Die Leiden der Schia

aschura-esfahan-1Der Schütze zögert. Er spannt den Bogen, doch dann lässt er ihn wieder sinken und dreht sich um zu dem Schatten hinter ihm. Die linke Seite der Bühne ist in Rot getaucht, die Farbe des Blutes. Die Schatten auf der anderen Seite dagegen bewegen sich hinter einem Vorhang in Grün, der Farbe des aufrechten Islam. Ein Mann trägt ein Baby auf dem Arm, er ist unbewaffnet und ahnt nichts von der Gefahr. Derweil hat auf der linken Seite der Befehlshaber ein Zeichen gegeben, und der Schütze überwindet seine Skrupel. Er hebt den Bogen, spannt ihn, und dann bohrt sich der Pfeil in den kleinen Kopf des Babys, des Sohnes von Imam Hossein.

Die Szene auf der Bühne erzählt von Ereignissen, das sich im Jahr 680 nach Christus abgespielt haben sollen. Im Streit um die Nachfolge des Propheten Mohammad hatte Hossein, der Sohn von Imam Ali, mit seiner Familie und einigen Anhängern sein Lager bei Kerbala aufgeschlagen, das heute im Irak liegt, und wurde dort von den Soldaten des Kalifen Yazid getötet. Sein Tod machte die Spaltung des Islam unwiderruflich, seitdem teilt sich die Gemeinschaft der Muslime in Sunniten, die Anhänger des Kalifen, und Schiiten, die Ali und Hossein als legitime Nachfolger Mohammads betrachten.

aschura-esfahan-2Als gute Muslime sehen sich beide Seiten, und beide Seiten sprechen es der jeweils anderen ab, gute Muslime zu sein. Auf der Bühne feiert der Kalif Yazid seinen Sieg über den Rivalen, er lässt sich Alkohol reichen und schreitet torkelnd zum Tanz. Im Kerker werden derweil die kleinen, unschuldigen Töchter Hosseins von Soldaten ausgepeitscht. Als sie mit herzerweichendem Flehen darum bitten, ihren Vater sehen zu dürfen, lässt ihnen Yazid dessen geköpftes Haupt vorsetzen. Auf ihn werden all jene schlechten Eigenschaften und Handlungen projiziert, die in einem gläubigen Muslim tiefste Abneigung hervorrufen. Bewegt seufzt das – schiitische – Publikum auf, als weiße Engel um Hossein trauern, und am Ende stürmt der Geschichtenerzähler mit gezücktem Schwert ins Publikum, um der Welt zu verkünden, was in Kerbala wirklich geschehen ist.

Für die Schiiten sind dies ein Schlüsselereignisse ihres Glaubens, und jedes Jahr gedenken sie ihrer mit zehntägigen Feierlichkeiten, die im Trauertag Aschura gipfeln. Dann hängen überall im Iran, dessen Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit schiitisch ist, schwarze Fahnen. Durch die Straßen ziehen Prozessionen mit Trommelmusik, Männer tragen grüne oder rote Stirnbänder mit der Aufschrift „Oh, Hossein“, Frauen und Kinder verteilen Bonbons, vor den Moscheen brennen Kerzenmeere, und unzählige Laienschauspiele erinnern an den Tod Hosseins. Voller Mitgefühlt für den Imam und dessen Familie und voller Empörung über die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist, werden immer wieder die kleinen Details betont: Sie alle seien voller Durst gestorben, weil man ihnen sogar den Zugang zum Wasser verwehrt habe. Und das Baby, das Yazid hinterrücks meucheln ließ, sei erst sechs Monate alt gewesen.

aschura-esfahan-5Der Märtyrerkult, der tief im iranischen Denken verwurzelt ist, zeigt sich auch in einem Zelt auf dem Platz vor der riesigen Imam-Moschee, einem der berühmtesten Baudenkmäler Esfahans im Zentraliran. Darin ist anlässlich der Feierlichkeiten eine Ausstellung untergebracht, zu der es wie bei den meisten religiösen Gebäuden getrennte Eingänge für Frauen und Mäner gibt. Der Besucher schreitet durch einen Tunnel mit Bildern von Aschura-Prozessionen, bevor er an eine Nachbildung des Schlachtfelds von Kerbala gelangt. Dahinter aber nimmt den größten Teil der Ausstellung ein anderes Thema ein: der irakisch-iranische Krieg von 1980 bis 1988, von dem die Iraner als dem „aufgezwungenen Krieg“ sprechen. Ein zerschossenes Ölfass, blutverschmierte Militärstiefel, verrostete Handgranaten und Stahlhelme, dazwischen Flaggen der Islamischen Republik Iran und Bilder aufopferungsvoller junger Männer mit Vollbärten auf Fußmärschen und vor Lehmbunkern. „Die Schiiten würden nie ein Land angreifen“, kommentiert ein Touristenführer und stellt dann eine Verbindung zwischen den historischen Ereignissen her: „Aber Imam Hossein hat uns gelehrt, uns bis zum Letzten zu verteidigen, wenn wir angegriffen werden – so wie damals von den Irakern.“

