Der Friedhof der Märtyrer

cemetary-tehran-2Er ist der Stadtverwaltung von Teheran zwei U-Bahn-Stationen wert gewesen, der Friedhof im Süden der iranischen Hauptstadt. Dies ist das Heiligtum der Islamischen Republik, hier gedenkt sie ihrer Helden. Hier ist kein Raum für den Säkularisierungs- und Demokratisierungsdiskurs, der in den Straßen und Wohnungen von Teheran geführt wird. Hier artikulieren sich vielmehr in Reinform die ideologischen Grundlagen und das Geschichtsbild jenes Staates, der 1979 aus den Wirren nach dem Sturz des Schahs geboren wurde. Im Westen liegt der Schrein Ayatollah Khomeinis, des Gründers der Islamischen Republik, ein Monumentalkomplex aus Beton mit Kuppeln und Minaretten, über dem sich noch immer die Baukräne drehen, ein ewiges Provisorium, mit dem sich die Bauherren offensichtlich übernommen haben. Der riesige Raum mit dem eigentlichen Schrein ähnelt einer Messehalle, die nur notdürftig mit Teppichen ausgeschmückt ist; die Decke wird von einem verrosteten Stahlgerüst getragen, durch das dicke Lüftungsrohre führen.

Für die Ideen Khomeinis und die neu gegründete Islamische Republik fielen in den 1980er Jahren Hunderttausende junger Männer. Der Verteidigungskrieg gegen den Irak Saddam Husseins ist zum nationalen Mythos geworden, von dem die Nachfolger Khomeinis in ihrem Hunger nach Legitimität noch heute zehren, und so ist die beständige Erinnerung an ihn Teil der Staatsraison. Unzählige Straßen und U-Bahn-Stationen in Teheran sind nach prominenten Gefallenen des Krieges benannt, die als „Märtyrer“ verehrt werden. Doch der wichtigste Erinnerungsorte ist jener Friedhof im Süden der Stadt , vor dessen Ausmaß sich der riesige Schreinkomplex nebenan geradezu winzig ausnimt. Es ist ein Meer von Grabplatten und kleinen Glaskästen, die Fotos und persönliche Gegenstände der Getöteten enthalten, umgeben von Blumen und grün-weiß-roten Fahnen. Auf einer der Grabplatten sind zwei Kampfflugzeuge cemetary-tehran-1abgebildet, doch sonst ist kaum moderne Kriegstechnik zu sehen; der Betrachter soll sich auf die Soldaten selbst konzentrieren können. Ein Plakat zeigt einen Trupp von ihnen, der durch ein grün-weiß-rotes Blumenfeld marschiert, einer goldenen Moschee entgegen, ohne Uniform und nur mit einfachen Gewehren bewaffnet. Beschworen wird das Bild einer Armee von Guerillakriegern, die sich aufgrund ihrer Aufopferungsbereitschaft und Frömmigkeit gegen einen hochgerüsteten Invasor erwehren.

Tatsächlich war der – vom Sunniten Saddam Hussein und der säkularistischen Baath-Partei beherrschte – Irak, der von den Großmächten unterstützt wurde, militärisch überlegen. Dass der – schiitische und religiös regierte – Iran, der sich mit der Islamischen Revolution international weitgehend isoliert hatte, in verlustreichen Kämpfen nicht nur den Angriff zurückschlagen konnte, sondern den Krieg auch über den Grenzfluss auf irakisches Territorium tragen konnte, lag nicht zuletzt an der höheren Zahl und dem stärkeren Kampfgeist seiner jungen Männer. Der unerbittlich geführte Stellungskrieg endete unentschieden, doch er war blutig wie wenig andere im 20. Jahrhundert. Städte wurden bombardiert, Öltanker versenkt, und die irakische Seite brachte Giftgas zum Einsatz – zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg. Auf iranischer Seite konnte derweil Ayatollah Khomeini den Kampf gegen den äußeren Feind nutzen, um seine eigene Macht zu festigen und den Export der Islamischen Revolution zu propagieren.

cemetary-tehran-3Einen tieferen Einblick in das iranische Geschichtsbild bietet ein Museum in Kerman im Südosten des Landes, weitab von den damaligen Kriegsschauplätzen. Vom „aufgezwungenen Krieg“ ist hier die Rede, wenn es um den Irakisch-Iranischen Krieg geht, und immer wieder werden die Kriegsschuld der irakischen Seite und ihre Unterstützung durch die Vereinigten Staaten betont. Zahllose Bilder von Giftgasopfern und bombardierten Moscheen sollen die Brutalität der irakischen Armee und ihre fehlende Rücksicht auf Zivilisten bezeugen. Im Untergeschoss steht das eilig zusammengezimmerte Modell eines Militärgefängnisses, in dem uniformierte irakische Folterknechte alle möglichen Arten von Grausamkeiten an iranischen Kriegsgefangenen verüben.

