Ost und West

persepolis-3Persepolis. Stadt der Perser. Zweieinhalb Jahrtausende ist es her, dass die persischen Großkönige von hier aus ein Weltreich regierten. Im Süden des Iran gelegen, ist es nicht nur die bedeutendste archäologische Stätte des Landes, sondern auch eine Art Nationalheiligtum, Zeugnis der einstigen Größe der persischen Zivilisation – und zugleich ihrer Schwäche. Das mächtige „Tor aller Länder“ am Eingang hat der Großkönig Xerxes I. um 500 v. Chr. bauen lassen. Zwei gewaltige Stiere mit bärtigen Männergesichtern bewachen den Zugang zur Residenzstadt, und auf dem Fundament hat das „Great Game“ des 19. Jahrhunderts seine Spuren hinterlassen.

Damals rangen das russische Zarenreich, das den Kaukasus und Zentralasien beherrschte, und das britische Weltreich, das seinen Wohlstand aus dem indischen Subkontinent schöpfte, um politischen Einfluss am Persischen Golf. Diplomaten, Offiziere, Geschäftsleute, Entdecker und Journalisten aus aller Welt durchreisten Persien, und am Xerxes-Tor hinterließen sie ihre Spuren: Grafitti in lateinischer, kyrillischer und Hindi-Schrift, Zeugnisse der Hegemonie fremder Mächte. Während die Russen kaum mehr als ihre Namen auf den Fels kritzelten, hinterließen die Europäer und Amerikaner, auf ihren Nachruhm bedacht, handwerklich sorgfältig ausgeführte Inschriften. Henry Morton Stanley vom „New York Herald“ ist 1870 hier gewesen, Darwin Mc Ilrath vom „Chicago Inter Ocean“ im Jahr 1897. Oberstleutnant Malcolm J. Meade besuchte Persepolis 1898 als britischer Generalkonsul zusammen mit seiner Frau, und 1911 kam das 39. britische Kavallerieregiment von Indien aus hierher.

persepolis-2Schon seit jeher ist der Ort den unterschiedlichsten kulturellen Einflüssen ausgesetzt gewesen. Nicht nur die modernen Graffitti sind in verschiedenen Sprachen verfasst, auch viele der antiken Inschriften sind in drei altorientalischen Sprachen in den Stein gemeißelt. Das Perserreich erstreckte sich im fünften vorchristlichen Jahrhundert vom Schwarzen Meer bis ins Industal im heutigen Pakistan; die unterschiedlichen Völker mussten Tribute an den Großkönig zahlen, der seinerseits kaum in ihre kulturellen und politischen Ordnungen eingriff, solange sie nicht gegen seine Herrschaft rebellierten. An der Treppe zum Apadana-Palast von Persepolis wird die imperiale Ideologie deutlich wie nirgendwo sonst. Hier sind in drei Reihen Delegationen von 23 unterschiedlichen Völkern abgebildet, Männer in jeweils landestypischer Kleidung auf dem Weg zum Großkönig, der auf einem Thron sitzt und sich die Tributzahlungen überreichen lässt. Drei Armenier bringen ein Pferd und eine Amphore, fünf Inder tragen Beutel mit Gewürzen und Streitäxte, drei Lybier haben einen Streitwagen dabei.

Und dann sind da noch acht ionische Griechen mit Gefäßen und Tüchern. Sie lebten an der Westküste der heutigen Türkei, und ihre Loslösung vom Perserreich im Jahr 499 v. Chr. bildete den Auftakt zu zwei großen Feldzügen, die als „Perserkriege“ in die Geschichte der westlichen Zivilisation eingegangen sind. Zweimal – 490 und 480 v. Chr. – schlugen die kleinen griechischen Stadtstaaten das übermächtige persische Heer und die riesige persische Flotte zurück. „Marathon“ und „Salamis“, die Orte der beiden entscheidenden Schlachten, sind schon bei den damaligen persepolis-4Griechen zu Chiffren geworden für die Verteidigung von Demokratie und Freiheit. 150 Jahre später führte dann Alexander der Große ein makedonisch-griechisches Heer in umgekehrter Richtung gegen das Perserreich – Persepolis wurde erobert und niedergebrannt.

In den Ruinen von einst lässt sich noch viel vom Selbstverständnis der antiken Perser erkennen. Hier gab es keine öffentlichen Räume wie in den griechischen Stadtstaaten, keinen Marktplatz und kein Theater, in denen sich die Bürger versammelten. Die Palastanlagen, Schatzkammern und Herrschergräber stehen symbolisch dafür, dass alles auf die Person des Großkönigs ausgerichtet war. Zugleich aber erinnern die Reliefs am Apadana-Palast, das Zusammenströmen von Delegationen aus unterschiedlichen Weltregionen, an den kosmopolitischen Charakter des Perserreichs. Für die Griechen dieser Zeit dagegen war der imperiale Gedanke einer Union, einer Vereinigung verschiedener Völker unter einer gemeinsamen politischen Führung, unvorstellbar. Sie hatten sich in kleinen Stadtstaaten organisiert und neigten dazu, auf alles Fremde und Nicht-Griechische herabzublicken.

persepolis-5Im Westen, der sich in der Tradition der griechischen Stadtstaaten sah, ist das Perserreich oft als despotisch regierter Staat gezeichnet worden, als Hort „orientalischer“ Unfreiheit und Unterdrückung. Der heutige Iran dagegen besinnt sich wieder zunehmend auf sein antikes Erbe – und zwar vor allem die demokratisch gesinnte Opposition. Viele betonen die einstige Größe persischer Kultur, um diese von den arabisch-islamischen Fremdeinflüssen abzuheben und ein alternatives Konzept von der iranischen Nation zu entwerfen, das nicht auf die Religion gegründet ist. So sind Vergangenheit und Gegenwart ebenso ineinander verwoben wie die Schicksale von Ost und West.

Zurück in Shiraz, der nächstgelegenen Großstadt, einst Heimat vieler persischer Dichter. Mit traurigem Blick erklärt ein Mann in Anspielung auf die zahllosen Kunstschätze, die im 19. und 20. Jahrhundert durch westliche Forscher und Entdecker mitgenommen wurden: „Was ihr gesehen habt, ist nicht das wahre Persepolis. Das wahre Persepolis liegt in den Museen von London und Paris und Italien.“

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