Zwischen den Extremen

murgab-china-1Dem MP3-Player setzt die Kälte sichtlich zu, sein Display reagiert nur noch langsam, wenn einer der Knöpfe gedrückt wird. Tagsüber hat das Thermometer fast minus 20 Grad angezeigt, und jetzt in der Nacht ist die Temperatur noch weiter gesunken. Das zerklüftete Hochplateau ist von weißem Schnee bedeckt und von hellem Mondlicht beschienen. Man kann sich einmal um sich selbst drehen, und noch einmal, und immer weiter, aber der von keinem Baum und keinem Strauch begrenzte Ausblick bleibt immer der gleiche: Unendlich weit scheint die Ebene zu sein, und doch ist sie auf allen Seiten von hohen Bergen umgeben. Der Ort vermittelt ein Gefühl von Freiheit und Enge zugleich; man könnte in jede beliebige Richtung loslaufen, kilometerweit, und stieße irgendwann doch auf unüberwindliche Bergketten. Nur drei einsame, wenig befahrene Straßen führen heraus aus dieser kargen Landschaft aus Stein und Schnee: Im Westen liegen die Täler des tadschikischen Pamir-Gebirges, im Norden die Ebenen Kirgisistans und im Osten die Wüsten Chinas.

Murgab ist mit rund 6.000 Einwohnern der einzige größere Ort in der Hochebene des östlichen Pamir-Gebirges. Das Leben hier ist hart und rauh, auf über 3.500 Meter Höhe, wo acht Monate pro Jahr geheizt werden muss und es nur an jedem zweiten Tag Strom gibt, dessen Spannung kaum mehr als den Betrieb von einigen Glühbirnen erlaubt. Eine sowjetische Militärbasis ließ das Städtchen, das in der Grenzregion zu China liegt, einst boomen; es gab Sonderprivilegien für die Einwohner und zweimal pro Woche Direktflüge nach Dushanbe, die Hauptstadt der Sowjetrepublik Tadschikistan. Die Sonderprivilegien gibt es schon lange nicht mehr, ebenso die Direktflüge; geblieben ist eine Ortschaft, die ihre Zukunft schon hinter sich hat und manchmal einer Geisterstadt ähnelt, wenn im Winter die bittere Kälte die Bewohner in ihren Häusern festhält und im Sommer der Wind den Staub durch die Straßen treibt.

Auch dort im Osten, jenseits der Berge, treibt der Wind den Sand durch die Straßen. Es ist nicht weit bis nach China, nur 90 Kilometer ist die Grenze entfernt; bald dahinter liegen die Oasenstadt Kashgar, die Taklamakan-Wüste, die Senke von Turpan, die tiefer ist als der Meeresspiegel und einer der heißesten Regionen der Welt, wo buddhistische Höhlenmalereien von der kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung zeugen, welche die Region zur Zeit der antiken Seidenstraße hatte. Lachende chinesische Touristinnen lassen sich auf Eselskarren durch die Ruinen von Gaocheng kutschieren oder versuchen sich mit bunten Regenschirmen vor der sengenden Wüstensonne zu schützen. Die Straßen von Turpan sind voller Fahrräder und Motorräder und Fußgänger und Autos. Am Abend, wenn die Sonne verschwunden ist und eine angenehme Kühle für Erfrischung sorgt, pulsiert hier das Leben; auf dem Nachtmarkt werden Schaschlikspieße gebraten, junge Pärchen spazieren durch den von Weinstöcken umrankten Laubengarten, und die runden Fladenbrot auf dem Bazaar sehen genauso aus wie jene, die man auch hier in Murgab kaufen kann.

Unten auf der Straße laufen zwei einsame Gestalten durch den Schnee. Sie kommen vom „Terminal“, wo die chinesischen Lastwagenfahrer damit beschäftigt sind, mit ihren großen Trucks eine Wagenburg zu bauen. Noch weiter unten zieht sich ein dunkles Band durch die weiße Landschaft; es ist der Fluss Murgab, der – anders als die kleinen Zuflussbäche – noch nicht zugefroren ist. Irgendwo dort drüben, oberhalb des Flusses, steht das „Yak-House“, ein rundes Gebäude, dessen Architektur zugleich an die kirgisische Jurte und an das traditionelle Pamir-Haus erinnern soll, eine Anspielung auf die ethnisch gemischte Bevölkerung in Murgab. Dort haben die nichtstaatlichen Organisationen ihre Büros – das Tourismusnetzwerk ebenso wie das Kunsthandwerk-Geschäft, die beide von einer französischen NGO aufgebaut worden sind. Dort ist auch der einzige Internetzugang von Murgab zu finden, der allerdings eher von den sommerlichen Radtouristen genutzt wird als von den Einwohnern des Ortes.

Auch drüben, auf der anderen Seite der Grenze, scheint es nur noch sporadischen Internetzugang zu geben. In Xinjiang, der chinesischen Westprovinz, sind – so hat es ein aus China kommender Rucksacktourist berichtet – die Auslands-Telefonverbindungen und der Internetzugang gekappt, seitdem es im Juni 2009 zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Uighuren und Han-Chinesen gekomen ist. Die Zentralregierung in Beijing hat auf die Ereignisse mit harter Hand reagiert, erst kürzlich sind einige der angeblichen uighurischen Unruhestifter hingerichtet worden. Im Pamir ist das aufmerksam registriert worden, beginnt man doch den übermächtigen und landhungrigen Nachbarn im Osten zunehmend zu fürchten, der sich unweit von Murgab bereits einige Quadratkilometer tadschikisches Territorium hat abtreten lassen.

Noch einmal schweift der Blick über die schneebedeckte Ebene und auf die Berge ringsum, noch einmal schweifen die Erinnerungen zur Wüstensonne von Turpan. Dies ist ein Ort zum Verweilen, doch nach einiger Zeit ohne Bewegung dringt die Kälte auch durch die wärmste Jacke, und so eile ich den Hang hinunter zur Straße, in Gedanken schon beim wärmenden Kohleofen.

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