Die Zukunft Afghanistans

Juni 2010. – „Seht ihr die Zelte dort drüben?“ Der tadschikische Fahrer zeigt hinüber zum anderen Ufer des Grenzflusses Pjandsch. Nur ein schmaler Eselspfad verbindet das abgelegene Dorf auf der afghanischen Seite mit der gebirgigen Außenwelt, und die drei kleinen Zelte am Flussufer wirken ärmlich und provisorisch. „Das ist die Schule des Ortes – ein großer Fortschritt. Früher haben die Afghanen in ländlichen Gebieten ihre Kinder überhaupt nicht zur Schule geschickt, weil das angeblich der Tradition und dem Koran widersprach. Aber das ändert sich jetzt langsam, die Zelte sind immerhin ein erster Anfang.“

Dreihundert Kilometer flussaufwärts führt eine Brücke über den Pjandsch hinüber nach Afghanistan, in den Bezirkshauptort Eshkashem. Die Bewohner der Region sind Angehörige der ismailitischen Glaubensströmung innerhalb des schiitischen Islam. Ihr religiöses Oberhaupt ist der Aga Khan, der in Frankreich lebt, mit einem Wirtschaftsimperium viel Geld verdient und damit ein privates Entwicklungshilfenetzwerk finanziert. Hier in Eshkashem ist es vor allem die Aga-Khan-Stiftung, die den Aufbau der Infrastruktur organisiert. Sie betreibt ein Krankenhaus, unterstützt Schulen und baut ein Zentrum zur Lehrerausbildung. Sie installiert Pumpen und testet neue Anbaumethoden für den Feldbau. Sie hat ein System von Dorforganisationen unterhalb der staatlichen Bürokratie aufgebaut, in denen sich jeweils einige Dutzend Haushalte zusammenschließen und einen Vorsitzenden wählen. „Solche Strukturen“, so ein Vertreter der Aga-Khan-Stiftung, „sind Voraussetzung dafür, dass Entwicklungshilfegelder auf Gemeindeebene überhaupt sinnvoll ausgegeben werden können“.

Daneben betreibt die Aga-Khan-Stiftung auch ein Gästehaus in Eshkashem. Es ist die erste Anlaufstelle für jene Ausländer, die als Kurzzeitexperten in der Region arbeiten oder auf Durchreise durch den Ort kommen – faktisch eine internationale Enklave in einem der ruhigsten Regionen Afghanistans. Unter den Gästen, die sich zum Abendessen versammeln, sind ein Pakistani, der in einem Bildungsprojekt der Aga-Khan-Stiftung arbeitet, eine UN-Diplomatin aus einem der Länder Lateinamerikas, die schon länger in Afghanistan arbeitet, und ein junger Botaniker aus Skandinavien, der sich auf eine dreimonatige Forschungsexpedition vorbereitet, einen Pferderitt ans Ende der Welt. Sie alle kennen Afghanistan aus unterschiedlichen Perspektiven, und so entwickelt sich nach dem Abendessen eine lange Diskussion über das Land und seine Zukunft, während immer wieder Tee aus Thermokannen nachgeschenkt wird.

„Die Informationslage ist ganz schwierig“, schildert die UN-Diplomatin. „Wir bekommen so viele widersprüchliche Meldungen; es sind viele Gerüchte dabei, und eigentlich weiß man nie so recht, wem man Glauben schenken kann.“ Es gibt, so sagt sie, Befürchtungen, dass es auch im bisher friedlichen Eshkashem zu Auseinandersetzungen zwischen Clans kommen könnte, wenn ein einflussreicher Politiker bei der Parlamentswahl im September 2010 sein Mandat verlieren sollte. Die Bevölkerung sei dabei, sich wieder zu bewaffnen; hier im Nordosten seien Handfeuerwaffen besonders billig und leicht verfügbar, weil sie durch Tadschikistan geschmuggelt würden. Und auch die Situation mit dem Drogenhandel habe sich nur oberflächlich verbessert: „Es gibt immer noch viele Drogen auf dem Markt, und sie sind auch noch genauso billig wie früher. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie jetzt nicht mehr offen verkauft werden, sondern nur unter der Ladentheke zu haben sind.“ Der Waffen- und Drogenschmuggel werde von staatlicher Seite kaum wirksam sanktioniert: „Kürzlich ist ein ganzer Lastwagen voller Heroin beschlagnahmt worden, aber die ganze Aktion war – wie so oft – rein symbolisch, und es hat keine einzige Festnahme gegeben.“

Der Pakistani am Tisch hat eine andere Perspektive, und er sieht die Dinge viel optimistischer: Er weiß von großen Fortschritten im Bildungswesen zu berichten. „Schulen gibt es inzwischen in den meisten Dörfern. Die größten Probleme sind momentan der Mangel an weiblichen Lehrerinnen, und die Mentalität der Eltern, die oft ihre Töchter nicht auf die Schule gehen lassen wollen, aber wir arbeiten daran.“ Die Aga-Khan-Stiftung zahle Lehrern, die bereit sind, in abgelegenen Dörfern zu unterrichten, einen Zuschlag zum Gehalt, und bei diesem Gehalt geht es um Größenordnungen von mehreren Hundert US-Dollar, von denen die Lehrer jenseits des Grenzflusses nur träumen können.

