Der Pamir-Highway im Schnee

pamir_snow_9Das Pamir-Gebirge ist grau geworden. Es ist noch nicht lange her, dass das Tal des Flusses Gunt in sommerliches Grün getaucht war. Doch inzwischen sind die Blätter von den Bäumen gefallen und haben den Weg frei gemacht für die Farbmonotonie der graubraunen Berghänge, vor deren Hintergrund sich die lehmbraunen Pamir-Häuser kaum abheben. Trist und wolkenverhangen ist der Himmel, und in den Dörfern sind kaum Menschen unterwegs.

Betriebsam wird es erst im Lastwagen-Terminal 40 Kilometer außerhalb von Khorog, der Provinzhauptstadt Gorno-Badakhshans. Hier werden gewöhnlich die Waren von den chinesischen Monstertrucks auf kleinere tadschikische Lastwagen umgeladen und auf diesen weiter nach Dushanbe, die Hauptstadt Tadschikistans, transportiert. Jetzt sammeln sich hier Dutzende von chinesischen Trucks, um in einer letzten großen Karawane die Rückreise in die Wüstenoase Kashgar und entlang der antiken Seidenstraße weiter nach Osten anzutreten, bevor der 4700 Meter hohe Kulma-Pass an der Grenze verschneit und unpassierbar wird.

Wir fahren schon jetzt weiter, flussaufwärts auf dem Pamir-Highway in Richtung Murgab, und je höher wir kommen, desto näher rückt der Schnee auf den Berghängen an die Straße heran, bis die Welt um uns herum schließlich weiß geworden ist. „Jelondi“ heißt der Ort, an dem die Reisenden einen nahezu obligatorischen Halt einzulegen pflegen, um in einer der heißen Quellen zu baden und Wärme zu tanken für die Zeit in der klirrenden Kälte auf den Hochebenen des Ost-Pamir. Groß ist die Versuchung, lange zu verweilen in dem Becken mit dem dampfenden und faulig riechenden Wasser aus den Tiefen der Erde, doch mehr als einige wenige Minuten kann der Kreislauf nicht verkraften.

So geht es weiter, hoch auf den Pass und dann über die Hochebene. Inzwischen ist es dunkel geworden, und die Lichtkegel der Scheinwerfer tasten sich ihren Weg durch den Schnee, den Reifenspuren der Lastwagen vor uns folgend. Alichur, das einzige größere Dorf auf dem Weg, liegt im Dunkeln, ebenso das einsame Haus einige Kilometer weiter, an dem wir anhalten. In großen Lettern ist „stolovaja“ – Gasthaus – an die Wand geschrieben, doch es dauert lange, bis eine junge Kirgisin die Tür öffnet.

Kalt ist der kleine Raum, in dem wir auf dem Boden Platz nehmen, und es dauert einige Minuten, bis der gerade erst angeheizte Ofen für ein wenig Wärme zu sorgen vermag. Schnell verbrennen die Zweige des Tereskenstrauches darin und müssen immer wieder nachgelegt werden. Der Strom, der eine LED-Lampe zum Leuchten bringt, wird tagsüber von einem kleinen Solarpaneel auf dem Dach produziert und dann in einer Batterie gespeichert. An den Wänden hängen große Poster mit chinesischen Wohlstandsmotiven – hier ein üppig gedeckter Tisch, dort ein Park voller grüner Bäume und bunter Blumen. „Der Traum eines jeden Murgabers“, sagt mit Blick darauf einer der Mitreisenden, der hier auf der kahlen und kargen Hochebene aufgewachsen ist und heute in den USA studiert.

Fisch gibt es keinen, erfahren wird, weil vor wenigen Stunden chinesische LKW-Fahrer 25 Kilogramm davon mitgenommen hätten und die gesamten Vorräte aufgebraucht seien. So müssen wir uns mit Fleischsuppe, Brot, Jakbutter und Tee begnügen, bevor wir uns wieder hinaus in die Kälte und Dunkelheit wagen und der Fahrer den Wagen zurück auf die Straße lenkt. Weiter geht es durch die weiße Unendlichkeit, bis die Lichtkegel irgendwann ein stehendes Tangem erfassen, einen jener winzigen Minibusse aus China, die mit ihren schmalen Rädern für viele Zwecke gebaut sein mögen, aber nicht für den öffentlichen Personenverkehr auf verschneiten Hochgebirgsstrecken. Die Scheibe am Beifahrersitz wird heruntergekurbelt, die Fahrer rufen sich einige Worte in der Pamir-Sprache Shugni zu, dann setzt sich das Tangem wieder in Bewegung. Seine Scheinwerfer funktionieren nicht mehr, und so ist es in der dunklen Nacht auf ein Begleitfahrzeug angewiesen, das ihm den Weg leuchtet.

Bald ist ein zweiter Jeep nachgekommen und übernimmt die Eskorte, während wir vorausfahren. Mit nur noch dreißig Stundenkilometern geht es voran, und trotzdem fällt das Tangem immer weiter zurück, bis schließlich klar ist, dass es völlig bewegungsunfähig liegen geblieben ist. So wird in einer Schneewehe gewendet und das Abschleppseil ausgepackt. Bis zum nächsten Dorf ist es nur ein Kilometer, es besteht aus zwei Häusern und einer großen Halle mit offener Vorderfront – einst mag dies der Stall einer sowjetischen Kolchose gewesen sein, doch heute steht nur noch ein rotes Motorrad zwischen den bröckelnden Betonsäulen.

Hier wird das Tangem die Nacht verbringen; geschäftig und mit klammen Fingern eilen die Insassen hin und her, um sich und ihre Taschen auf die beiden Jeeps zu verteilen. Die Scheinwerfer versuchen derweil die Grenze zwischen dem Weiß des Schnees und dem Schwarz der Nacht auszuleuchten und zeichnen dabei ein bizarres Bild in die Landschaft. Schwer beladen, setzen wir die Fahrt fort. Irgendwann beginnen Schneeflocken im Scheinwerferlicht zu tanzen, und eine Kolonne von Tangems kommt uns entgegen. Sie sind frisch aus China importiert und unterziehen sich im Schneegestöber einem ersten Qualitätstest, bevor sie auf den Straßen von Khorog oder Dushanbe ihrer Bestimmung nachzukommen versuchen, den Besitzern als Einkommensquelle zu dienen.

Dann künden einige matte und verstreute Lichtpunkte davon, dass wir Murgab erreicht haben, das mit Solarpaneelen und Dieselgeneratoren einen Ausweg aus der Energiekrise sucht. Im Guesthouse strahlt der glühende Kohleofen wohlige Wärme aus, und am nächsten Morgen wird sich der Blick auf eine bezaubernde Winterlandschaft eröffnen.

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