Das Fanal von Aschura

Aschura-Fest in Esfahan (27.12.2009)

Aschura-Fest, Esfahan (27.12.2009)

Die Rollen sind klar verteilt, und die Farben sind aus den Theaterstücken bekannt, die jedes Jahr zu Hunderten aufgeführt werden: Die unschuldig gefolterten und getöteten Kinder Imam Hosseins tragen Grün, die Farbe des Islam, während die Soldaten des Kalifen, die Folterknechte und Mörder, in rote oder gelbe Gewänder und Kettenhemden gekleidet sind. An Seilen zerren sie die Kinder hinter sich her und stoßen sie in den Staub, treten sie mit Füßen und schwingen ihre Peitschen. Die Szene ist Teil einer Prozession, die über den Imam-Platz in Esfahan, die architektonische Perle Persiens, in eine riesige Moschee zieht. Es ist der Tag von Aschura, einer der höchsten schiitischen Feiertage, heute wird des Martyriums von Imam Hossein und seiner Familie gedacht. Hossein war aus der Sicht der Schiiten der legitime Nachfolger des Propheten Mohammad und wurde im Jahre 680 christlicher Zeitrechnung von Anhängern des Kalifen getötet. Jedes Jahr an Aschura wird die Erinnerung an diese Ereignisse in unzähligen Prozessionen und Zeremonien wachgerufen, und mit symbolischer Selbstkasteiung und Tränenausbrüchen durchleiden die Schiiten die Schmerzen ihres Imam von Neuem.

„Die Soldaten sind grausam, nicht wahr?“ flüstert ein junger Mann auf der Dachterrasse des Palastes, von der aus man die theatralische Tortur der Kinder in Grün unten auf dem Platz überblicken kann. „Deshalb heißt es, dass Hossein heute wieder lebendig ist, und dass sich die Geschichte wiederholt.“ Es ist eine Anspielung von höchster politischer Aktualität. Nur wenige Monate ist es her, dass Mahmud Ahmadinedschad in umstrittenen Präsidentschaftswahlen zum Sieger ausgerufen wurde, dass Zehntausende zu Demonstrationen gegen die aus ihrer Sicht gefälschten Wahlen zusammenströmten, und dass die Regierung gewaltsam gegen die Proteste vorging. Es fällt nicht schwer, aus Sicht der Oppositionsbewegung Parallelen zu finden zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Hier der Kalif, der illegitime Machthaber, und seine brutalen Schergen, dort die iranische Regierung und ihre rücksichtslosen Milizen. Hier Imam Hossein und sein sechsmonatiges Baby, hinterrücks von Bogenschützen gemeuchelt, dort friedliche Demonstranten, die mit Tränengas und Schusswaffen bekämpft werden.

Aschura-Fest in Esfahan (27.12.2009)

Aschura-Fest, Esfahan (27.12.2009)

Dass Aschura in diesem Jahr anders ist als sonst, liegt auch am posthumen Einfluss Ayatollah Montaseris: Er war eine der großen Gestalten der Islamischen Revolution von 1979, distanzierte sich aber später von ihr. Im Sommer 2009 kritisierte er die Regierung öffentlich für ihren kompromisslosen Umgang mit dem Protest und wurde zur Symbolfigur und spirituellen Autorität für die Oppositionsbewegung. Vor sieben Tagen ist er gestorben und in seiner Heimatstadt Qom von Zehntausenden zu Grabe getragen worden. Gemäß schiitischer Tradition wird ein Toter nach Ablauf von sieben Tagen noch einmal betrauert, und seit jeher werden im Iran offizielle Großveranstaltungen und Trauerumzüge für Protestkundgebungen genutzt.

