Tanz in den Westen

Ein Bus fährt durch die Wüste, während die Abendsonne hinter den Wolken über dem Horizont verschwindet und die Silversternacht 2009 herannaht. Es ist einer jener bunten und windschnittigen Mahmooly-Busse mit riesigen Fensterscheiben, die in den 1960er Jahren die Straßen des Iran und die Herzen der Iraner erobert haben. Die älteren seiner Passagiere, die allesamt aus der Hauptstadt Teheran kommen, dürften in ihrer Jugend noch den Iran vor der Islamischen Revolution von 1979 erlebt haben, Nächte in Diskotheken durchtanzend und Haarmoden ohne Kopftuch tragend. Die jüngeren von ihnen gehören jener Generation an, die gerade mit stürmischem Idealismus die Rückehr zu den Freiheiten von damals fordert.

Als der Busfahrer eine Kassette einlegt und die Lautsprecher aufdreht, dauert es nicht lange, bis die ersten sich auf den Gang zwischen den Sitzen hinauswagen und zu tanzen beginnen. Bald ist der enge Korridor voller Menschen, und in einem wilden Reigen werden die unterschiedlichsten Stile durcheinander getanzt: persisch, türkisch, westlich. Niemand stört sich daran, mit Zurufen und Applaus und fröhlichem Lachen werden die Tanzenden zu noch kühneren Figuren ermutigt. Eine der älteren Frauen zieht sich juchzend das Kopftuch ab, um es im Takt der Musik in der Luft zu schwenken. Ihrem Beispiel folgend, reißen einige Männer Klopapierstreifen von einer der Rollen im Gepäcknetz und wedeln damit, während diejenigen, die auf ihren Sitzen verblieben sind, rhythmisch dazu klatschen. „Disco!“ ruft ein Mädchen mit schwarzem Kopftuch begeistert und reißt die Arme in die Luft, während der Bus weiter durch die Wüste fährt, der Neujahrsparty entgegen.

Es hat schon zu dämmern begonnen, als er endlich an jenem Ort hält, der bereits für die Feier hergerichtet wird. Eine andere Gruppe hat sich schon hier eingefunden, es sind junge Leute aus den unterschiedlichen Großstädten des Landes, die meisten von ihnen kennen sich aus dem Studium. Einige der Autos unternehmen kleine Spritztouren, mit Vollgas rasen sie über die vegetationslose Ebene, während die Insassen lachend ihre Köpfe aus den Fenstern strecken und das Haar im Fahrtwind flattern lassen. Einige Zweiergrüppchen nutzen das Licht des Tages für Spaziergänge hinaus in die Wüste und posieren für Erinnerungsfotos.

Und ein Mädchen mit rotem T-Shirt, kurzer schwarzer Jacke und buntem Kopftuch liegt still auf dem ausgedörrten Wüstenboden, weit entfernt vom Trubel der Partyvorbereitung. Sie scheint zu meditieren und die Einsamkeit zu genießen. Irgendwann steht sie auf, breitet genüsslich die Arme aus und dreht sich mit geschlossenen Augen im Kreis. Dann begint sie langsam und in sich versunken zu der trägen persischen Musik zu tanzen, die der sanfte Wind inzwischen herüberträgt. Es dauert lange, bis der Zauber der Freiheit nachlässt, sie innehält und sich langsam wieder in jene Richtung zu bewegen beginnt, aus welcher der Partylärm kommt.

„Ich liebe die Wüste“, hat eine junge Frau erzählt. „Es ist so ein Kontrast zur lauten und hektischen Großstadt. Immer wenn ich vom Arbeitsalltag genug habe, komme ich hierher, um zu entspannen und Freunde zu treffen.“ Ein anderer – eine der vielen tragischen Gestalten seiner Generation, der schon mehrmals bei Demonstrationen verhaftet worden ist und seitdem auf der Schwarzen Liste der Regierung steht – hat seine Liebe zur Wüste so erklärt: „Eigentlich fühle ich mich nur hier frei und unbeobachtet, viel sicherer jedenfalls als in der Stadt.“

Es ist dunkel geworden, und die Party beginnt. Traditionell feiern die Perser das neue Jahr im März mit einem großen, fast zweiwöchigen Fest. Doch für die urbane Jugend des Iran verlieren Tradition und Religion in demselben Maß an Bindewirkung, in dem der Westen an Strahlkraft gewinnt. So ist anlässlich des westlichen Neujahrs eine große Tanzfläche unter freiem Himmel mit Öllampen abgesteckt, und auf dem Tisch in der Mitte wird dem westlichen Fetisch gehuldigt. Ein Tannenbaum aus Plastik ist aufgebaut und mit bunten Leuchtkerzen und kleinen Weihnachtsmännern, mit Geschenkpäckchen und roten Glocken behangen. Die Tischdecke ist mit goldweißen Glitzergirlanden geschmückt, und eine riesige Sahnetorte in Rosa und Weiß mit der Aufschrift „Happy new year 2010“ ist von willkürlich ausgewählten Flaggen umstanden: Der Iran und Großbritannien sind dabei, ebenso Belgien und Südkorea und die Tschechische Republik. Ein vielleicht zwölfjähriger Junge in rot-weißem Nikolauskostüm springt um den Weihnachtsbaum herum, während aus den drei rund um die Tanzfläche aufgebauten Lautsprecherboxen die Musik dröhnt, die der Mann am Keyboard spielt, und von einem Auto herab im Zweisekundenrhythmus Discoscheinwerfer aufblitzen.

