Die Kinder Afghanistans auf der Suche nach dem gelobten Land

„Sie sind starke Männer, und sie brauchen nicht viel zu essen. Deshalb sind sie ganz ausgezeichnete Bauarbeiter, ich habe wirklich Respekt vor ihnen.“ Um die afghanischen Flüchtlinge im Iran geht es bei diesem Gespräch in einem Restaurant in Esfahan. Die Thesen, die der – nicht ungebildete – Iraner vertritt, sind nicht ohne Überheblichkeit und Rassismus, doch untypisch sind sie nicht.

Ein bis zwei Millionen Afghanen leben im Iran, sie bilden dort die weitaus größte Einwanderergruppe. In den Büros der Ausländerpolizei füllen sie die Wartezimmer. „Wir müssen unsere Aufenthaltsgenehmigungen jedes halbe Jahr verlängern lassen“, erzählt einer von ihnen, „und dabei jedes Mal 100 US-Dollar zahlen.“ Das ist viel für die Afghanen, von denen die meisten tatsächlich auf dem Bau arbeiten und der Unterschicht angehören.

Obwohl sie eine persische Sprache sprechen und kaum Verständigungsprobleme haben, wird ihnen die Chance zum sozialen Aufstieg und zur Integration in die Gesellschaft vom Staat konsequent verbaut. „Ich darf als Afghane keine SIM-Karte für mein Handy kaufen und kein Motorrad anmelden“, klagt ein junger Mann, der in einer der großen Städte ein kleines Geschäft betreibt. „Das muss alles unter dem Namen iranischer Freunde laufen. Aber das Schlimmste ist, dass sie uns inzwischen sogar den Zugang zu ihren Grund- und Mittelschulen verwehren.“

Über Umwege haben es einige von ihnen trotzdem an die Universität geschafft. Einer von denen, die studieren, hat einst eine Privatschule für die junge Generation der Afghanen aufgebaut, um einen Ersatz zu schaffen für die staatlichen Schulen, deren Tore für Flüchtlinge geschlossen bleiben. „Aber dann ist die Regierung gekommen und hat sie einfach geschlossen“, erzählt er traurig. „Das war schon unter dem jetzigen Präsidenten Ahmadinedschad. Ihn hassen hier alle Afghanen wegen seiner Politik uns gegenüber. Sein Vorgänger Khatami hat uns zumindest Chancen gelassen, vor ihm haben wir großen Respekt.“ Doch es gibt noch einen anderen, einen außenpolitischen Grund für den Zorn auf die Hardliner, die das Land regieren: „Der Iran würde die USA in Afghanistan liebend gerne scheitern sehen, deshalb versuchen sie das Land zu destabilisieren“, erklärt ein anderer Afghane. „Sie schicken beispielsweise Mullahs über die Grenze, die dort drüben gegen den Westen hetzen sollen. Aber ich glaube nicht, dass ihnen das wirklich gelingt.“

Ein neues Phänomen sind die afghanischen Flüchtlinge im Iran nicht. 1979 war ein Schlüsseldatum für beide Länder: Hier marschierte die Sowjets ein, dort rissen die Mullahs in der Islamischen Revolution die Macht an sich. Viele kamen schon damals, andere kamen erst später – die Geschichte Afghanistans blieb unruhig und blutig. Die meisten von denen, die kamen, waren schiitische Hazaris, die in Zentralafghanistan leben und wegen ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit diskriminiert wurden. „Der Hass zwischen den ethnischen Gruppen ist sehr stark“, erzählt ein junger Mann, der schon in der zweiten Generation im Iran lebt. „Ich bin vor einigen Monaten zum ersten Mal in das Dorf meines Vaters gefahren und musste einen Bogen um die großen Städte wie Kandahar machen, denn dort wäre es zu gefährlich für mich gewesen.“

Wenn nicht die NATO die Taliban vertrieben hätten, so meint er weiter, hätte es zu einem Völkermord an den Hazaris kommen können. Diese seien für die Präsenz der westlichen Truppen im Land sehr dankbar, weil sie die untereinander verfeindeten ethnischen Gruppen auseinander hielten: „Vielleicht werden westliche Truppen noch 40 Jahre in Afghanistan bleiben müssen, wenn auch hoffentlich nicht in der jetzigen Stärke; wenn sie zu früh abziehen, wird es sofort wieder zum Bürgerkrieg kommen.“ Und Ergebnisse der westlichen Präsenz gäbe es durchaus: „Vor acht Jahren hätten sich die Leute in meinem Dorf nie träumen lassen, dass sie heute aus einem kleinen Wasserkraftwerk Strom beziehen würden, dass die Kinder in die Schule gehen könnten und es eine Verkehrsverbindung zur Außenwelt geben würde.“

Überhaupt ist für diesen jungen Afghanen Europa alles andere als ein Feindbild. „Ich habe Verwandte in Deutschland“, erzählt er, „und sie sind sehr zufrieden damit, wie es ihnen dort geht. Der Staat macht ihnen ein menschenwürdiges Leben möglich, sie können die Schulen besuchen und auch auf die Universität gehen.“ Dann schlussfolgert er: „Es ist ein großer Fehler gewesen, hierher in den Iran zu kommen – und hier zu bleiben.“ Viele hätten schon versucht, in die Türkei zu gelangen und weiter nach Griechenland, das Tor zu Europa. Auch er selbst – vergeblich. Im Iran bleiben will er nicht: „Ein paar Monate noch, dann werde ich zurückgehen nach Afghanistan. Dort kann ich ein Geschäft aufbauen, ein Freund von mir hat das gemacht und Erfolg damit gehabt. Auf jeden Fall habe ich dort mehr Freiheiten als hier im Iran.“

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