Tatsächlich macht in den Mittagsstunden, während die Religiösen in der Moschee beten, das Gerücht die Runde, dass die „Grünen“, die Regierungsgegner und Anhänger der Opposition, am Platz der Revolution demonstrieren. Dort im Süden Esfahans liegen die modernen Stadtteile und das Universitätsviertel, die Hochburgen der „Grünen“. Als wir hinkommen, herrscht eine gespenstische Ruhe rund um den Platz der Revolution und die 33-Bogen-Brücke. Nur die weiß-grünen Polizeibusse, die auf der anderen Flussseite parken, und die überall gegenwärtigen Patrouillen zeugen von den Ereignissen, die sich vor nicht allzu langer Zeit hier abgespielt haben müssen. Die Vielfalt der Uniformen lässt erahnen, wie viele unterschiedliche Arten von Sicherheitskräften es in der Islamischen Republik gibt: Ein Trupp Grünuniformierter durchstreift den Park, zwei Braununiformierte marschieren über die Brücke, eine Gruppe Blauuniformierter hat sich mit weißen Styroporschachteln zu einem verspäteten Mittagessen am Flussufer niedergelassen, und fünf Männer in militärischer Tarnuniform flanieren über die Uferpromenade.

Aschura-Fest in Esfahan (27.12.2009)

Aschura-Fest, Esfahan (27.12.2009)

Es muss eine kurze Demonstration gewesen sein, so lässt es der Bericht eines jungen Taxifahrers erahnen: „Sie haben nicht lange abgewartet und sofort Tränengas eingesetzt, um uns zu zerstreuen“, erzählt er. Er selbst zählt sich nicht zu den „Grünen“, zum harten Kern der Oppositionellen. Zur Demonstration ist er trotzdem gegangen, denn: „Ich mag Mahmud Ahmadinedschad nicht.“ Der Präsident ist zur Reizfigur für viele urbane Iraner geworden. Dass er inkompetent sei und kaum eines von seinen Wahlversprechen gehalten habe, aber mit unbedachten und unverständlichen Reden das Image des Iran im Ausland zerstöre, darüber sind sie sich meist einig. Ob er nur eine Witzfigur oder wirklich gefährlich sei, darüber gehen die Meinungen auseinander. Es ist eine merkwürdiges Schwarz-Weiß-Bild, das immer wieder in Gesprächen mit Iranern entsteht, die nur wenige Worte Englisch sprechen. „Iran – gut“, sagen sie oft und recken den Daumen in die Höhe. „Regierung – schlecht“, fahren sie dann fort, verziehen angewidert das Gesicht und strecken abwehrend die Hand von sich. Doch nicht alle Regierungsgegner gehen auch tatsächlich demonstrieren, so auch jener junge Mann auf dem Imam-Platz von Esfahan, der gute Gründe hat, sich nicht politisch zu exponieren: „Es wäre zu gefährlich“, sagt er. „Die ‚Grünen‘ werden ihren Job schon machen und am Ende sowieso siegen.“

Ein neuer Tag bricht an, und langsam verbreiten sich die Gerüchte darüber, was tags zuvor in Teheran passiert ist, der modernen Metropole und Hochburg der Opposition. Die Rede ist von Hunderttausenden, die protestiert haben, und von dramatischen, stundenlangen Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizei. Schon in den Morgenstunden spricht der britische Radiokanal BBC von sechs Toten, darunter auch ein Verwandter von Oppositionsführer Mussawi, der unter mysteriösen Umständen umgebracht worden sein soll. Die Zahlen und Details werden sich im Lauf des Tages immer wieder ändern, doch sie sind nur von geringer Bedeutung. Entscheidend ist, dass es an Aschura überhaupt Tote auf Seiten der Demonstranten gegeben hat. Dies ist ein Fanal: Eine Regierung, die sich auf die islamische Religion stützt, hat an einem der höchsten schiitischen Feiertage – ausgerechnet an einem Tag des Martyriums – den Tod mehrerer Bürger verursacht. Das wird ihre eigene Legitimität untergraben und der Opposition Märtyrer schenken.

Aschura-Fest in Esfahan (27.12.2009)

Polizei, Esfahan (27.12.2009)

Natürlich werden die staatlichen Medien in den folgenden Tagen immer wieder eine andere Version der Ereignisse verbreiten: Einige wenige radikale Verschwörer hätten an Aschura Imam Hossein angegriffen und die religiösen Gefühle der Gläubigen verletzt. Doch die staatlichen Medien haben längst keine Monopolstellung mehr. Seit der Tauwetter-Politik unter Präsident Khatami vor einem Jahrzehnt wird der Besitz von Satellitenantennen nur noch mit einer Geldstrafe geahndet, und zumindest die gebildete Stadtbevölkerung hat heute Zugang zu den Nachrichten von BBC World, Voice of America und Deutscher Welle und vertraut ihnen weit mehr als den Regierungskanälen.

