Zweihundert Schritte nach Afghanistan

afghan-bazaar-ishkashim-1„Unglaublich, was 70 Jahre Sowjetherrschaft ausmachen können. Von Afghanistan nach Tadschikistan zu kommen, das fühlt sich an wie ein Zeitsprung um 150 Jahre nach vorne.“ So hat ein europäischer Reisender einmal, überwältigt von den Segnungen der Sowjetmoderne, seiner Erleichterung beim Grenzübertritt Ausdruck verliehen. Die Provinzen diesseits und jenseits des Grenzflusses Pjandsch tragen den gleichen Namen: Badakhshan. Die Distriktzentren auf der tadschikischen und der afghanischen Seite heißen beide Ishkashim. Der ismailitischen Glaubensrichtung des Islam gehören sie hier und dort an, und nur im Detail unterscheiden sich die Sprachen – Tadschikisch und Dari – voneinander.

„Den Fluss haben Engländer und Russen im 19. Jahrhundert bloß deshalb als Grenze festgelegt, weil er leichter zu kontrollieren ist“, erklärt Z., ein älterer Mann aus dem tadschikischen Ishkashim. „Damit haben sie Freunde und Verwandte auseinander gerissen, denn kulturell gehören die beiden Flussufer zusammen, die kulturelle Grenze verläuft erst entlang der Bergkette drüben auf der afghanischen Seite.“ Heute, nach dem Ende der Sowjetunion und der Bürgerkriege in beiden Ländern, werden wieder Brücken gebaut zwischen den Badakhshans diesseits und jenseits des Flusses. Der Brückenbauer ist der Aga Khan, das religiöse Oberhaupt der Ismailiten. Er hat auch die Brücke über den Grenzfluss Pjandsch finanziert, die im Jahr 2006 eingeweiht worden. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass die Bewohner beider Ishkashims jeden Samstag auf einem großen gemeinsamen Bazaar zusammenströmen können. Inzwischen gibt es solche Märkte auch an den anderen Pjandsch-Brücken, doch jener bei Ishkashim war der erste und ist auch heute noch der größte seiner Art.

Der Himmel über den schneebedeckten Berghängen ist grau und trist an diesem Samstagvormittag im Februar, doch langsam sammeln sich auf der tadschikischen Seite der Brücke die Jeeps und Ladas aus Ishkashim und der Provinzhauptstadt Khorog. Die Händler mit ihren Plastiksäcken, Kisten und Holzkarren voller Waren dürfen bereits die Brücke passieren, während die Käufer noch wartend in ihren Autos sitzen oder auf der Schotterpiste herumstehen. Dann endlich öffnet sich das Metalltor auch für sie. Dahinter thront ein Grenzbeamter hinter einer Schulbank; tadschikische Staatsangehörige können ohne Kontrolle passieren, während die Bürger von Drittstaaten ihre Pässe abgeben müssen, bevor sie über die Brücke schreiten und das Niemandsland betreten dürfen. Die Straße wird alle paar Meter von tadschikischen Grenzsoldaten in grünen Uniformen gesäumt, sie tragen Gewehre auf dem Rücken und blicken abweisend. Noch bevor die eigentliche Grenze mit den neu gebauten Containerhäuschen für Pass- und Zollkontrolle erreicht ist, zweigt ein Weg ab zu dem ummauerten Marktplatz.

Die Händler haben bereits Plastikplanen auf dem steinigen Untergrund ausgebreitet und schichten ihre Waren auf: Tuchrollen, Säckchen mit Gewürzen, Teppiche, Seifenpakete, Schuhe und Obstkisten. Ein wenig abseits wird gerade aus Plastikstühlen ein Mini-Restaurant aufgebaut, in dem Tee aus Thermoskannen ausgeschenkt wird, und langsam füllt sich der Platz mit einem bunten Gemisch von Menschen: tadschikische Männer in billigen Jacken aus Kunstleder und Wollmützen, afghanische Männern mit traditionellen Umhängen und Turbanen, tadschikische Hausfrauen mit bunten Kopftüchern. Nur die afghanischen Frauen fehlen, von ihnen ist keine einzige zu sehen.

„Im Sommer ist der Markt viel größer, dann kommen die Händler von weither“, meint Z. „Aber momentan ist die Straße nach Fayzabad wegen des Schnees geschlossen, deshalb ist heute nicht allzu viel los.“ Waren anzubieten haben vor allem die Afghanen, die Tadschiken sind meist nur zum Einkaufen gekommen; vieles ist hier billiger als auf ihren eigenen Märkten. „Hier kostet das nur einen Somoni“, sagt Z. mit Blick auf kleine Milchtüten. „Bei uns zahlt man ein Mehrfaches davon.“ Doch in ihrem eigenen Land produziert ist kaum etwas von dem, was die Afghanen feilbieten; fast alles stammt aus den Fabriken Irans, Pakistans und Chinas. Oder aus dem Westen. „Humanitäre Hilfe“, erklärt Z. mit Blick auf die Berge von bunten Second-Hand-Klamotten. „Die Afghanen bekommen sie kostenlos und verkaufen sie bei uns billig weiter. Natürlich ist das alles gebraucht, aber die Qualität ist gut. Solche Schuhe zum Beispiel kann man noch zwei oder drei Jahre lang tragen – viel länger als die chinesische Billigware, die man sonst auf unseren Märkten bekommt.“

Am Eingang zum Marktplatz steht ein traditionell gekleideter Afghane mit Umhang und Turban. Ein ungewohnter Anblick für eine junge tadschikische Städterin, die über ihrer orangenen Polyesterjacke eine gerade als Souvenir erworbene Lederweste trägt. Sie packt ihren Fotoapparat aus, um ein Erinnerungsbild zu knipsen. So wird sie zu Hause stolz erzählen können, dass sie zum ersten Mal in Afghanistan gewesen ist, das so nah ist und doch so weit entfernt.

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