Im Sanatorium, oder: Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg

jelondi-01Die Welt ist in sanftes Weiß getaucht, das Weiß der Unschuld. Der Schnee hat die Straße verweht, eine der Lebensadern des Pamir-Gebirges, die sich ein paar Kilometer weiter auf 4200 Höhenmeter hochschrauben wird. Er hat sich auf die Maschinenhülsen gelegt, die von dem einstigen Asphaltwerk geblieben sind. Es bedeckt die Ruinen der Tankstelle, an der das Leben pulsierte, als die Sowjetunion noch in ihrer Blüte stand.

An einigen Stellen dampft es aus dem Boden, heißes Wasser aus den Tiefen der Erde trifft sich hier mit der klirrenden Kälte der Luft. Sie sind in ganz Tadschikistan berühmt, die Quellen von Jelondi, jeden Sommer kommen sie aus der fernen Hauptstadt Dushanbe hierher, auf der Suche nach Gesundheit und Entspannung.

jelondi-03Vor ein paar Jahren haben sie hier ein Sanatorium gebaut, eine Riesenbaracke aus Plastik. Im Eingang steht eine monströse, mannshohe Stereoanlage, daneben läuft ein kleiner Fernseher, und an den schmucklosen Säulen hängen Plastikblumen. Düster sind die Gänge, weil nur jede zweite Glühbirne funktioniert. Dort rechts geht es zu einem der Becken mit dampfend heißem Wasser, in dem nackt badende Tadschiken ihre Sorgen hinter sich zu lassen pflegen. Hier links öffnet sich die Tür zu einem der Zimmer.

Einen Lichtschalter sucht man vergeblich, doch aus der Wand hängen zwei Kabel. Verdrahtet man sie miteinander, wird es hell. Die Einrichtung ist einfach, sechs Betten im Stil einer besseren Jugendherberge. Drei Männer haben sich hier um einen kleinen Tisch versammelt, stochern mit ihren Gabeln in den fettigen Spiegeleiern und zerteilen das Brot. Aus Khorog sind sie gekommen, der Hauptstadt der Gebirgsregion Gorno-Badakhshan.

Männer im besten Alter, die ihre prägenden Jugendjahre in den 1980er Jahren durchlebten, als sowjetische Panzer von hier aus die Grenze zu Afghanistan überquerten und Gorbatchev eine neue Zeit versprach, als subventionierte Kohle im Überfluss hierher gebracht wurde und der Pamir im dumpfen Wohlstand und Glück schwelgte.

jelondi-05Plötzlich steht eine Glasflasche mit durchsichtiger Flüssigkeit auf dem Tisch und es kreisen kleine Gläser. „Die Russen haben uns viel Gutes gebracht“, sagt einer, „aber auch etwas Schlechtes. Den Alkohol. Die Flasche Wodka kostete drei Rubel, das war fast nichts bei einem Durchschnittsgehalt von 150 Rubel. Von neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends ging man auf die Arbeit, und dann trank man eben bis zum Morgen.“ Gelächter am Tisch.

Damals – das war die Zeit, als die Region einen Sonderstatus genoss. „Ich studierte in Dushanbe, der Hauptstadt, und wenn ich zu meinen Eltern nach Khorog fahren wollte, brauchte ich ein Visum dafür. Die Regierung in Moskau investierte viel in die Erforschung des Pamir, aber genutzt werden durften seine Ressourcen nicht, sie wollten sie aufsparen für die Zukunft.“

Doch diese Zukunft blieb auf der Strecke, als die Sowjetunion vom Radarschirm der Geschichte verschwand, als die Technokraten in Dushanbe jene Unabhängigkeit in den Schoß gelegt bekamen, die sie höchstens aus ihren Alpträumen kannten, und als die Clanführer ihre Kalashnikows aus den Verstecken holten.

jelondi-07Es ist still, nur der Wodka gluckert in den Gläsern. Durch die Rohre an den Wänden strömt heißes Wasser, doch es vermag den Raum nicht zu wärmen.

„Es war ein Schock“, sagt der Erste. „Wir kamen aus einer Welt, in der wir alles hatten, und vom einen Tag auf den anderen gab es plötzlich überhaupt nichts mehr.“ Wieder rollten die Panzer, doch diesmal rollten sie nicht über die Grenze nach Afghanistan, sondern durch das eigene Land, und sie rollten ohne Ordnung.

„In Dushanbe erschossen sie jeden auf der Stelle, in dessen Pass Gorno-Badakhshan als Herkunftsregion eingetragen war“, sagt der Zweite. „Sie mögen uns Pamiris nicht, weil wir Ismailiten sind und sie uns nicht für echte Muslime halten.“

In Khorog erklärten die Unabhängigkeit Gorno-Badakhshans. „Wir stellen drei Prozent der Gesamtbevölkerung und wollten trotzdem im Bürgerkrieg mitmischen, das konnte nicht gutgehen,“ sagt einer. „Jeden Tag kamen neue Todesnachrichten in Khorog an. In fast jeder Familie gab es irgendeinen toten Sohn oder Verwandten zu betrauern.“

jelondi-09„Ich war damals in Kurgonteppa, im Westen des Landes“, sagt der Erste. „Da sah ich Kuhkadaver im Fluss vorbeischwimmen, mit aufgeblähtem Magen.“ Er schüttelt sich. Niemand sagt etwas, da spricht er weiter: „Nein, ich kann das nicht vergessen. Vielleicht können andere solche Bilder vergessen. Aber ich kann das nicht vergessen, und ich weiß nicht, ob ich das je vergessen kann.“

Kurz flackert das Licht noch einmal, dann erlischt es. Hände tasten sich durch den Raum und kramen in den Rucksäcken. Eine Taschenlampe wird auf den Tisch gestellt, ihr Licht beleuchtet die billigen Plastikfurniere an der Decke. Matt wird es wieder zurückgestrahlt auf die Gesichter der Männer am Tisch, die in ihre Wodkagläser blicken.

