Reichtum und Armut Afghanistans

eshkashem01Juni 2010. – Die Straße auf tadschikischer Seite ist alt und voller Schlaglöcher, doch asphaltiert ist sie. Jenseits der Brücke von Eshkashem gibt es keinen Asphalt mehr, der Jeep muss sich auf einer Schotterpiste den Hang hochkämpfen. Dies ist Afghanistan, hier ist alles anders als auf der anderen, der tadschikischen Seite des Grenzflusses Pjandsch. Inmitten der schroffen Hochgebirgslandschaft des Pamir-Gebirges gibt es hier plötzlich viel fruchtbares Land, auf dem flachen Plateau wird jeder Quadratmeter landwirtschaftlich genutzt. Es ist ein Mosaik von grünen und gelben Felder und kleinen Baumgruppen, sorgfältig voneinander abgetrennt durch Bewässerungskanäle.

eshkashem04Sie sind die Lebensadern von Eshkashem. In den Sommermonaten fällt hier kaum Regen, und die Menschen hängen von dem Schmelzwasser ab, das aus den Bergen kommt. Von dem Bach, der das Tal herunterfließt, haben sie Kanäle abgezweigt, die sich immer weiter verästeln und durch die das Wasser zu den einzelnen Feldern fließt. Für jeden Kanal wird ein Mirab gewählt, ein Wassermeister, der regelmäßig die ganze Strecke des Kanals abläuft, um den einzelnen Anrainern eine bestimmte Menge an Wasser zuzuteilen. Von diesen wird er für seine Arbeit bezahlt, in Weizen und Schafen, und er gehört zu den wichtigsten lokalen Autoritäten in einer Gemeinschaft, in der es ohne eine gerechte Wasserverteilung kein Überleben gibt.

Einige Kilometer hinter Eshkashem ist ein Bewässerungskanal am Hang eingebrochen, und damit sind all die unterhalb gelegenen Flächen von der Wasserversorgung abgeschnitten. „Die ersten zweihundert Meter des Kanals haben wir neu zementiert“, erklärt einer der Vertreter der lokalen Dorfgemeinschaft. „Aber für mehr als 60 Säcke Zement hat das Geld nicht gereicht, deshalb ist es mit den Arbeiten nicht weiter vorangegangen. Wenn wir den Kanal nicht bald wieder mit Wasser füllen, wird das Waldstück am Hang darunter austrocknen.“

eshkashem08Einen Staat, der solche Infrastrukturmaßnahmen organisieren und finanzieren könnte, gibt es nicht, zumindest ist er nicht vor Ort präsent. Dafür gibt es in Afghanistan unzählige internationale Organisationen, die faktisch staatliche Aufgaben übernehmen. In den nordöstlichen Bezirken entlang des Grenzflusses Pjandsch, in denen mehrheitlich ismailitische Muslime leben, ist die Aga-Khan-Stiftung – die vom Aga Khan, dem Glaubensführer der Ismailiten, aufgebaut worden ist – die einflussreichste von ihnen. Sie ist der größte Arbeitgeber in dem Bezirkshauptort, hat ein Büro mit mehreren Abteilungen und Dutzenden von Mitarbeitern. Andere Organisationen, die in Eshkashem aktiv werden wollen, geben gewöhnlich nur das Geld, während die Aga-Khan-Stiftung die Umsetzung der Projekte übernimmt.

„Wir haben in diesem Jahr schon einen Kanal auf der anderen Seite des Gebirgsbaches finanziert“, erklärt ein Vertreter der Stiftung, „für einen weiteren Kanal gibt es leider kein Geld im Budget.“ Die Dorfgemeinschaft hat deshalb an eine deutsche Organisation in der Provinzhauptstadt Fayzabad geschrieben und um finanzielle Unterstützung gebeten, aber eine Antwort hat sie noch nicht erhalten. So ist der Kanal ohne Wasser geblieben.