Über die iranischen Kämpfer dagegen heißt es auf einer Schautafel: „In den Jahren der Verteidigung kennzeichneten Pazifismus, Einsamkeit, Selbstverleugnung, Widerstandsgeist und Männlichkeit unsere Krieger.“ Auf einem Gemälde am Eingang verabschieden sich zwei bärtige junge Männer mit rotem und grünem Stirnband pietätvoll von ihren Eltern. Die Mutter trägt gemäß der Kleiderordnung der Islamischen Republik ein Kopftuch, das die Haare vollständig bedeckt, und der alte Vater hält ein grünes Buch in der Hand – den Koran als Legitimation des Krieges, in den seine Söhne ziehen. Es folgen weitere Bilder: Eine Wüstenlandschaft bei Sonnenuntergang mit Stacheldrahtabsperrung, darin ein junger Mann mit Brille und Armbanduhr, im zivilen Leben sicherlich Student oder Akademiker, nun voller Konzentration mit dem Entschärfen einer Mine beschäftigt. Ein halbes Dutzend hochmoderner Panzer mit irakischen Flaggen, bedrohliche Staubfahnen hinter sich herziehend, und ein einziger iranischer Soldat, hinter einem museum-kerman-1Geröllhaufen versteckt und nur mit einer Handgranate bewaffnet, doch entschlossen zum Kampf. Ein einsamer iranischer Soldat im Schützengraben, neben sich eine eingerollte Flagge in Grün-Weiß-Rot und ein Koran; er schreibt einen Brief an die Eltern, während auf dem Sandsäcken hinter ihm eine weiße Taube Platz genommen hat und im Hintergrund schwarze Rauchsäulen aufsteigen, vielleicht von brennenden Ölfeldern und vielleicht auch von zerschossenen Panzern. Ein junger iranischer Invalide, er hat das linke Bein und die rechte Hand verloren, doch mit dem Armstumpf hält er eine iranische Flagge und ein Portrait Ayatollah Khomeinis. Eine Gruppe von bunt verschleierten und blumenbekränzten Frauen inmitten der grünen Natur, jede von ihnen trägt das Portraitbild eines Mannes, und im Bach schwimmt friedlich ein Fisch vorbei – so stellt man sich Heilige im Paradies vor. Zwei iranische Soldaten, sie stehen trauernd an einem Grab, in dem ausweislich eines grünen Bandes „Hasid der Märtyrer“ ruht, während ein Engel in Weiß die darauf wachsenden Blumen gießt; im Hintergrund ist eine Moschee mit Minarett zu erkennen.

Auch draußen im Freiluftmuseum wird die religiöse Dimension des Krieges immer wieder betont. Während auf der irakischen Seite der nachgestellten Frontlinie schwere Geschütze aufgefahren sind und schneidende militärische Befehle aus den Lautsprechern tönen, werden auf der anderen Seite kaum mehr als Maschinengewehre und religiöse Wechselgesänge aufgeboten. In den iranischen Bunkern sitzen Soldaten devot ins Gebet vertieft, an den Wänden hängen Bilder von Ayatollah Khomeini und Fahnen mit den Namen der schiitischen Imame Ali und Hossein. Die Botschaft, die dadurch vermittelt werden soll, ist klar: Die iranischen Soldaten kämpften nicht nur für ihr Land, sondern vor allem auch für ihren schiitischen Glauben und den aufrechten Islam; wenn sie am Ende die Grenzziehung vor Kriegsbeginn verteidigen konnten, hatten sie dies nicht ihrer militärischen Überlegenheit zu verdanken, sondern der Tatsache, dass sie auf der richtigen Seite gegen einen gottlosen Angreifer kämpften.

museum-kerman-3Zurück auf dem Friedhof der Märtyrer im Süden von Teheran. Die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, nämlich der Seite des rechten Glaubens, wird auch auf einer Gedenktafel deutlich, die ein wenig abseits von den anderen steht. Darauf wird jener beiden libanesischen Selbstmordattentäter gedacht, die 1983 zwei mit Sprengstoff beladene Lastwagen in amerikanischen und französischen Stützpunkten in Beirut zur Explosion brachten und fast 300 westliche Soldaten mit sich in den Tod rissen. „Wir kennen die Namen dieser beiden Märtyrer nicht, aber wir verpflichten uns darauf, ihrem Weg zu folgen“, heißt es darauf. Überschrieben ist die Gedenktafel mit einem Zitat aus dem Koran: „Töte sie, wo auch immer du sie triffst, und vertreibt sie von dort, von wo sie euch vertrieben haben.“

Dies ist der Ort, an dem sich die ideologischen Grundlagen und das Geschichtsbild der Islamischen Republik Iran in Reinform artikulieren. Er ist von Menschen entleert, auf dem Weg, zu einem Museum zu werden, zu einem Fenster in eine Vergangenheit, die allerdings noch nicht alle Verbindungen zur Gegenwart gekappt hat.

Eine Reaktion zu “Der Friedhof der Märtyrer”

  1. kunajugikinu

    kunajugikinu…

    Download mp3 with Jmc featuring Remy Ma

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