Und so wird getanzt, während auf der nahen Fernstraße eine endlose Perlenkette von Scheinwerferkegeln der vorbeibrausenden Lastwagen und Busse vorübergleitet, die in der flachen Ebene viele Kilometer weit zu sehen sind. Die Kopftücher, Symbole der verhassten religiösen Kleiderordnung, sind gefallen, nur noch die Hälfte der anwesenden Frauen trägt sie, die anderen haben sie abgenommen. Wieder wird regellos durcheinander getanzt – hier vollführen zwei Mädchen langsame, traditionell-persische Handbewegungen, dort tanzt in Paar im Discotakt, und wieder anderswo hüpfen einige junge Männer immer schneller im Kreis, bis ihnen allen schwindlig ist und sie lachend auseinander torkeln.

Immer wieder sondern sich kleine Gruppen ab, um sich auf Matratzen am Rande der Tanzfläche niederzulassen oder, in Gespräche vertieft, hinaus in die Dunkelheit zu laufen. Bei einem dieser Nachtspaziergänge philosophieren zwei der älteren Frauen aus Teheran über Nationalcharaktere: Die Japaner seien sehr kühl, distanziert und ernst, meinen sie, während die Perser das genaue Gegenteil seien – ein lebendiges, offenherziges und fröhliches Volk. Ein überraschend anmutendes Bekenntnis in einem Land, das im Westen vor allem mit schwarzverschleierten Frauen und Staatsterrorismus in Verbindung gebracht wird.

Der Bus aus Teheran hupt, es ist Zeit zur Abfahrt ins Hotel, doch die Gruppe der jungen Leute bleibt. Einer von ihnen hat auf einem Taschenmesser einen kleinen schwarzen Klumpen aufgespießt und erwärmt ihn mit einem Feuerzeug. „Afghanische Schokolade“, erklärt er grinsend und dreht sich einen Joint. „Das Haschisch ist harmlos, aber vom Opium lassen wir natürlich die Finger, davon kann man richtig süchtig werden.“ Die Ostgrenze des Iran ist porös, dort hat die Zentralregierung in Teheran wenig zu sagen, balutschische Stämme und korrupte Militärs dagegen umso mehr. So ist der Iran zu einem der wichtigen Transitländer für Drogen aus Afghanistan auf ihrem Weg nach Europa geworden, und nicht wenig wird im Land selbst konsumiert.

Derweil hat ein Mädchen ihren Laptop aufgeklappt und zeigt stolz Bilder von ihrer Europareise vor genau einem Jahr. Wie so viele hat sie Verwandte im Westen; unzählige gebildete Iraner sind in den letzten Jahrzehnten in die Metropolen Amerikas und Europas emigriert und leben heute in Toronto und London und Köln. Dann betritt ein Neuankömmling die Tanzbühne und wird frenetisch gefeiert. Er hat die lange erwartete Sensation des Abends mitgebracht – Schnaps in einem kleinen Plastikkanister. „Natürlich kommt man auch im Iran an Alkohol heran, man muss nur die richtigen Telefonnummern kennen“, sagt er lachend. Auf einer Motorhaube wird der Grappa ausgeschenkt und andächtig aus weißen Plastikbechern getrunken; Schnapsgläser sind unbekannt in einem Land, in dem der Alkoholkonsum für Muslime strikt verboten ist.

Bis zum Beginn des neuen Jahres sind es noch zwei Stunden, doch schon wird die Kälte der Wüstenwinternacht spürbar. Das Zusammenpacken beginnt, und ein Auto nach dem anderen macht sich auf den Weg in die nächste Stadt, die einige Dutzend Kilometer weit entfernt ist. Gespenstisch leer und verlassen wirkt plötzlich jener Wüstenboden, die für einige Stunden zu einem der freiesten Orte im Iran geworden ist und – einer Zeitmaschine nicht unähnlich – einen Blick in die Zukunft des Landes erlaubt hat.

Als Mitternacht herannaht, sitzen alle gemütlich in einem Privathaus beisammen und zählen den Countdown. Wie selbstverständlich zählen sie ihn auf Englisch, und dann wird das neue Jahr mit Applaus begrüßt. „Denkt daran, dies ist ein kritischer Moment in der iranischen Geschichte“, sagt einer der jungen Männer, der nach den umstrittenen Wahlen im Sommer 2009 zu den Demonstranten der ersten Stunde gehört hat. „Dieses Neujahr wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.“

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