Am Persischen Golf

bandar-abbas-1Leise plätschern die Wellen an den Strand. Irgendwo dort hinter dem Horizont liegen die Glitzermetropole Dubai und die Wüsten Arabiens, Afrika und das Kap der guten Hoffnung. Schon seit Jahrtausenden hat das Meer den Handel mit Waren und den Austausch von Ideen erleichtert. Es ist keine Seltenheit, dass Hafenstädte besonders dynamische und kosmopolitische Orte sind; in ihnen kommen die Wagemutigen und Weitgereisten mit den Seefahrern und Geschäftsleuten aus fernen Ländern zusammen. So ist es auch in Bandar Abbas, der bedeutendsten Hafenstadt des Iran, gelegen im Süden des Landes am Persischen Golf.

bandar-abbas-4Die Stadt mit ihren rund 400.000 Einwohnern, in er es auch mitten im Januar sommerlich warm ist, erstreckt sich in einem schmalen Streifen entlang des Meeres. Sie ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und wächst immer weiter, und über den neu entstehenden Wohnblocks und Einkaufszentren drehen sich die Baukräne, während draußen vor dem Hafen große Containerschiffe ankern. Arabisch geprägt ist die gesamte iranische Golfküste, doch in den Straßen von Bandar Abbas sind auch pakistanische und afrikanische Einflüsse zu spüren, ins Land gespült vom Wirtschaftsboom und dem Bedarf an billigen Arbeitskräften.

bandar-abbas-3Und auch die westlichen Einflüsse sind hier stärker als anderswo im Iran. Während Sportplätze in den Städten des Binnenlands fast immer hinter Mauern verborgen sind, damit sich Frauen und Männer nicht gegenseitig beim Sport beobachten können, liegt in Bandar Abbas ein Basketball- und Volleyballplatz völlig offen neben der Uferstraße. Ein junger Mann in Shorts vollführt darauf gerade seine Morgengymnastik, während Männer unterschiedlichen Alters – einzeln oder in Gruppen – die Uferpromenade entlangjoggen, vorbei an Frauen mit Kopftüchern auf Fitnessgeräten. „Wir haben in Bandar Abbas leider keinen besonders schönen Strand“, erklärt andererseits ein älterer Mann bedauernd, „die Leute pflegen hier nicht im Meer zu baden.“

minab-2Er spricht gutes Englisch, gehört er doch einer Generation an, die noch in einem weltoffeneren Iran aufgewachsen ist. In den 1970er Jahren, als die Schiffe des Schahs noch willkommene Gäste in den Meeren der NATO waren, diente er in der iranischen Marine. „Wir haben damals eine Weltumrundung gemacht,“ erzählt er verträumt, „zwei Jahre lang bin ich nicht nach Hause zurückgekehrt.“ Sein Basishafen war Philadelphia, und von Amerika weiß er zu schwärmen, während ein anderer Marineveteran dagegenhält: „Amerika empfand ich als abweisend, dort haben sie mich immer das Fremdsein spüren lassen. Aber England habe ich damals lieben gelernt.“ Mehr als zwei Jahre hat er in den Hafenstädten Großbritanniens verbracht, in Plymouth und Southhampton und London, und er erinnert sich: „Die Menschen dort sind uns sehr aufgeschlossen begegnet, ich habe mich immer schnell in die Gastfamilien integrieren können.“ Dies sind denkwürdige Bekenntnisse in einem Land, das sich inzwischen von der Weltgemeinschaft weitgehend isoliert hat und dessen Regierung den Westen bei jeder Gelegenheit herauszufordern versucht. Doch vor gut 30 Jahren ist der Iran einer der engsten Verbündeten der NATO-Staaten gewesen, und die Jungen von damals haben die damals gepflegte Völkerfreundschaft nicht aus ihrem Gedächtnis getilgt.

minab-1Etwa hundert Kilometer östlich von Bandar Abbas liegt die Kleinstadt Minab. Sie zeigt ein anderes Gesicht, weniger modern und weniger weltoffen. Jeden Donnerstag findet auf einer weiten Schotterfläche am Stadtrand ein großer Markt statt, der anders ist als die wohlgeordneten persischen Bazaare. Der Geist Afrikas weht über den Platz, über die Marktstände unter Bambusdächern und zerfledderten Sonnenschirmen, auf Plastikplanen und Pickup-Ladeflächen. Ein buntes Gemisch von Menschen ergießt sich durch die Marktgassen, Araber und Perser, Inder und Afrikaner. Manche Männer tragen kurzärmlige Hemden, das ist andernorts im Iran ein Tabu. Die einheimischen Bandari-Frauen sind in bunte Tücher gehüllt und haben ihre Augenpartie mit einer roten Burka verhüllt, die ihnen ein vogelähnliches Antlitz verleiht; der Farbton der Burka verrät, ob sie bereits verheiratet sind oder nicht. Unzählige Motorräder fahren zwischen den Obstständen und Kleiderbergen umher, oft schwer beladen mit voll gepackten Einkaufskisten. Ein kleines Mädchen in kurzen roten Hosen und Marine-Shirt fuchtelt mit einem Spielzeuggewehr herum, und eine Frau trägt ein lebendes Huhn aus dem Markt heraus, in Richtung des Stadtzentrums mit seinem traditionellen Bazaar, der wie ausgestorben wirkt.

bandar-abbas-2Zurück in Bandar Abbas. Es ist Abend geworden. Entlang der Uferpromenade haben sich junge Männer niedergelassen und rauchen Wasserpfeife, während aus einer Stereoanlage persische Popmusik dröhnt. Einige Hundert Meter weiter in Richtung des Piers, von dem aus tagsüber die Schnellboote hinüberpreschen zur Freihandelsinsel Queshm, sitzen etliche Gruppen von Frauen mit Kindern. Ältere Herren lehnen an der Betonmauer und trinken Tee aus Thermoskannen, während zwei Teenager auf einem Parkplatz ein Mountainbike-Wettrennen durch die Dunkelheit veranstalten.

Ein wenig wirkt es, als wäre in all den Jahren der iranischen Abschottungs- und westlichen Sanktionspolitik die Zeit stehen geblieben. Derweil leuchten draußen auf dem Meer die Positionslichter der ankernden Containerschiffe, und irgendwo hinter dem Horizont liegt Dubai, die hoch aufgestiegene und tief gefallene Metropole der Turbomoderne. Die verpasste Zukunft von Bandar Abbas?

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