Auch im Innenhof der Moschee ist ein großes Zelt aufgebaut, das bis vor kurzem voll von trauernden und betenden Gläubigen gewesen ist. Jetzt werden die Teppiche zusammengerollt und die Plastikkisten weggeräumt, aus denen die kostenlosten Essenspakete verteilt worden sind. Derweil steht ein Mann in der Nähe des Eingangs und erzählt von der Stadt Kerbala, der wichtigsten schiitischen Pilgerstätte, die heute aufgrund von ständigen Terroranaschura-esfahan-3schlägen nicht mehr sicher sei. Bin Laden, der Gründer von Al Qaida, sei kein richtiger Muslim, zürnt er: „Er erkennt Hossein nicht als Imam an und hasst uns Schiiten.“ Voller Verachtung spricht er von den Wahhabiten – den Anhängern einer besonders konservativen sunnitischen Glaubensrichtung, welche in Saudi-Arabien eine faktische Staatsreligion darstellt – und setzt sie mit fundamentalistischen Sunniten gleich: „Die Terroristen von Al Qaida, das sind alles Wahhabiten. Sie bringen wahllos Schiiten um, Christen und Juden sind eigentlich eher nachrangig. Bei den Saudis muss man, so heißt es, acht Schiiten töten, um ins Paradies zu kommen, in Pakistan dagegen braucht es sechzehn.“

So fügen sich die großen Auseinandersetzungen der Gegenwart nahtlos in eine lange Erzählung von der beständigen Opferrolle der Schiiten und ihrer Bereitschaft zum – passiven – Martyrium für den rechten Glauben. Wie schon vor mehr als 1300 Jahren, vermischen sich auch heute in den innerislamischen Konflikten politische und religiöse Motive nahezu unentwirrbar. Es ist dies einer der Gründe dafür, dass in Afghanistan ein Bürgerkrieg schwelt und in Pakistan die Autobomben explodieren und die beiden Regionalmächte Iran und Saudi-Arabien sich in einer Hassliebe gegenseitig belauern. So wie Medina, die Stadt des Propheten, Sunniten und Schiiten miteinander verbindet, so trennt sie Kerbala, die Stadt Imam Hosseins.

Von all dem ist nicht mehr viel zu spüren, als sich am Vorabend des Aschura-Tages einige Dutzend Männer unterschiedlichen Alters in einem Privathaus versammeln. Schwarze Tücher und Trauerbänder schmücken die Wände des Saals. Nach dem Gebet erzählt ein junger Mullah mit weißem Turban von einem Podest aus die Ereignisse von Kerbala nach. Als er damit fertig ist, beginnt die eigentliche Zeremonie: Die Männer gruppieren sich in zwei Kreisen, das Licht wird gedimmt, und während immer zwei oder drei Männer in der Mitte sich mit Ketten symbolisch selbst geißeln, schlagen sicaschura-esfahan-4h die Umstehenden rhythmisch auf die Brust und erwidern im Wechselgesang die Worte des Vorsängers am Mikrofon, mit denen Imam Hossein und seine Familie beklagt werden. Hinter einem Vorhang sind schemenhaft Frauengestalten zu erkennen, für die das Geschehen im Saal mit einer Videokamera übertragen wird. Immer schneller und ekstatischer werden die Bewegungen, bis die Männer nach anderthalb Stunden schließlich erschöpft und verschwitzt innehalten, um im Gedenken an die Leiden Hosseins in Tränen auszubrechen. Es ist ein ritualisierter Dialog zwischen den Generationen, wie man ihn in der individualisierten westlichen Kultur kaum mehr kennt. Jedes Jahr wird er tagelang wiederholt, auf dass die Jungen lernen und die Alten nicht vergessen, welches Unrecht Imam Hossein und den Schiiten angetan worden ist.

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