Die Zukunft ihres Landes

Teheran ist eine Stadt mit zwei Gesichtern. Die U-Bahn-Linie mit der Nummer 1 beginnt am südlichen Stadtrand, an dem gigantischen Monumentalkomplex, den die Islamische Republik rund um das Grab ihres Gründers, Ayatollah Khomeini, errichtet hat. Von dort aus führt sie durch die Satellitenstädte im Süden der 14-Millionen-Metropole, durch ein Meer aus alten Wohnblocks und Mietskasernen mit bröckelnden Fassaden und vielspurigen Stadtautobahnen. Hier leben jene Teheraner, die sich keine teureren Wohnungen leisten können und tendenziell konservativ wählen. Doch die Strahlkraft Ayatollah Khomeinis lässt nach, je weiter die U-Bahn in Richtung Norden fährt, durch das Zentrum mit seinen großen Universitäten, den Keimzellen des kritischen Geistes, und in die Viertel am Fuß der schneebedeckten Berge, wo das Klima im Sommer angenehm frisch ist und die wohlhabenden Iraner in modernen Appartmenthäusern und schicken Villen wohnen.

Der Norden Teherans – das ist der Gegenentwurf zu jenem islamisch-theokratischen Iran, den Ayatollah Khomeini wollte. Die Einkaufszentren, Fastfoodrestaurants, Edelboutiquen und Cafés entlang der Valiasr-Avenue atmen den Geist Amerikas. Die Männer hier pflegen die Bärte der Religiösen zu verachten, und für Manche ist es ein politischer Akt, sich regelmäßig zu rasieren. Die Frauen tragen Kopftuch, wie es das Gesetz der Islamischen Republik gebietet, doch aus dem religiös motivierten Schleier ist ein Modeaccessoire geworden. Oft ist es kaum mehr als ein breiter Schal in Schwarz oder Weiß, Braun oder Rot, der locker über den Kopf geworfen und weit zurückgeschoben ist, sodass von den blondierten oder gelockten Haaren nicht viel verborgen bleibt. Die sonst übliche Segregation der Geschlechter ist in diesem Milieu der Studenten und Gebildeten so gut wie aufgehoben; anders als noch die Mittelschule bietet die Universität Gelegenheit, das andere Geschlecht kennen zu lernen, und zahllose Pärchen spazieren durch die Straßen und flirten in solchen Cafés wie jenem, das sich in einem Einkaufszentrum befindet.

Die Wände sind schwarz getäfelt, und auch die Holztische und gepolsterten Bänke und Stühle sind in Schwarz gehalten, sodass das Raumdesign zusammen mit der dezenten Beleuchtung eine Atmosphäre der Vertraulichkeit schafft. Der Cappuccino kostet mit drei Dollar nicht deutlich weniger als in Europa, und an den Wänden hängen Fotografien eines jungen Mannes mit langen Haaren, dessen Frisur auch im Westen als alternativ angesehen würden. Wenig unterscheidet diesen Ort von einem europäischen Innenstadtcafé in gehobener Lage mit arriviertem linksliberalem Publikum. An einem Tisch sitzen zwei Jungen in Anzug und Krawatte, vertieft in ein Gespräch mit drei älteren Damen. An einem anderen Tisch diskutiert eine Gruppe von vier Studentinnen und Studenten, und daneben hat ein junger Mann den Arm um seine Frau gelegt, vielleicht ist sie auch nur seine Freundin.

Da betritt eine weitere Gruppe von jungen Leuten das Café. Völlig zwanglos scherzen die vier Frauen und drei Männer miteinander. Eines der Mädchen lüftet alle paar Minuten das pinke Kopftuch, um sich – fast schon demonstrativ aufreizend – durch das glatte Haar zu streichen, und der Junge mit der ausgebleichten Jeans und den legeren Turnschuhen steht auf, um sich neben eine schwarzgelockte Schönheit zu setzen und mit ihr zu flirten. „Wir wollen weg von der Tradition“, erklärt einer der Männer, und ein anderer ergänzt: „Natürlich dürften wir eigentlich nicht mit Frauen unterwegs sein, mit denen wir weder verwandt noch verheiratet sind. Aber Teheran ist eine anonyme Großstadt, hier kann die Religionspolizei nicht mehr alles kontrollieren. Manchmal machen sie Razzien in den Cafés, und vor ein paar Jahren habe ich selbst Ärger bekommen, als ich mit meiner Freundin ausging. Aber seitdem habe ich keine Probleme mehr gehabt.“

