Weihnachten im Land der Mullahs

christmas-esfahan-1Von außen wirkt die Mauer unscheinbar, nur ein Schild mit der französischen Aufschrift „Église catholique“ deutet darauf hin, dass sich dahinter die katholische Kirche von Esfahan verbirgt. Will man den unscheinbaren, zweistöckigen Backsteinbau erreichen, muss man eine Toreinfahrt durchschreiten und einen Innenhof durchqueren. Dort lassen nur eine kleine Marienstatue und das mit elektrischen Leuchtkerzen in den Strauch gemalte „Merry Christmas“ erahnen, dass dieser Mikrokosmos anders ist als der Rest des Iran, wo der Staat sich unter Berufung auf die Religion tief ins Privatleben der muslimischen Mehrheitsbevölkerung einmischt.

christmas-esfahan-2Ihnen, den Muslimen, ist der Übertritt zu einer anderen Religion bei Todesstrafe verboten. Doch wer in eine andere religiöse Gemeinschaft hineingeboren worden ist, kann seinen Glauben relativ frei ausüben, zumindest außerhalb des öffentlichen Raumes. So kommen jetzt auch die Christen Esfahans zusammen, um die Weihnachtsmesse zu feiern. Anders als das Äußere des Backsteinbaus vermuten lässt, betritt man eine echte kleine Kirche. Die christlich-europäische Architektur ist vermischt mit persischen Elementen und Verzierungen, und nicht viel anders verhält es sich mit der Kleidung. Dies könnte genausogut ein italienisches oder französisches Kirchenpublikum sein, wären da nicht die Kopftücher der Frauen. Sie sind typisch iranisch, gerade mit ihrem betont modischen Charakter – oft sind sie nicht mehr als rote oder weiße Schals, locker übers Haar gelegt.

jolfa-1Der Priester, der auf Persisch die Messe liest, spricht nicht ritualhaft feierlich, sondern klar akzentuiert; mit seiner Rhetorik erinnert er mehr an Barack Obama als an die weisen alten Männer auf den Kanzeln Europas. Derweil herrscht im Kirchenschiff ein reges Kommen und Gehen. Telefone klingeln und Finger flitzen über Handytastaturen, während eine junge Frau im schicken schwarzen Mantel stolz ihre sechsmonatige Tochter in eine Kamera hält. Sie spricht fließend Englisch und wirkt, als wäre sie gerade eben aus New York oder Chicago eingeflogen, um die Weihnachtsfeiertage bei ihrer Familie in der alten Heimat zu verbringen. Tatsächlich aber lebt sie mit ihrem Mann in Esfahan, wie sie flüsternd erzählt, nur ihre jüngere Schwester hat den Sprung nach Amerika geschafft.

jolfa-2Nach und nach stellt sich auch heraus, dass sie gar keine Katholiken sind, sondern armenisch-orthodoxe Christen, die Weihnachten eigentlich erst im Januar feiern. „Aber die katholische Weihnachtsmesse ist viel schöner als unser eigener Gottesdienst“, erklärt sie lächelnd, „deshalb kommen viele Armenier zumindest einmal im Jahr, am 24. Dezember, in die katholische Kirche.“ Armenier gibt es viele in Esfahan, Anfang des 17. Jahrhunderts siedelte der damalige persische Schah die Bewohner eines ganzen armenischen Ortschaft namens Jolfa hierher um, wo sie nicht nur ihm eine neue Hauptstadt bauten, sondern auch sich selbst ein eigenes Stadtviertel, das sie „Neu-Jolfa“ nannten. So entstanden zahlreiche armenisch-orthodoxe Kirchen, darunter die Vank-Kathedrale, deren Inneres mit einer beeindruckenden Freskenbemalung geschmückt ist. Dort werden nahezu alle wichtigen Geschichten des Alten und Neuen Testaments in Bildern erzählt, und die Wänden verströmen den Geist Europas – mitten im Herzen Persiens.

jolfa-3Durch den engen Gang zwischen den Holzbänken kommt die Gemeinde zur heiligen Kommunion zusammen, und der Priester segnet jeden, die Orthodoxen ebenso wie die Katholiken. Dann wird feierlich „Stille Nacht, Heilige Nacht“ gesungen – auf Persisch und Englisch, begleitet von Trompetenklängen von der Empore. Am Ausgang verteilt ein Mädchen kleine Jesus-Bildchen und lädt alle Anwesenden zur „Party“ im Schulgebäude nebenan ein. In der Aula steht dort ein Weihnachtsbaum mit Silberkugeln; an der Wand ist ein armenischer Schriftzug aufgehängt, und der darüber aufgeklebte Engel wünscht auf Italienisch „Frohe Weihnachten“.

jolfa-4Während ein Mädchen in Nikolaus-Kostüm das Kinderprogramm leitet, stehen und sitzen die Erwachsenen in kleinen Gruppen herum, schlürfen Tee aus Plastikbechern und lassen sich Gebäckstücke reichen. Parliert wird auf Persisch und Englisch und Italienisch; der Priester, der jahrelang in den Priesterseminaren Italiens studiert hat, versteht sich ganz ausgezeichnet mit einer Familie aus Genua, die ihren Winterurlaub auf Reisen im Iran verbringt. Langsam nur leeren sich die Aula und die Korridore, doch irgendwann treten die Christen Esfahans wieder hinaus in die milde Weihnachtsnacht, zurück in die Welt der Mullahs und der Fastfoodrestaurants.

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