Der Appeal der Freiheit

esfahan-imam-square-4„Freiheit im Iran?“ Der junge Mann mit dem langen Haarzopf lacht spöttisch auf. „Wir können hier nicht einmal frei unsere Meinung sagen, und sexuelle Freiheit ist erst recht unvorstellbar.“ Er lehnt an einem Laternenmast und überblickt den Imam-Platz von Esfahan, wo sich die Gläubigen der Millionenstadt gerade zum Freitagsgebet versammeln. Die Männer strömen auf der Westseite der Imam-Moschee zusammen, die Frauen versammeln sich auf der Ostseite. „Merkst du, dass jetzt nur noch religiös gekleidete Menschen unterwegs sind?“ fragt er. „Normalerweise bleiben sie verborgen, nur am Freitag kommen sie immer zum Vorschein.“

esfahan-imam-square-2Tatsächlich eilen jetzt fast ausschließlich verschleierte Frauen vorbei, von denen der schwarze Umhang nur Gesicht, Hände und Schuhe unbedeckt lässt. Wie vom Erdboden verschwunden sind die jungen Pärchen, die Jungen auf ihren Motorrädern und die leger gekleideten Mädchen mit den weit übers Haar zurückgeschobenen Kopftüchern, die vor einer Stunde noch den weiten Platz bevölkert haben. „Unsere Gesellschaft ist zweigeteilt“, kommentiert der junge Mann und erklärt den Gegensatz anhand der Kleidung. „Es gibt die modischen Leute und es gibt die konservativen. Und momentan nutzen beide Seiten jede Gelegenheit, gegeneinander zu demonstrieren.“ Dann hält er inne, deutet auf die Lautsprecher am Laternenmast, die den Singsang des Vorbeters über den ganzen Platz verbreiten, und sagt genervt: „Dieser Krach ist unerträglich. Es gibt doch nichts Langweiligeres auf dieser Welt als das Freitagsgebet.“

esfahan-imam-square-3Es ist ein merkwürdiger Kontrast, der den Iran prägt. Hier eine Regierung, die nahezu alle Vergnügungen verbietet, sich dabei auf die Religion beruft und noch immer einen Teil der Bevölkerung hinter sich hat. Dort eine urbane Jugend, die mit Verachtung von allem Religiösen spricht, im Norden Teherans ausschweifende Partys feiert und den Modetrends aus dem Westen hinterherläuft. „Öffentliche Konzerte sind nur für persische Klassik und Pop-Musik erlaubt“, erzählt ein junger Mann aus Teheran. „Wir haben große Talente im Rock und Jazz, aber sie dürfen nur im Untergrund spielen.“ Das Handeln im Verborgenen ist typisch für den Alltag der progressiven Iraner geworden. Ein Kellner in einem Restaurant im eher konservativen Yazd drückt es so aus: „In diesem Land hast du die Freiheit, alles zu tun, was du willst, solange du es nicht öffentlich tust und dich nicht in die Politik einmischst.“

freedom-1Doch damit geben sich die gebildeten Städter nicht mehr zufrieden. „Freiheit“ ist zur Schlüsselforderung der Oppositionsbewegung geworden, und bemerkenswert viele haben klare Vorstellungen davon, was darunter zu verstehen ist. Fast alle nennen die Rede- und Meinungsfreiheit an erster Stelle, sie gilt als Voraussetzung für eine Reformierung des theokratischen Systems von innen heraus. Danach gibt es unterschiedliche Prioritäten: Die Freiheit, Satellitenschüsseln zu besitzen und ausländische Fernsehsender zu empfangen. Die Freiheit, Sex vor der Ehe zu haben. Die Freiheit, unbeschränkt zu reisen. Die Freiheit, die Religion zu kritisieren und sich ihr zu verweigern. Die vollständige Trennung von Politik und Religion. Freie und transparente Wahlen.