Auch im Internet ist der Kampf um die Meinungshoheit über die Ereignisse an Aschura voll entbrannt. Weder die Nutzung von Email-Accounts noch die Onlinebuchung von Flügen ist möglich, alle Login-Funktionen sind blockiert. Die Absicht der Regierung ist klar, sie will die Verbreitung von Informationen und Bildern über Weblogs verhindern. Doch die großen englischsprachigen Nachrichtenportale sind auch einen Tag nach den Straßenschlachten von Teheran noch frei zugänglich, und längst haben die Fotos und Amateurvideos von riesigen Menschenmassen mit Transparenten und Plakaten, brennenden Polizei-Motorrädern, blutigen Gesichtern und wütend skandierenden Frauen Eingang in die Bildergalerien auf den Websites von BBC und CNN gefunden. So klickt sich der Junge am Computer nebenan nervös und aufgeregt durch die apokalyptischen Bilder; es wird noch Stunden dauern, bis die Zensoren auch diese Seiten gefunden und blockiert haben.

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Pro-Regierungs-Demonstration, Esfahan (29.12.2009)

Am nächsten Morgen marschiert eine Gruppe junger Männer, Teenager und kleiner Kinder die Hauptstraße hinunter, im Abstand von einigen Metern gefolgt von vier Frauen in schwarzen Schleiern. Sie skandieren Parolen und tragen schwarz-weiße Plakate mit den Portraits von Ayatollah Khomeini und seinem Nachfolger Ayatollah Khamenei, dem gegenwärtigen höchsten geistlichen Führer. Auf dem Imam-Hossein-Platz strömen sie aus allen Richtungen zusammen, um ihre Loyalität gegenüber dem System und der Regierung zu bekunden, doch den großen Platz auszufüllen vermögen sie nicht. Iranische Flaggen werden ebenso geschwenkt wie schwarze Aschura-Fahnen, und einmal ist auch ein Plakat mit einem Ahmadinedschad-Portrait zu sehen.Um die Rednertribüne herum sind große Banner mit den Bildern von Khomeini und Khamenei aufgebaut, und die Stadtverwaltung hat freundlicherweise eine Hebebühne zur Verfügung gestellt, damit das Staatsfernsehen das Geschehen aus gehobener Position filmen kann.

Die Frauen stehen aufgereiht auf den Treppenstufen vor einem Neubau mit faschistisch anmutender Architektur, ausnahmslos sind sie in tiefes Schwarz gehüllt und lassen kaum Haar erkennen. Der Platz unterhalb der Treppenstufen dagegen ist das Terrain der Männer. Viele Mullahs mit Turbanen und Ältere mit grauen Haaren sind unter ihnen, und von den Jüngeren tragen auffällig viele Vollbärte. „Vorgestern an Aschura haben einige Radikale Imam Hossein und die Islamische Republik beleidigt“, erklärt einer der jungen Männer, der Regierungsversion der Ereignisse folgend. „Deshalb demonstrieren wir heute gegen diese Gegner des Systems, für Khomeini, Khamenei und unseren Präsidenten Ahmadinedschad. Solche Demonstrationen werden morgen auch in den anderen Städten stattfinden, aber wir sind stolz darauf, dass Esfahan schneller ist.“

Demonstration von Regierungsanhängern in Esfahan (29.12.2009)

Pro-Regierungs-Demonstration, Esfahan (29.12.2009)

Ob ich Journalist sei, will ein anderer Mann von mir wissen und deutet auf meine Spiegelreflexkamera. Während er weiterfragt, ob ich Bilder von den Polizisten gemacht hätte, zieht er bereits drohend sein Walkie-Talkie unter der Lederjacke hervor. Es muss nicht zum Einsatz kommen, denn glücklicherweise sind noch keine Polizistenfotos entstanden. Doch die Szene zeigt, wie sehr die Islamische Republik Journalisten fürchtet, selbst bei harmlosen Pro-Regierungs-Kundgebungen. Viele westliche Korrespondenten sind ausgewiesen worden, und jene, die geblieben sind, durften während der großen Demonstrationen ihre Hotels nicht verlassen. Dabei sind die Machthaber in Teheran wohl nicht so sehr um die Meinung der Weltöffentlichkeit besorgt, als um den Einfluss der westlichen Medien auf die eigene Bevölkerung.

