Der Teufelspakt von Bahorak

„Das weiß niemand so richtig.“ Diesen Satz hört man in diesen Tagen häufig in der tadschikischen Provinz Gorno-Badakhshan. In fast jedem Smalltalk kommt das Gespräch irgendwann auf die Katastrophe im benachbarten Kirgisistan. Im Süden des Landes waren dort Mitte Juni ethnische Spannungen in einem blutigen Konflikt eskaliert. Nach offiziellen Zahlen soll es mindestens 214 Tote und 4.000 Verletzte gegeben haben. Mehr als 300.000 Menschen scheinen auf der Flucht gewesen zu sein, und die beiden Großstädte Osh und Jalalabad sind in weiten Teilen zerstört.

Schon einmal, als 1990 die Sowjetunion in ihren letzten Zügen lag, hatten sich die beiden großen ethnischen Gruppen – Kirgisen, die landesweit die Bevölkerungsmehrheit bilden, und Usbeken, welche in den Städten des Südens die Geschäftswelt dominieren – blutige Massaker geliefert. Zwanzig Jahre lang ist es danach ruhig geblieben, doch nun ist das Pulverfass wieder explodiert, kurz nachdem der autoritär regierende Präsident Bakiev gestürzt worden und eine Übergangsregierung an die Macht gekommen war, die demokratische Reformen anstrebt, aber zugleich im eigenen Land und auf der internationalen Bühne verzweifelt um Legitimität kämpfen muss.

Warum ausgerechnet jetzt? Das ist die Frage, die sich viele stellen, gerade in Murgab, im Osten Tadschikistans. Hier leben vor allem ethnische Kirgisen, von denen viele in Osh studieren, arbeiten oder Verwandte haben. Eine Antwort hat niemand, aber Geschichten machen die Runde, die wie Schauermärchen klingen und doch wahr sein könnten. Von Terroristen und Scharfschützen wird erzählt, welche gezielt Menschen erschossen hätten, um den Verdacht auf die jeweils andere ethnische Gruppe zu lenken und Racheakte zu provozieren. Irgendwann muss dann aber die Spirale der Gewalt eine Eigendynamik gewonnen haben; Kirgisen aus Murgab, die in Osh leben, sollen berichtet haben, dass sie von lokalen Banden unter Druck gesetzt worden seien: „Bring mir den Kopf eines Usbeken!“

Wehmütig seufzend, erinnert sich eine Händlerin aus Murgab, die beim Ausbruch der Unruhen vor Ort gewesen war: „Früher ist Osh eine schöne Stadt gewesen, aber jetzt ist dort alles kaputt.“ Dann beginnt sie eine Diskussion mit anderen Frauen, halb auf Kirgisisch und halb auf Russisch: „Wäre so etwas denn auch bei uns möglich? Die Tadschiken in Dushanbe haben doch auch Probleme mit den Usbeken, oder?“ Eine Woge der Angst schwappt in diesen Tagen durch Zentralasien, wo die Bevölkerungen in vielen Regionen ethnisch gemischt sind. Kirgisen leben in Tadschikistan, Tadschiken in Usbekistan, Usbeken in Kirgisistan – Ergebnis einer komplizierten Geschichte und stalinistischer Nationalitätenpolitik. Besonders stark ist die Durchmischung der ethnischen Gruppen ausgerechnet im Fergana-Tal, wo schon seit vielen Jahren der islamische Fundamentalismus gärt und das Regime des usbekischen Autokraten Karimov bedroht.

