Die Perle Usbekistans

samarkand-5Oktober 2010. – Auf frisch geteerten Schnellstraßen bahnen sich die Touristenbusse ihren Weg ins Zentrum von Samarkand. Die langen Geschäftszeilen am Straßenrand sind alle im immer gleichen Ockern-Farbton gehalten. Erst kürzlich sind sie errichtet worden, und leicht lässt sich erahnen, dass die chromblitzenden Treppengeländer und die sauber verputzten Fassaden nicht für die Ewigkeit gebaut sind. Hinter den meisten Glasfronten im Erdgeschoss herrscht noch gähnende Leere, und ein Einheimischer erzählt: „Das Zentrum von Samarkand ist in den letzten Jahren komplett umgestaltet worden. Das ist natürlich schön für die Touristen, aber für die Händler ist das ein Problem – ihre alten Läden sind einfach abgerissen worden, und für die Geschäfte, die an ihrer Stelle gebaut worden sind, müssen sie jetzt viel höhere Mieten zahlen.“

Einst ist Samarkand eine der Perlen der Seidenstraße gewesen, Zentrum nicht nur des Handels zwischen Asien und Europa, sondern auch der islamischen Gelehrsamkeit und der persischen Kultur. Der Mongolenherrscher Tamerlan baute die Stadt im 14. Jahrhundert zum Mittelpunkt seines Reiches aus, und in den folgenden Jahrhunderten entstand der Registan, der große Platz im Zentrum von Samarkand, der von drei Medresen umschlossen wird. Alte Bilder, die Anfang des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden sind, zeigen ihn als belebten Marktplatz und die Medresen im Zustand des Verfalls. Heute erstrahlen die Gebäude in neuem Glanz, sie sind rücksichtslos restauriert worden und gaukeln den Touristengruppen aus Europa und Ostasien vor, in die Geschichte einzutauchen.

samarkand-2Doch der Platz hat seine Funktion als Zentrum und damit auch seine Lebendigkeit verloren. Kein Einheimischer überquert ihn auf dem Weg durch die Stadt; wer ihn nichtsahnend betritt, wird hinterrücks mit „Ticket, Sir!“ angeplärrt und muss durch ein kleines Fensterloch in einer Mauer darüber verhandeln, warum die Eintrittspreise für Ausländer zehnmal so hoch sind wie für Usbeken. In den drei Medresen, den prächtigen islamischen Universitäten aus der Blütezeit der Stadt, kniet kaum ein Muslim zum Gebet, dafür ist jede einzelne der kleinen Studierkammern zu einem Souvenirladen umgewandelt worden.

Der Kontrast könnte kaum größer sein zwischen dem Registan und dem Imam-Platz in iranischen Esfahan, einer anderen Perle der persisch-sprachigen Welt. Dort strömen an den Freitagen noch immer Tausende zum Gebet zusammen, dort werden die Moscheen auch heute noch als Gebetshäuser genutzt und nicht nur als Museen. Zugleich flanieren junge Pärchen zwischen den Wasserfontänen, während die Teppichhändler fließend Englisch sprechen und von einem neuen Iran träumen, in dem nicht mehr die Mullahs das Sagen haben.

Auf dem Registan sucht man solche lebendigen Traditionen und Zukunftsentwürfe vergeblich. Die Regierungen in Moskau und später in Tashkent haben alles getan, um den Geist der Geschichte architektonisch zu zähmen und einzuhegen, um ihn dann den Touristen in leicht verdaulicher Form zu verabreichen. Der Platz wird von einem neu angelegten Park umschlossen, in dem Dutzende von Frauen mit Besen den Rasen zu fegen. Die Straßen führen nicht mehr über den Registan, sondern in weitem Bogen um ihn herum. Gehandelt wird nicht mehr auf dem historischen Platz, sondern auf einem neu gebauten Markt in der Nähe, mit einem fotogenen Dach über den Ständen und umgeben von einem schützenden Zaun.

samarkand-3Auf den Stadtplänen ist das Kunstmuseum hundert Meter östlich des Registan eingezeichnet, doch dort erstreckt sich nur eine weite Grünfläche mit zwei lebensgroßen Löwenstatuen, die mit Goldfarbe bemalt sind. „Ein Museum?“, antwortet ein Einheimischer fragend. „Nein, ein Museum gibt es hier nicht.“ Dann fällt ihm doch etwas ein: „Ach ja, bis vor einem halben Jahr stand hier das Kunstmuseum, aber das haben sie abgerissen. Alles, was darin war, ist nach Tashkent gebracht worden, glaube ich.“

Wendet man sich vom Registan aus in die andere Richtung, gelangt man nach etwa einem Kilometer zu jenem Mausoleum, in dem der Mongolenherrscher Tamerlan begraben ist. Der Ort liegt im Herzen der Stadt, und doch herrscht hier Friedhofsruhe. Auf der einen Seite wird er von einem unbelebten Park und einem breiten Parkplatz für Reisebusse abgeschirmt. Auf der anderen Seite schützt eine neu errichtete Mauer aus Ziegelsteinen und Beton die umgebenden Wohnviertel vor den neugierigen Blicken der Touristen.

Seit 2001 gehört Samarkand mit seinem klingenden Namen und den blauen Kuppeln seiner Moscheen und Medresen zum Weltkulturerbe der UNESCO. Geboten wird eine große Vergangenheit, ausgestopft und in Alkohol konserviert, auf dass nichts den Eindruck störe, dass Samarkand eine schöne Stadt ist.

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