eshkashem07Schon seit Jahrzehnten arbeitet die Aga-Khan-Stiftung im Norden Pakistans und hat sich dort bemüht, in den Dörfern demokratische Strukturen aufzubauen. Diesen Ansatz überträgt sie nun auch auf die Regionen Tadschikistans und Afghanistans, in denen sie tätig ist. Der Bezirk Eshkashem ist in Dorfgemeinschaften unterteilt, die jeweils 50 bis 60 Haushalte umfassen und regelmäßig ein Dorfentwicklungskomitee wählen, das aus sieben Personen besteht, unter anderem einem Vorsitzenden und einem Buchhalter. „Diese Komitees sind auf Dorfebene inzwischen einflussreicher als die offiziellen Repräsentanten des Staates“, meint ein Vertreter der Stiftung stolz. „Das hängt damit zusammen, dass sie ein Budget haben und dass normalerweise diejenigen Dorfbewohner gewählt werden, die das höchste Ansehen genießen.“

Die Komitees sind als Bindeglied gedacht zwischen der Dorfgemeinschaft, deren Bedürfnisse sie artikulieren sollen, und den internationalen Organisationen, deren Gelder sie verteilen. „Die meisten Dorfbewohner leben von der Landwirtschaft, von ihren Äckern und ihrem Vieh“, erklärt der Vorsitzende eines der Dorfentwicklungskomitees, er ist nicht ungebildet und trägt eine goldene Uhr am Handgelenk. „Und meist gibt es im Sommer auch ein paar Monate lang Saisonarbeit. Wir haben beispielsweise einen Projektantrag für den Bau einer Brücke geschrieben und an eine der internationalen Organisationen geschickt, das würde den Familien im Dorf ein zusätzliches Einkommen bringen.“

eshkashem03Obwohl Eshkashem ein Bezirkshauptort ist, beziehen nur etwa zehn Prozent der Familien ein festes Einkommen, entweder vom Staat oder von der Aga-Khan-Stiftung. Jene aber, die ein solches festes Einkommen haben, verdienen nicht schlecht, zumindest im Vergleich zu den tadschikischen Nachbarn. Ein Lehrer im afghanischen Eshkashem bekommt 5.000 bis 7.000 Afghani im Monat, das entspricht etwa 100 bis 140 US-Dollar und dem Dreifachen dessen, was sein Kollege jenseits des Flusses erhält. Und das tadschikische Gesundheitssystem in der Grenzregion krankt nicht zuletzt am Exodus der Krankenschwestern, die in Afghanistan deutlich besser bezahlt werden als bei sich zu Hause. Doch kaum etwas von dem Geld, das sie in Afghanistan verdienen, wird im Land selbst erwirtschaftet. Das Krankenhaus von Eshkashem ist von der Aga-Khan-Stiftung aufgebaut worden, es wird von ihr betrieben und größtenteils auch von ihr finanziert – wie so viel von der Infrastruktur im Ort.

eshkashem02Der Weg führt vorbei an einem Volleyballfeld, auf dem sich junge Männer die Zeit vertreiben, und gleich daneben erinnern die verrosteten Überreste eines Kampfpanzers an das, was das Land in der jüngeren Vergangenheit durchgemacht hat. Von 1979 an rollten lange Panzerkolonnen auf der Brücke von Eshkashem über den Grenzfluss Pjandsch, aus der damaligen Sowjetrepublik Tadschikistan hinüber nach Afghanistan. Ihre Mission, das Land dauerhaft unter sowjetische Kontrolle zu bringen und zu befrieden, erreichten sie nicht. Als die Sowjets nach einem Jahrzehnt abzogen, hinterließen sie Tausende Stück Kriegsgerät und einen Bürgerkrieg, der Vieles von dem zerstörte, was zuvor aufgebaut worden war. Noch heute sind die Panzerwracks in Eshkashem allgegenwärtig, doch in Gesprächen wird kaum auf die Vergangenheit Bezug genommen. Stattdessen bauen die Afghanen an ihrer Zukunft.