Dann, am 24. Juni meldet „Asia Plus“, eine der unabhängigstenund wichtigsten Zeitungen Tadschikistans, unter Berufung auf den kirgisischen Geheimdienst: „Anfang Mai 2010 fand in Badakhshan (Afghanistan), in der Stadt Bahorak ein Treffen von Abgesandten und Kommandeuren der Taliban, der [teroristischen Organisation] „Islamische Bewegung Usbekistans“, der „Vereinigten Tadschikischen Opposition“ […] sowie zwei Vertretern des Clans von [dem gestürzten kirgisischen Präsidenten] Bakiev statt. Dabei wurde eine Vereinbarung über die Unterstützung der „Islamischen Bewegung Usbekistans“ bei der Destabilisierung der Situation in Kirgisistan getroffen. In diesem Zusammenhang versprachen die Bakiev-Vertreter eine Belohnung in Höhe von 30 Millionen US-Dollar.“ Mit Unterstützung eines hochrangigen tadschikischen Offiziers und Drogenbarons sollen demnach 15 islamistische Kämpfer usbekischer Herkunft von Pakistan durch Afghanistan und Tadschikistan nach Kirgisistan geschleust worden sein, um dort mit einer Scharfschützentaktik die ethnischen Unruhen zu provozieren.

Die Geschichte klingt abenteuerlich, doch sie klingt auch einleuchtend. Zu einleuchtend, um wahr zu sein? Natürlich haben der kirgisische Geheimdienst und die kirgisische Interimsregierung, die während der Massaker von Osh und Jalalabad kläglich versagt haben, ein Interesse daran, Schuldige zu finden. Usbeken, Tadschiken, Taliban, Islamisten, Drogenbarone, korrupte Beamte und Bakiev-Anhänger – die Geschichte dieses Teufelspaktes von Bahorak bedient nahezu alle denkbaren Feindbilder. Das macht sie eher unglaubwürdig.

Was aber, wenn sie doch wahr ist? Das würde bedeuten, dass die Rebellengruppierungen in Zentralasien allianzfähig werden und grenzüberschreitend agieren, dass ein explosives Gemisch aus autoritären Regierungen, schwachen staatlichen Strukturen, religiösem Fundamentalismus, ethnischen Spannungen und organisierter Kriminalität am Entstehen ist. Im Ergebnis heißt dies, dass die Massaker von Osh und Jalalabad nur ein Vorgeschmack auf das gewesen sein könnten, was Zentralasien bevorsteht. Doch was ist die Wahrheit? „Niemand weiß es so richtig?“

So ist die Situation am Vorabend des 27. Juni 2010. Dies ist der Tag, an dem die kirgisische Übergangsregierung ein Referendum über die neue Verfassung abhalten möchte. Es ist eine Verfassung, die zum demokratischen Leuchtturm für ganz Zentralasien hätte werden können, doch im Angesicht 300.000 Flüchtlingen steht das Referendum unter keinem Stern. Selbst wenn die Verfassung angenommen werden sollte, wird die Legitimität der Abstimmung umstritten bleiben. Sollte das nötige Quorum dagegen nicht erreicht werden, ist Kirgisistan auf dem besten Weg, zum „failed state“ zu werden, mit unabsehbaren Folgen für die Region.

Zugleich ist der 27. Juni 2010 auch der Tag, an dem der tadschikische Präsident Emomali Rahmon den Einheitsfeiertag in Khorog begehen will, der Provinzhauptstadt von Gorno-Badakhshan. Gefeiert werden soll der Jahrestag der Beendigung des Bürgerkriegs vor 13 Jahren; damals unterzeichneten die Kriegsparteien eine Vereinbarung, in der allen die Teilhabe an der Macht garantiert wurde. Die Straßen Khorogs hängen voller Plakate, in denen Rahmon sich selbst als Friedensstifter feiert, während die verbliebenen Oppositionsgruppen ihre Teilnahme an der Feier abgesagt haben und in der Bevölkerung der Unmut über Wahlfälschungen, Korruption und Misswirtschaft grassiert. Die Regierung ist nervös, Militär patroulliert durch die Straßen, und schon seit Tagen sind die Grenzen zu den Unruheherden der Region – Kirgisistan und Afghanistan – geschlossen.

Auf dem Marktplatz von Murgab sagt derweil ein alter Kirgise den üblichen Satz über die Katastrophe von Osh und Jalalabad: „Niemand weiß es so richtig.“ Dann fügt er hinzu: „Wahrscheinlich sind die Usbeken schuld“. Er zuckt die Schultern – und wechselt schnell das Thema.

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