Der Reiz des Verbotenen

surgeon-1Ein Hochhaus im Norden Teherans. Der junge Mann, der aus dem Aufzug tritt, trägt ein kleines weißes Pflaster auf der Nase. Es ist ein Statussymboln im Iran; jene jungen Leute, die sich eine plastische Operation leisten können, tragen dies stolz auf der Straße zur Schau. Die Praxis des Schönheitschirurgen befindet sich im siebten Stock, es ist eine von Hunderten, die es in Teheran geben soll. In dem sterilen Rezeptions- und Wartezimmer liegt ein dickes Fotoalbum auf dem Tisch zwischen den abgenutzten Sofas. Darin goldumrandete Seitenportraits vor und nach der Nasenoperation; die Frauen tragen kein Kopftuch, aber dafür dickes Makeup. Desweiteren sind auf dem Tisch verschiedene Zeitschriften ausgebreitet, auch einige englischsprachige Titel. Beim Blättern bleibt der Blick an einer Werbung für Rolex-Uhren hängen. Die Frau mit den langen roten Haaren scheint nur einen BH zu tragen; die Schultern jedenfalls sind unbedeckt, und damit ist die Grenze dessen überschritten, was der Religionspolizei noch vermittelbar ist. Fein säuberlich ist die Haut mit schwarzem Filzstift übermalt, sodass nur das geschminkte Gesicht und das Handgelenk mit der Golduhr sichtbar sind.

Dass ausgerechnet in der Praxis eines Schönheitschirurgen anzügliche Bilder von leicht bekleideten Frauen geschwärzt werden – das ist nicht untypisch für den krassen Widerspruch zwischen dem konservativen, religiösen Weltbild der Mullahs, die den Staat lenken, und dem modernen, libertären Lebensgefühl der Jugend in den Metropolen. In einem Land, in dem das Gesetz die Frauen zwingt, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen, wird es zu einem politischen Statement, wie weit dieses Kopftuch zurückgeschoben und wieviel Haar darunter zu erkennen ist. „Den islamischen Schleier zu tragen, ist in unserem Land Gesetz“, mahnt ein Plakat, auf dem ein Mädchen mit schwarzem Kopftuch und ziemlichem Blick abgebildet ist, und dann folgt die Aufforderung: „Respektiert das Gesetz!“ Dies ist die moralische Bankrotterklärung eines Systems, dem die Argumente ausgegangen sind und das sich deshalb surgeon-2nur noch auf das Gesetz berufen kann, das es selbst geschaffen hat. Ausrichten können dergleichen Mahnungen zumindest in Teheran nicht mehr viel. Unverheiratete Pärchen spazieren unerlaubterweise durch die Straßen und Parks und Einkaufszentren, und wenn sie von der Religionspolizei aufgegriffen werden, wird eine Verwandtschaft zweiten oder dritten Grades behauptet.

„Ich denke ständig an Sex, egal ob auf der Toilette oder bei der Arbeit.“ Der junge Mann auf dem Imam-Platz von Esfahan stützt sich sich lässig auf den Lenker seines Fahrrads. „Es wird zu einer großen Sache, gerade weil es verboten ist.“ Dann erzählt er von den Sexparties, zu denen sich die Jugend in Teheran und den anderen Großstädten des Landes treffe, von dem Erwartungsdruck an die Frauen, jungfräulich in die Ehe zu gehen, und von chirurgischen Eingriffen, mit denen sich die Spuren der sexuellen Ausschweifungen verwischen ließen. „Das ist das Maximum“, schließt er. „Was Sex betrifft, kann man in diesem Land das absolute Minimum bekommen – oder eben das absolute Maximum.“

Nicht alle in seiner Generation reden so offen und ungezwungen über Sex wie dieser junge Mann, doch überall ist eine Neugier auf das westliche Modell der Freizügigkeit zu spüren, in dem jene sexuellen Beziehungen vor der Ehe erlaubt sind, die viele im Iran verbotenerweise führen – oder vor der sie aus Angst vor Sanktionen noch zurückscheuen. „Seid ihr verheiratet?“ und „Seid ihr ein Paar?“ sind Fragen, die immer wieder – oft mit verlegenem Kichern – gestellt werden, wenn zwei westliche Ausländer unterschiedlichen Geschlechts gemeinsam unterwegs sind. Diese Neugier ist gerade bei den jungen Frauen zu verspüren, die im Iran so emanzipiert und selbstbewusst auftreten wie in kaum einem anderen Land der muslimischen Welt und die noch viel stärker als die Männer unter den Rollenerwartungen leiden, welche der Staat und die Eltern an sie richten.

scarf-1Dieser Gegensatz zwischen Tradition und Moderne zeigt sich auch bei den afghanischen Flüchtlingen, die meist deutlich stärker in traditionalen Denkmustern verhaftet sind als die Iraner. Wenn er mit einer Frau rede oder sie flüchtig berühre, verspüre er jedes Mal eine große Erregung, erzählt einer von ihnen, ein Mittzwanziger. Ob das in Europa auch so sei, will er wissen. Rasch kommt das Gespräch dann auf das Bildungssystem: In iranischen Schulen werden Jungen und Mädchen getrennt gehalten und erst auf der Universität gemeinsam unterrichtet. „Vielleicht wäre es besser, wenn sich die Geschlechter schon vor der Pubertät langsam aneinander gewöhnen könnten“, gesteht der Afghane schließlich zu. Andererseits verteidigt er das Prinzip der Jungfräulichkeit bis zur Ehe, doch die schwache Argumentation lässt seine Zweifel erahnen: Wenn Mädchen Sex haben könnten, wann sie wollten, würden sie in ihrer Naivität allzu leicht auf böse Männer hereinfallen und vergewaltigt werden, sagt er. Dass wiederum in islamischen Ländern kleine Mädchen zwangsverheiratet werden und überhaupt keine bewusste Willensentscheidung treffen können, rechtfertigt er – offenkundig ohne innere Überzeugung – damit, dass Sex zur Reproduktion notwendig sei: „Schaut euch Italien an, dort heiraten die jungen Leute überhaupt nicht und bekommen keine Kinder mehr, das ist ein großes Problem.“

Die Diskussion ist merkwürdig wenig zielgerichtet, doch sie legt das Spannungsfeld zwischen Sexualtrieb und repressiver Konvention, zwischen freier Willensentscheidung und staatlichen Vorschriften, zwischen westlichem Vorbild und eigener Tradition offen, in dem sich junge Muslime selbst verorten müssen. Und irgendwann erklärt ein Mann aus einem der Länder des Westens genervt: „Das ist etwas, das ich hier nicht mag – ihr seid vom Gedanken an Sex geradezu besessen. Bei uns im Westen ist das kein großes Thema, weil es so alltäglich ist, aber ihr scheint ständig an Sex zu denken, gerade weil er so schwierig zu bekommen ist.“

Einen Kommentar schreiben