Déjà-vu in der Stadt der Mullahs

qom-1Er ist das Wahrzeichen Teherans, der Turm der Freiheit. Hier fanden 1978 einige der großen Demonstrationen statt, die zum Sturz des letzten persischen Shah führten und die Mullahs an die Macht spülten. Eine breite Treppe neben dem östlichen Turmbogen führt in das unterirdische Museum, in dem die Islamische Republik sich selbst feiert. Hier stellt sich der iranische Staat so dar, wie er sich selbst sieht und wie er gesehen werden will. Die Gestaltung eines kleinen Raums ist ganz darauf ausgerichtet, die Islamische Revolution von 1979 mit der persischen Tradition gleichzusetzen, sie geradezu als Gipfelpunkt persischer Geschichte darzustellen. Zwei Videobildschirme suggerieren einen scharfen Kontrast: Hier die Trägheit und elitäre Abgehobenheit des Hofzeremoniells unter dem letzten Shah, dort die rasante Dynamik und Zukunftsgewandtheit der Massendemonstrationen in den Straßen.

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Eine Bildergalerie erzählt die Geschichte der Ereignisse von damals aus der Perspektive der Sieger, der Klerikalen um Ayatollah Khomeini, die sich nach der Flucht des Shahs gegen die kommunistischen und liberalen Kräfte innerhalb der Oppositionsbewegung durchsetzten und einen theokratischen Staat errichteten. Es beginnt mit einem Foto von einer Demonstration: Menschen marschieren, skandieren und tragen Transparente, vor ihnen knien Soldaten mit Gewehr im Anschlag und versuchen sie aufzuhalten. Ein junger Demonstrant wird von vier behelmten Polizisten abgeführt, und eine Kolonne von Lastwagen transportiert Uniformierte durch die Straßen. Dann eskaliert die Gewalt, Molotowcocktails werden geworfen, Demonstranten verschanzen sich hinter Autos, Menschen wälzen sich am Boden, es wird scharf geschossen. Der Shah flieht, eine Statue wird feierlich vom Sockel gestürzt, das Fernsehen sendet eine Ansprache Ayatollah Khomeinis und Soldaten hängen sein Portrait an einem Panzer auf. Es folgt die Rückkehr Khomeinis aus dem Pariser Exil an Bord einer Maschine der „Air France“. Fröhliche Menschen tragen Bilder von ihm durch die Straßen und feiern die Gründung der Islamischen Republik.

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Das war vor 31 Jahren. Heute – es ist der 21. Dezember 2009 – marschieren in Qom wieder Menschen, skandieren und tragen Transparente. Die Lastwagen, die beladen mit einsatzbereiten Uniformierten rund um die Kreuzung stehen, unterscheiden sich kaum von jenen von damals, und auch an der Mode der Polizeihelme hat sich nicht viel geändert. Qom liegt nur anderthalb Autostunden südlich der modernen Metropole Teheran, doch es ist die Hochburg der Konservativen und Religiösen im Iran. Hier hat das klerikale Establishment in den Theologenschulen studiert. Hier wirkte Ayatollah Khomeini, bevor er 1964 ins Exil getrieben wurde. Hier fanden in den 1970er Jahren einige der entscheidenden Demonstrationen gegen den Shah statt. Und hier lebte Ayatollah Montaseri, einer der führenden schiitischen Theologen. Einst gehörte er zu den Schlüsselfiguren der Islamischen Revolution, und in den 1980er Jahren galt er als designierter Nachfolger Khomeinis als oberster geistlicher Führer. Doch dann trennten sich ihre Wege: Montaseri war zu moderat und liberal für den radikalen Kurs Khomeinis, er wurde aus den engeren Zirkeln der Macht verdrängt und verbrachte seinen Lebensabend als religiöser Lehrer in Qom. Durch seine kritische Haltung gegenüber den politischen Entwicklungen wurde er zum spirituellen Impulsgeber für die Opposition, und im Sommer 2009 trat er noch einmal ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit, als er die harsche Reaktion der Regierung auf die Proteste nach den umstrittenen Präsidentenwahlen kritisierte und sich offen von der Islamischen Revolution distanzierte.