„Sie arbeiten für den Staat und verdienen gutes Geld, deshalb demonstrieren sie natürlich für die Regierung“, erklärt ein Mann mittleren Alters im nahen Park. „Seht ihr den weiß-grünen Bus dort auf der Straße? Das ist ein Polizeibus, damit karren sie ihre Leute zur Kundgebung heran.“ Er selbst wolle ein anderes politisches System, bekennt er ungefragt. „Die Religion hat in der Politik nichts verloren, beide gehören getrennt. Und was ist das nur für eine religiöse Regierung? Khamenei überhebt sich selbst und stellt sich auf eine Stufe mit den Imamen, das ist doch ein Affront gegen alles, was für gute Muslime recht und billig ist. Dergleichen hat nicht einmal der Schah gewagt, obwohl er doch unser König war.“

„Habt ihr gehört, was sie gerufen haben?“ fragt er dann. „‚Nieder mit dem Schah‘, haben sie skandiert. Was für eine Ironie – der Schah war doch ein höflicher und rücksichtsvoller Mann im Vergleich mit dem jetzigen Regime, das brutal Menschen umbringt. Und es ist richtig lächerlich, dass ihnen in der jetzigen Situation nichts Besseres einfällt, als die gleichen Parolen zu brüllen wie damals, vor über dreißig Jahren. Als wenn der Schah heute noch unsere größtes Problem wäre!“ Es ist eine bemerkenswerte Umdeutung der Vergangenheit, die sich in Gesprächen wie diesem andeutet. Angesichts der kompromisslosen Politik der religiösen Hardliner verblassen die Fehler der Regierenden von einst: In der Erinnerung wird aus dem despotischen und amerikahörigen letzten Schah ein milder Herrscher, und Ex-Präsident Khatami, der zauderliche Reformer, der während seiner Regierungszeit 1997 bis 2005 so viele hochfliegende Erwartungen enttäuscht hat, wird im Rückblick zum mutigen und erfolgreichen Anwalt des Volkes stilisiert.

Demonstration von Regierungsanhängern in Esfahan (29.12.2009)

Pro-Regierungs-Demonstration, Esfahan (29.12.2009)

Das westliche Neujahr naht heran, und um es zu feiern, hat sich eine Gruppe junger Leute aus unterschiedlichen Großstädten in einer der weiten Wüsten des Iran versammelt. Viele von ihnen sind dabei gewesen bei den Auseinandersetzungen in den Metropolen. Eigentlich sind sie hierher gekommen, um den Städten und der großen Politik zu entfliehen, doch die Erinnerungen sind noch zu frisch, und so entsteht eine Nachrichtenbörse, auf der es endlich auch Informationen aus erster Hand über das gibt, was an Aschura in Teheran passiert ist. Von der U-Bahn wird erzählt, die während der kritischen Stunden stillstand, damit die Menschen nicht zur Demonstration kommen konnten. Von der Menschenmenge, die ganze Straßenzüge unter ihre Kontrolle brachte, eigene Checkpoints errichtete und Polizeieinheiten in die Enge trieb. Von einem Demonstranten, der Tränengas frontal ins Gesicht geschossen bekam. Von mehr als zwei Dutzend brennenden Polizei-Motorrädern. Von einem Mann, der blutüberströmt durch die Straße lief. Von jungen Frauen, die mutig Videos drehten, um sie auf Youtube zu veröffentlichen. Von einem Jungen, der sich in einer spektakulären Aktion zu einem Mikrofon durchkämpfte und Khamenei mit einem Schwall von Schimpfwörtern übergoss. Von einem Polizeiauto, das dreimal eine junge Frau überfuhr, um sie zu töten.