Kriegshandlungen gab es im Pamir kaum, doch die wichtigste Lebensader hörte auf zu schlagen. Milizen sperrten die Straße nach Dushanbe, um die rebellische Provinz auszuhungern. Die Infusionen, die der Aga Khan, das religiöse Oberhaupt der Ismailiten, über die Straße aus dem kirgisischen Osh spritzte, reichten kaum zum Überleben. In Khorog verschwanden die Bäume entlang der Hauptstraße. Es war kalt, und nachts stahlen die Kinder das Holz zum Heizen.

jelondi-12„Was machst du, wenn du der Älteste bist und für ein halbes Dutzend Geschwister sorgen musst, aber nur ein einziges Rundbrot zum Aufteilen hast?“ fragt der Erste. „Es war alles so aussichtslos und verzweifelt. Dann kamen die Afghanen über den zugefrorenen Grenzfluss herüber und verschenkten tonnenweise Opium. Das änderte natürlich nichts an der Wirklichkeit, aber es gab zumindest die Möglichkeit, sich aus ihr zu flüchten. Damals sind Viele abhängig geworden, und durch die Straßen liefen lauter Drogensüchtige. Eigentlich ist eine ganze Generation dadurch geschädigt worden.“ Er seufzt und greift zum Wodkaglas. „Aber bei denen, die heute jung sind, ist das anders, sie kennen das schlechte Vorbild der Älteren. Mein Sohn zum Beispiel – er ist zehn Jahre alt – weiß schon, welche Folgen der Drogenkonsum haben kann.“

Einer verlässt den Raum, die Toilette ist draußen im Schnee. Holzbretter voller Eis aus Urin, mit einem Loch in der Mitte und einem Dach darüber, die klirrende Kälte betäubt jeden unangenehmen Geruch. Angeblich gibt es auch einige Luxussuiten mit Toiletten und fließendem Wasser.

jelondi-13Irgendwann, Mitte der 1990er Jahre, war der Alptraum vorbei. Doch der Wohlstand und das Glück von einst kehrten nicht wieder zurück. „Der Markt von Khorog war noch jahrelang in der Hand von Mafiosi,“ sagt einer. „Sie standen ganz offen herum und kassierten ab. Die Leute aus anderen Dörfern trauten sich überhaupt nicht mehr auf unseren Bazaar. Und es gab einfach keine staatliche Gewalt, die irgendwelche Regeln durchgesetzt hätte.“

Zehn Jahre ist das her, und der Erste sagt: „Wie viele Opfer hat der Zweite Weltkrieg gefordert? Vierzig Millionen? Fünfzig Millionen? Klar, das ist viel mehr, dagegen ist unser Bürgerkrieg harmlos gewesen. Aber der Weltkrieg ist lange vorbei, und damals gab es wenigstens klare Fronten. Unsere Großväter wussten, gegen wen und für was sie kämpften. Das Schlimme an unserem Bürgerkrieg war doch, dass eigentlich niemand wusste, wer gerade aus welchem Grund gegen wen kämpfte. Und die Erinnerung ist noch so frisch. Nein, das kann man nicht vergessen.“

jelondi-15Es klopft an der Tür. Ein Mann mit Schnee auf der Mütze und an den Schuhen kommt herein und trägt die Kälte der Winternacht ins Zimmer herein. Der Wagen ist am Wegesrand stecken geblieben und muss auf den Parkplatz des Sanatoriums geschoben werden. Er braucht Hilfe, und sie wird ihm für später zugesagt.

„Dieser Krieg hat uns um zwanzig Jahre zurückgeworfen“, sagt der Zweite. „Nein, eher um fünfzig Jahre. Ohne ihn wäre Tadschikistan heute nicht das ärmste Land Zentralasiens. Es ist ein so schmutziger und sinnloser Krieg gewesen.“ Ein letztes Mal greifen alle zum Wodkaglas, und der Erste sagt: „Trotzdem fangen sie an, ihre eigenen Gefolgsleute ganz offiziell zu Kriegshelden zu stilisieren, die Herrschenden in Dushanbe. Das ist ein Skandal, denn ein solcher Krieg dürfte keine Sieger haben.“ Vehement schüttelt er den Kopf: „Nein, in einem solchen Krieg kann es keine Helden geben.“

jelondi-16Die Wodkaflasche ist leer, und das Licht ist wieder angegangen. Die drei Männer stapfen hinaus in die Kälte. Der Neuschnee knirscht unter ihren Schuhen, und weiße Flocken tanzen durch die Dunkelheit. Der kleine Minibus mit den schmalen Reifen und den chinesischen Schriftzeichen ist leicht, und es kostet nicht viel Kraft, ihn durch das Tor in den Innenhof des Sanatoriums zu schieben. Dann ist er eingeparkt, und die Stimmen der Männer werden leiser und leiser. Noch einmal trete ich durch das Tor nach draußen, lasse den Blick schweifen über den endlosen Horizont der steilen Berghänge und atme das ohrenbetäubende Schweigen des Schnees. Die Landschaft ist in unschuldiges Weiß getaucht. Es wäre ein gleißendes, strahlendes, helles Weiß, wäre da nicht die Schwärze der Nacht.

Einen Kommentar schreiben