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Vor anderthalb Tagen ist er in hohem Alter gestorben, und sein Tod ist der Anlass für die erste große Demonstration nach der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste vor einem halben Jahr. Zehntausende haben sich hier in Qom versammelt, um ihn zu Grabe zu tragen. Unzählige Plakate werden hochgehalten, auf den meisten von ihnen ist nur ein Portrait Montaseris abgebildet, auf manchen ist er zusammen mit Ayatollah Khomeini zu sehen. Die Botschaft ist klar: Nicht die Islamische Republik und ihre Gründungsfigur sollen kritisiert werden, sondern die gegenwärtige Regierung – Montaseri als positives Gegenbild zu jenem Mann, der auf den Plakaten fehlt, nämlich Ayatollah Khamenei, der 1989 Khomeini als oberster geistlicher Führer nachfolgte und in den vergangenen Monaten mit seiner unnachgiebigen Haltung zur Reiz- und Hassfigur für viele Iraner geworden ist. „Die Regierung ist schlecht“, erklärt ein Mann mittleren Alters, „aber Montaseri war gut.“ Dann fügt er hinzu, was aus Sicht vieler Iraner das entscheidende Problem ist: „Wir haben keine Freiheit!“

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Jetzt am Mittag ist der eigentliche Trauerzug längst vorüber, doch die sechsspurige Hauptstraße neben dem kanalisierten und nahezu ausgetrockneten Qom-Fluss ist noch immer von Menschenmassen blockiert. Am Eingang zu einer unscheinbaren Nebengasse hat sich der harte Kern von einigen hundert Demonstranten versammelt, die wütend skandieren und Plakate schwenken. Es sind vor allem junge Männer und Frauen, welche die Gelegenheit zum offenen Protest nutzen. Die Tausenden von Umstehenden jedoch, die in sicherer Distanz abwarten und als Sympathisanten die kleine Demonstration beobachten, bilden einen Querschnitt der iranischen Bevölkerung. Unter ihnen sind alte Männer mit grauen Haaren und Religionsstudenten mit Turbanen, voll verschleierte Frauen in tiefem Schwarz und Familienväter mit kleinen Kindern an der Hand.

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In Unterhaltungen vertieft, sitzen sie auf der Betonmauer über dem Flussbett, flanieren auf dem Gehsteig oder stehen auf der Straße herum, und sie lassen sich nicht abschrecken von der massiven Polizeipräsenz. Die Umgebung ist voller weiß-grüner Minibusse, auf der Kreuzung stehen drei oder vier Lastwagen mit Einsatzkommandos und eine abfahrbereite Staffel von etwa dreißig Motorrädern. Auch in der Hauptstraße sind überall Trupps von Blauuniformierten und von Bereitschaftspolizisten zu sehen. Es wäre ein martialisches Foto gewesen, wenn es hätte aufgenommen werden dürfen: Eine lange Reihe tiefschwarzer Trauerfahnen flattert anlässlich des schiitischen Feiertags Ashura im Wind, und darunter stehen abwartend einige Dutzend entschlossen dreinblickender Männer in militärischer Tarnkleidung, mit schwarzglänzenden Helmen auf dem Kopf, transparenten Schutzschilden in der einen und Schlagstöcken in der anderen Hand, und auf ihren schwarzen kugelsicheren Westen prangt die Aufschrift „POLICE“.

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Ab und an durchkämmen Polizeitrupps das Gelände und fordern die herumsitzenden Menschen auf, zu gehen. Diese lassen sich meist tatsächlich zum Aufstehen überreden, doch sobald die Polizisten weitergezogen ist, lassen sich schon wieder Menschen auf dem Mauerabschnitt nieder. Immer wieder versuchen einzelne Busse, sich mit Polizeiunterstützung einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen, doch es dauert lange, bis zumindest auf der flussseitigen Straßenseite der Verkehr wieder fließen kann. Auch dann ist die Situation nur oberflächlich unter Kontrolle gebracht, die Emotionen bleiben aufgewühlt. Erregt deutet eine junge Frau mit einem Montaseri-Plakat in der Hand, was am Morgen während des Trauerzuges passiert ist: „Wir waren einfach nur gekommen, um den Ayatollah zu betrauern, aber dann haben sie uns angegriffen.“ Die Art und Weise, wie sie es sagt, lässt etwas vom Wir-Gefühl der Demonstranten spüren – und von dem scharfen Gegensatz zwischen „uns“ und „ihnen“, den Demonstranten und der Staatsgewalt.

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Die Menschenmenge hat sich schon fast verlaufen, da ist jenseits des Flussbetts das Kreischen einer Frau zu hören. Blitzschnell baut sich wieder Spannung auf, die Reflexe funktionieren und innerhalb weniger Sekunden hat sich diesseits des Flusses eine Gruppe junger Männer versammelt, deren Augen wachsam das andere Flussufer abtasten, das voller weißgrüner Polizeiwagen steht. Für einen kurzen Moment erscheint es möglich, dass ein Übergriff von Polizisten gegen eine Demonstrantin der Zündfunke sein könnte, der das Pulverfass doch noch zum Explodieren bringen könnte. Dann aber erweist sich die Situation drüben als harmlos, und die Menschmenge verstreut sich endgültig.

In der Gasse, in der vor zwei Stunden noch die Demonstranten skandierten, reflektiert jetzt ein Meer von Polizeihelmen die Sonnenstrahlen. Wieder einmal hat die Islamische Republik den öffentlichen Raum zurückerobert. Wie oft ihr das noch gelingen wird, weiß Allah allein.

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