Das grundlegend Neue sei, so die Einschätzung eines jungen Teheraners, dass sich die Aggressionen nicht mehr nur gegen Präsident Ahmadinedschad richteten, sondern auch gegen den obersten geistlichen Führer Khamenei. „In der U-Bahn hat kürzlich eine Frau Khamenei den Tod gewünscht und dabei so laut gesprochen, dass es jeder hören konnte“, erzählt er. „Eigentlich steht darauf die Todesstrafe, aber die Menschen beginnen die Angst zu verlieren – vor einem Jahr wäre dergleichen noch unvorstellbar gewesen.“

Demonstration von Regierungsanhängern in Esfahan (29.12.2009)

Pro-Regierungs-Demonstration, Esfahan (29.12.2009)

Früher habe sich auch nur das Zentrum Teherans an den Demonstrationen beteiligt, erinnert sich ein anderer. Aber jetzt verbreitere sich die Bewegung, an Aschura sei zum ersten Mal auch der – ärmere und eher konservative – Süden Teherans dabei gewesen. „Die Menschen dort sind anders als bei uns im Norden, sie gehen viel aggressiver gegen die Polizei vor.“ Diesmal hätten auch längst nicht mehr nur männliche Studenten protestiert, sondern auch viele Frauen und Ältere. Und selbst in den Reihen der Sicherheitskräfte scheine es Sympathien für die Sache der Opposition zu geben. „Manche Polizisten haben uns richtiggehend geholfen“, erzählt grinsend ein junger Mann mit grünem T-Shirt, der Farbe der Opposition. „Einer hat mich vor der Pro-Regierungs-Demonstration gewarnt und mir den Weg zu meiner eigenen Kundgebung gewiesen. Und ein anderer sagte einmal: ‚Ich habe Anweisung, dich nicht durch diese Straße zu lassen. Aber du kannst problemlos die kleine Gasse dort drüben nehmen.‘“

Dass all dies ausgerechnet am heiligen Tag Aschura geschah, mag für Viele im Land von großer Bedeutung sein, doch in diesem Kreis spielt es keine Rolle. Für diese modernen jungen Großstädter ist das Martyrium Imam Hosseins nur ein Element jenes „religiösen Scheiß“, den sie verachten und als verrottetes ideologisches Fundament eines Unterdrückungssystems wahrnehmen, das mit der Knute des Koran alle Vergnügungen und Freiheiten zu ersticken versucht. „Die Machtelite hat völlig das Gefühl dafür verloren, was im Land vor sich geht, sonst hätten sie nicht den richtigen Zeitpunkt für Reformen und Zugeständnisse verpasst“, meint einer. „Ihre Denkweise ist die gleiche geblieben wie in den 1980er Jahren, zur Zeit des Krieges gegen den Irak.“ Deshalb werde die Oppositionsbewegung stärker und stärker, doch ihr fehlten klare Ziele und mutige Führungsgestalten. „Vielleicht ist der Ex-Präsident Rafsandschani der Einzige, der einen friedlichen Reformprozess organisieren kann – er kennt das System und ist vernetzt wie kaum ein Anderer, und alles deutet darauf hin, dass er sich momentan auf die Seite der Opposition schlägt.“

Demonstration von Regierungsanhängern in Esfahan (29.12.2009)

Pro-Regierungs-Demonstration, Esfahan (29.12.2009)

So entsteht zwar ein hoffnungsvolles Bild von einer urbanen Jugend mit dem unbedingten Willen zur Freiheit und einem Machtzirkel von religiösen Hardlinern, die mit ungewollter Zielstrebigkeit ihren Rückhalt in der Bevölkerung verspielen. Doch niemand weiß, wie viel Blut sie bei der Verteidigung ihrer Macht und ihrer Version der religiösen Wahrheit zu vergießen bereit sind. Niemand weiß, ob Khamenei und seine Berater nicht doch noch die Zeichen der Zeit erkennen und mit einer Wiederholung der Präsidentenwahlen den unpopulären Ahmadinedschad opfern. Niemand weiß, wer den Iran in eine bessere Zukunft zu führen vermag und wie ein friedlicher Machttransfer aussehen könnte. Niemand weiß, ob der liberaldemokratischen Oppositionsbewegung ihre Revolution nicht doch noch gestohlen wird, sei es vom Militär oder von umtriebigen Opportunisten.

Nur eines scheint sicher: Auch wenn in Teheran wieder gespenstische Normalität eingekehrt ist – dauerhaft zur Ruhe kommen wird der Iran nach diesem Fanal von Aschura nicht mehr. Der Tod Imam Hosseins – dies sei der Warnung genug – hat ein blutiges Schisma zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen vertieft, das bis heute andauert.

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