esfahan-imam-square-7„Ich weiß, ihr habt in Europa auch Probleme, mit Arbeitslosigkeit und so“, gesteht ein junger Mann in einer der weltgewandten Hafenstädte an der Golfküste zu. „Aber das sind alles nur sekundäre Probleme, ihr seid auf einer ganz anderen Stufe als wir. Die Freiheit ist grundlegend für den Menschen, ohne sie ist alles andere wertlos; wir müssen uns erst die Freiheit erkämpfen, bevor wir uns überhaupt erst den Problemen zuwenden können, die euch so sehr beschäftigen.“ Dann ereifert er sich über die Regierung der Islamischen Republik: „Sie wollen alles verbieten, was Spaß macht und modern ist – Alkohol und kurze Hosen und lange Haare und ein rasiertes Gesicht. Was ist denn bitteschön dabei, wenn ein Junge und ein Mädchen gemeinsam ausgehen und beide glücklich sind? Das ist ihre Sache, da hat sich niemand einzumischen. Aber in der Realität kann man wegen so etwas verhaftet und sogar umgebracht werden.“

esfahan-imam-square-1An einem anderen Ort, weit weg vom Meeresrauschen, in einer der weiten Wüsten des Iran. „Die Welt entwickelt und vernetzt sich so rasch wie nie zuvor“, reflektiert ein junger Teheraner. „Der Zug für isolationistische Sonderwege ist abgefahren. Es wird Zeit, dass der Iran sich öffnet und mit der Welt teilt, was er hat. Ich will eigentlich nur einen gültigen Reisepass haben und frei reisen können, dann wäre ich schon zufrieden.“ Sinnierend steht er auf der Dachterrasse und blickt auf die Häuser des Wüstendorfes herab. „In Teheran bilden wir die Mehrheit, dessen bin ich mir sicher. Dort sind die Menschen gut informiert und wollen den Wandel, dort reimen sogar schon die kleinen Kinder Spottverse auf die Regierung. Aber hier auf dem Land ist es schwierig. Die Menschen in den Dörfern haben kein Internet und keine Satellitenantennen, sie können nur das Staatsfernsehen empfangen und glauben der offiziellen Propaganda. Ich habe kürzlich erst mit einem Taxifahrer diskutiert, der Präsident Ahmadinedschad gut findet, obwohl er dessen Reden für unverständlich hält und sich über die steigenden Preise aufregt.“

esfahan-imam-square-5Zurück in Esfahan. Dort sitzt ein älterer Mann entspannt in seinem Büro und spannt kühn einen weiten historischen Bogen: „Die momentanen politischen Auseinandersetzungen haben ihre Wurzel in der Französischen Revolution von 1789“, erklärt er. Deren Ideen, vor allem jene der individuellen Freiheiten und gleichen Rechten für alle Bürger, hätten sich im 19. Jahrhundert auch in Persien verbreitet. „Immer wieder gab es Reformbemühungen und Revolutionen, doch sie alle wurden erstickt. Als vor dreißig Jahren der Shah stürzte, sah es eine Zeitlang so aus, als könnten sich die Ideen von 1789 endlich auch im Iran durchsetzen, doch dann errichteten die Mullahs ihre Diktatur. Aber momentan ist es wieder so weit – die Freiheit bricht sich ihre Bahn. Es ging im Sommer 2009 nach den gefälschten Wahlen los. Die Regierung reagierte hart und nahm keine Rücksicht auf Menschen. Deshalb wurden es immer mehr Demonstranten, und sie nutzen kreativ jede Gelegenheit für Proteste.“

esfahan-imam-square-6„Natürlich sind die modischen Leute mehr als die konservativen“, sagt der junge Mann mit dem langen Haarzopf. Er löst sich vom Laternenmast und wirft einen letzten verächtlichen Blick auf die schwarz verschleierten Frauenköpfe auf dem Imam-Platz, bei denen es sich höchstens um ein paar Tausende handelt. Dann fügt er einschränkend hinzu: „Zumindest hier in den großen Städten.“

Einen Kommentar schreiben