„Wir geben auch gebildeten jungen Frauen aus dem Nachbarbezirk Shegnan Anreize, als Lehrerinnen hier in Eshkashem zu arbeiten“, erklärt er. „Die Ismailiten haben traditionell eine sehr positive Einstellung zur Bildung, auch für Frauen, und Shegnan ist so abgelegen, dass es von den großen Wirren der 90er Jahre nicht viel mitbekommen hat. Dort haben sie selbst während des Bürgerkriegs ihre Schulen nicht für die Mädchen geschlossen.“ Inzwischen stehe aber auch in Eshkashem wieder eine Generation junger Frauen vor dem Schulabschluss, von denen in Zukunft viele als Lehrerinnen eingesetzt werden könnten. „Wenn die Mädchen auch in den Dörfern von weiblichen Lehrerinnen unterrichtet werden, ist es viel leichter, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Töchter zur Schule zu schicken“, so der Pakistani. „Momentan ändert sich in den Köpfen sehr viel, aber das ist ein langer Prozess.“

Der skandinavische Botaniker ist auf dem Weg in eine Region, in der diese Veränderungen erst besonders spät ankommen werden – in den Wakhan-Korridor, jenen schmalen Streifen Afghanistan zwischen Pakistan und Tadschikistan. Diese Hochgebirgsregion, die noch nicht durch Straßen erschlossen ist, ist kaum von Menschen besiedelt. Ganz im Osten lebten einst einige Tausend kirgisischer Nomaden, doch sie alle wanderten in den 70er Jahren wegen einer Hungerkatastrophe nach Pakistan aus. Die meisten von ihnen wurden in der Türkei angesiedelt, während einige Hundert zurückkehrten. Doch sie fristen unter den naturräumlichen Extrembedingungen nur mit Mühe ihr Leben – und denken ans Gehen. „Auch deshalb ist es so wichtig, ihre Kultur jetzt noch zu dokumentieren“, sinniert der Forscher, „in ein paar Jahren könnte es zu spät dafür sein.“

Daneben bahnen sich noch andere Veränderungen im Wakhan-Korridor an. Schon lange gibt es Gerüchte über einen Tunnel, den die pakistanische Regierung durch das Bergmassiv bauen wolle, doch inzwischen scheint das Projekt beschlossene Sache zu sein. Von vielen Seiten werden große Hoffnungen an diese Straße geknüpft, die den abgelegenen Bergregionen Tadschikistans und Nordost-Afghanistans einen Zugang zu den Metropolen und Seehäfen Pakistans bringen würde; unter anderem sind auch der Aga Khan und die US-Regierung involviert. Noch spektakulärer klingen die Gerüchte, dass auch die Chinesen an Plänen für eine direkte Straßenverbindung nach Afghanistan arbeiteten, die durch den gesamten Wakhan-Korridor führen müsste. „Es ist eine irrsinnige Idee, eine Asphaltstraße durch diese Berge brechen“, urteilt der Botaniker, „das würde den bisher unberührten Naturraum und die lokalen Kulturen völlig zerstören. Aber es ist gut möglich, dass die Geostrategen und Ingenieure am Ende dem technischen Größenwahn erliegen.“

Die Straßen würden das Gesicht der Region verändern. Eshkashem könnte zu einem der Transporthubs des Landes werden, Karawanen von pakistanischen und chinesischen Lastwagen würden an den ärmlichen Lehmhäusern vorbeiziehen auf ihrem Weg nach Fayzabad und Kunduz, und der Weg in die pakistanische Hauptstadt Islamabad wäre kaum mehr weiter als jener nach Kabul. „Sicherlich sind Straßen immer gut für die Entwicklung der Handelsbeziehungen und der lokalen Wirtschaft“, sagt die UN-Diplomatin. „Aber sie erleichtern eben auch den Drogen- und Waffenschmuggel, und sie erhöhen die Mobilität der Aufständischen. Früher war die Provinz Badakhshan sehr abgeschieden und daher auch relativ friedlich. Aber inzwischen sind viele neue Asphaltstraßen gebaut worden, und so kommen auch die Taliban schon in manche Gegenden von Badakhshan, um Vorräte zu kaufen und Geld von der Bevölkerung zu erpressen.“

Dann sind die Thermokannen leer, es ist spät geworden, und ein Angestellter des Gästehauses lässt wissen, dass er den Generator ausschalten möchte. Dann werden sich die Teilnehmer der afghanischen Politik-Talkshow, die sich nur wenig von westlichen Formaten unterscheidet, vom Fernsehbildschirm verabschieden, und es wird dunkel werden unter dem Sternenhimmel Afghanistans. Unvermittelt stehen die vielschichtigen und widersprüchlichen Realitäten des Landes nebeneinander, und es mutet merkwürdig an zu wissen, dass sich die Diskussion im fernen Deutschland auf den Abzugstermin der Bundeswehr reduziert.

Einen Kommentar schreiben