eshkashem11Zumindest diejenigen, die es sich leisten können. Wie jener Arzt, der für ein Anti-Drogen-Projekt der Aga-Khan-Stiftung arbeitet. Er stammt aus dem flussabwärts gelegenen Nachbarbezirk Shegnan und ist erst vor drei Jahren nach Eshkashem gezogen. Hier hat er sich ein großes und lichtes Pamir-Haus gebaut. Helle Holzbalken schmücken die Decke und rote Teppiche den Fußboden. Die weißen Wände sind mit chinesischen Postern mit friedvoller Wasserfall-Landschaft und üppigen Blumensträußen geschmückt, und im schlichten Glasschrank stehen eine Sammlung von Kochtöpfen und ein Teddybär. In der Küche gibt es einen Lehmofen mit isoliertem Ofenrohr, und im Bad lässt sich das Wasser mit einem holzbeheizten Ofen erwärmen.

eshkashem12Es gibt andere, die ebenfalls gut verdienen, aber längst nicht so viel daraus machen wie der Arzt aus Shegnan. Jenen Polizeioffizier beispielsweise, der jedes Jahr fast 1.000 US-Dollar für Feuerholz ausgibt, aber noch nicht daran gedacht hat, das kaputte Fenster zu reparieren, durch das die Wärme entweicht. Oder jenen Mann, der ein geräumiges neues Haus in seinem Garten gebaut hat, mit weiten Fenstern, schicken Teppichen und Fernseher, dieses aber nur Gästen vorbehält und selbst mit seiner Familie in einem alten, schmucklosen und verqualmten Raum mit Lehmboden wohnt. „Im Sommer spielt sich das Leben sowieso draußen auf der Straße ab und wir schlafen – wie alle hier – oben auf dem Dach“, erklärt er. „Und im Winter ist es in dem neuen Gästehaus einfach zu kalt. Die Räume und Fenster sind zu groß, als dass sich die Räume heizen ließen.“

eshkashem06Im Winter kann es hier in den Bergen bis zu minus 30 Grad kalt werden, und das Heizen ist eine Überlebensfrage. Wer ein Einkommen hat, gibt einen beträchtlichen Teil davon für teures Feuerholz aus – für einen US-Dollar bekommt man gerade einmal acht Kilogramm. Wer sich kein Holz leisten kann, muss mit Viehdung vorlieb nehmen, wie jener 35-jährige Familienvater, der nur 0,2 Hektar Land besitzt, aber sechs Kinder in die Welt gesetzt hat. Das Haus ist alt, „mehr als hundert Jahre“, sagt er. Die Verzierungen an den Wänden lassen noch etwas von einstigem Wohlstand erahnen, doch jetzt ist alles schwarz gefärbt vom Ruß.

eshkashem05Einen Ofen gibt es nicht, oder er wird nicht mehr genutzt. In einer offenen Feuerstelle, einem einfachen Loch im Lehmboden, kokelt der Viehdung vor sich hin, um das Wasser in der Metallkanne warm zu halten. Kein Ofenrohr lenkt den Rauch nach draußen, der stattdessen durch den ganzen Rauch wabert, bis er irgendwann den Weg durch die Dachöffnung gefunden hat. Der Hausherr kauert neben der Feuerstelle, während sein kleiner Sohn in der verdreckten orangefarbenen Jacke auf seine Fingernägel starrt und den Kopf gesenkt hält. „Den Kindern tränen ständig die Augen“, sagt er und fährt dann schulterzuckend fort: „Ein Metallofen? Natürlich wäre der gut, aber wie sollen wir uns das leisten?“

eshkashem09„Solche Häuser gibt es bei uns nicht“, sagt fassungslos der Tadschike R. Er ist in einem Haus direkt am Grenzfluss aufgewachsen, und in kalten Wintern sind die afghanischen Verwandten aus den gegenüberliegenden Dörfern einst über den zugefrorenen Pjandsch zum Teetrinken herübergekommen. So ist ihm Afghanistan nicht fremd, und dennoch ist ihm die Überraschung über die Ärmlichkeit des Hauses anzumerken.

Einige Monate und Afghanistan-Trips später wird er schreiben: „Dort ist alles ganz anders als bei uns, dort sind die Leute es gewohnt, alles umsonst zu bekommen, sie leben nur von der humanitären Hilfe der internationalen Organisationen.“

Einen Kommentar schreiben