Einer der anderen Männer kommt auf die Demonstrationen im Sommer 2009 zu sprechen, während derer die Jugend Teherans auf die Straßen ging, um gegen die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen zu protestieren, die von Vielen als gefälscht angesehen wurden: „Habt ihr die Bilder im Fernsehen gesehen?“ fragt er grinsend. „Und haben sie euer Bild vom Iran nicht verändert?“ Er ist stolz darauf, dabei gewesen zu sein, und seine Worte lassen erahnen, dass die Demonstrationen auch einen enormen Spaßfaktor für junge Leute haben in einem Land, in dem es weder Discos noch Rockkonzerte gibt. Es sei aufregend, so schwärmt er, auf der Flucht vor der Polizei davon zu laufen und sich in Hauseingängen zu verbarrikadieren. „Damals entstand ein großartiges Gemeinschaftsgefühl, wir kämpften geschlossen, hatten alle ein gemeinsames Ziel und einen gemeinsamen Gegner.“

Schnell aber kann daraus bitterer Ernst werden: „Ein Freund von mir lag während einer Demonstration plötzlich auf dem Boden, und ich musste ihn aus der Kampfzone retten. Er hatte Tränengas ins Gesicht bekommen. Normalerweise sollte das Tränengas in die Luft geschossen werden, aber die Polizei hat frontal auf die Leute gezielt.“ Ein anderer Freund von ihm sei verhaftet worden, weil er „Nieder mit Khamenei“ an eine Hauswand gesprüht und damit den obersten geistlichen Führer angegriffen hatte. „Er hat Glück gehabt, sie haben ihn bald wieder freigelassen, weil sein Vater in den 1980er Jahren im Krieg gegen den Irak gekämpft hatte. Andernfalls hätte er zehn Jahre Gefängnis bekommen können.“

Wann immer die Männer im Englischen nicht mehr weiter wissen, fragen sie die Frauen am Tisch. Diese übersetzen elegant ein Wort oder eine Phrase, nur um sich dann wieder ihrem eigenen Gespräch zuzuwenden. Das ist kein untypisches Bild in einem Land, in dem Frauen mehr als die Hälfte der Hochschulstudenten stellen und nicht selten in klassische Männerberufe streben. Ihren Master wolle sie in Computertechnik machen, hat eines der Mädchen erzählt – in Europa, wo sie Verwandte hat, wie so viele im iranischen Bildungsbürgertum. Und auch während der Demonstrationen haben zuletzt vor allem die Frauen enormen Mut und Engagement gezeigt, diesen Aspekt werden die Männer nicht müde zu betonen.

Wofür er eigentlich demonstriere, seine Freiheit und sein Leben riskiere, wird einer der jungen Männer am Tisch gefragt. Die Antwort ist schnell, reflektiert und präzise: „Für die Freiheit! Dafür, dass jeder sagen kann, was er denkt, auch wenn er den Islam kritisiert oder Atheist ist! Und die Religion soll Privatsache jedes Einzelnen werden, in der Politik hat sie nichts verloren.“ Ein anderer ergänzt: „Meine Eltern sind beispielsweise sehr religiös, in vielen Fragen sind sie fast schon konservative Hardliner. Aber die gegenwärtige Regierung lehnen sie trotzdem ab – sie sagen, was momentan passiere, habe mit dem Islam nicht mehr das Geringste zu tun.“

Ist das überhaupt möglich, Freiheitsrechte im Iran zu erkämpfen? Die Gesichter werden ernst, als die Frage gestellt wird, und nach kurzem Überlegen antwortet einer der Männer: „Der Iran ist ein reiches Land, und die Herrschenden schöpfen diesen Reichtum ab, deshalb werden sie die Macht nicht freiwillig abgeben. Die Freiheit wird einen Preis haben, es werden noch viele junge Leute sterben oder zumindest verletzt werden. Aber ich glaube, diesen Preis wird sie wert sein.“ Und ein anderer fügt hinzu: „Wie hoch der Preis sein wird, hängt auch davon ab, ob die Machtzirkel irgendwann Einsicht zeigen – und vom Verhalten des Auslands.“ Es gäbe viele Staaten, welche das System und die Regierung Ahmadinedschad aus Eigennutz stützten, weil sie sich wirtschaftliche Vorteile davon versprächen. Umgekehrt wäre es fatal, wenn die Amerikaner militärisch intervenierten: „Bomben könnten nur wenig ausrichten, aber sie würden dem Regime in den Augen der Bevölkerung neue Legitimität verschaffen.“

Der Kaffee ist ausgetrunken, und die großen Fragen der Zeit sind zumindest andiskutiert. Spontan wird noch ein Gruppenfoto vor dem weihnachtlich geschmückten Tannenbaum im Foyer des Einkaufszentrums aufgenommen, dann streben alle auseinander. Zum Abschied reicht das Mädchen mit dem pinken Kopftuch den Männern die Hand. Berührungen zwischen den Geschlechtern – ein revolutionärer Akt, der hier im Norden Teherans Alltag geworden ist.

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