gut zu gehen, als es uns plötzlich braun wird vor Augen. Ein heimtückischer Anschlag, eine Untiefe kurz vor dem rettenden Ufer. Braunes Wasser schwappt über die Windschutzscheibe hinweg und zum Fenster neben dem Fahrersitz hinein, das noch zu einem Viertel geöffnet ist. Dann zeigt der Vierradantrieb doch noch, was er kann, und mit letzter Kraft kämpft sich der Jeep aus dem Bach heraus auf eine Geröllinsel, bevor der Motor abstirbt. In die Erleichterung darüber, den Fluten entkommen zu sein, mischt sich die Sorge, nun mit Motorschaden im Regen festzusitzen. Während das schmutzige Wasser vom Armaturenbrett tropft, umringen junge Männer den Wagen und beginnen eine heftige Diskussion mit dem Fahrer. Doch schnell wird klar, dass nur die Zündkerzen und der Luftfilter nass geworden sind. Ein Problem, das sich schnell lösen lässt, und schon nach wenigen Minuten wird die Motorhaube wieder geschlossen. Nur noch ein Hindernis ist zu überwinden, eine schmale Betonbrücke, die nur wenige Zentimeter breiter ist als der Wagen selbst. Während ein halbes Dutzend selbsternannter Helfer mit Gesten und Zurufen anzeigt, wenn wir dem Brückenrand gefährlich nahe kommen, rollen wir Millimeter um Millimeter darüber.

Dann haben wir es geschafft, und der Fahrer bekommt von allen Seiten „Molodetz“ zu hören, was so etwas wie „Prachtkerl“ bedeutet und das gebräuchlichste Lob im Russischen ist. Jetzt gilt es keine Flussbette mehr zu überwinden, jetzt liegen nur noch einige hundert Kilometer durch das Tal und die Schluchten des Pjandsch vor uns, und die einzigen Gefahren sind von den steilen Felswänden herabstürzende Steine und entgegenkommende Schwertransporte. Und als wir kurz vor Mitternacht in Khorog ankommen, ist die fiktive Kinovorstellung längst vorüber.

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