Der alte Traum von einer neuen Welt

band_01November 2010. – Es gibt dort eine tiefe Narbe in der Landschaft. Die dunkelgrünen Flecken auf dem Satellitenbild verraten es, die sich deutlich von den hellen Farbtönen der Umgebung abheben. Vom Distrikt-Zentrum Farish aus führt eine Asphaltstraße durch die weite Ebene im Norden Usbekistans. Nur die hölzernen Strommasten auf beiden Seiten lassen erahnen, dass sie nicht im Nichts enden wird. Karg ist das Land am Straßenrand. Zu Zeiten der Sowjetunion ist es umgebrochen worden, um Regenfeldbau zu betreiben. Doch schon nach wenigen Jahren musste dieser wieder aufgegeben werden, weil weder die Bodenfruchtbarkeit noch das Wasser ausreichten. Seitdem hat sich das Land nie wieder von den Wunden erholt, die der sowjetische Pflug gerissen hat. Von den Sträuchern und Gräsern, die im Frühjahr in saftigem Grün gestanden haben, ist nur noch wenig geblieben, sie sind kahlgefressen von den riesigen Viehherden, die täglich über die Ebene ziehen, und ausgedörrt von der erbarmungslosen Sonne Usbekistans.

band_04Nach einigen Kilometern erscheint eine Silhouette am Horizont. Ein Hochhaus ragt in den Himmel, umgeben von einem Dutzend vierstöckiger sowjetischer Apartmenthäuser. Traditionell ist die Region von Usbeken und Tadschiken bewohnt, die in den Tälern des Nuratau-Gebirges ihre Gärten pflegten, und von kasachischen Nomaden, die mit ihren Viehherden durch die Ebene zogen. Dann kamen die Russen, sie bauten eine Stadt in der Steppe und gaben ihr den Namen „Band“. Die Apartmenthäuser von Band sehen aus wie die Apartmenthäuser in Tashkent und den anderen Großstädten des einstigen Sowjetreiches, in nichts erinnern sie an die einfachen Lehmhäuser in den Dörfern ringsherum.

band_03Inzwischen ist das Sowjetreich von der Landkarte verschwunden, und viele der Russen haben Band wieder verlassen. Manche ihrer Apartments werden nun von Usbeken bewohnt, andere stehen leer, und überall bröckelt der Beton. Das Schild am Ortseingang grüßt Besucher auf Usbekisch mit „Willkommen“. Die beiden Bilder, die darunter angebracht sind, sind schon vom Rost angefressen, doch sie lassen etwas von jenen Träumen erahnen, auf dem die Stadt einst gegründet war. Sie zeigen einen Wasserfall zwischen grünen Hügeln und eine ordentliche Reihe von neuen Apartmenthäusern zwischen schwarzen Asphaltstraßen – Band sollte die moderne Zivilisation in die Steppe bringen und die Kräfte der Natur bändigen.

band_05„1979 wurden hier große Vorkommen von Metallerz gefunden. Vier Jahre später rollten schon die ersten Züge, mit 40 bis 50 Waggons pro Tag.“ Der ehemalige Direktor des Bergwerks ist einer jener Geologen gewesen, welche mit der Mission in die Einöde geschickt wurden, den Rohstoffhunger der expandierenden Sowjetindustrie zu stillen. „Wir fingen mit 100 Leuten an, das Bergwerk zu bauen. Dann kamen immer mehr, die Bahnlinie entstand, und es wurde eine Stadt für 50.000 Menschen geplant.“

Das Krankenhaus zeugt noch heute von den ambitionierten Plänen von einst, es war für 100 Betten angelegt. Doch die Stadt wurde nie so groß wie geplant. Nach der Unabhängigkeit Usbekistans 1991 gab es für die Erze von Band keinen Absatzmarkt mehr, und zwei Jahre später standen die Förderbänder still. Das medizinische Gerät aus dem überdimensionierten Krankenhaus wurde in das Krankenhaus im Distrikt-Zentrum Farish geschafft, und der ehemalige Bergwerksdirektor sitzt in seinem Garten und blickt auf das Wasserbassin: „Früher haben darin die Kinder gebadet, aber jetzt haben wir nicht mehr genügend Wasser, um es zu füllen.“

band_06Hinter Band schlängelt sich die Straße, von der inzwischen nur noch eine Schotterpiste geblieben ist, durch eine Hügelkette, und dahinter tauchen die Überreste des Tagebaus auf. Vor dem Tor zum Fuhrpark stehen Bilder jener riesigen Lastwagen, die einst die Steppe bevölkerten, doch auf dem Parkplatz dahinter rosten nur einige alte Fahrzeuge leise vor sich hin. Eine meterhohe Erdrampe führt zu der verfallenden Förderanlage, vor der gemächlich eine Kuh entlang spaziert.

Und dann fällt der Blick in die Grube, die sowjetische Ingenieure und Arbeiter in die Steppe gegraben haben. Sie ist groß, riesengroß. Rundherum schrauben sich Straßen in die Tiefe, auf denen einst die Lastwagen das Erdreich wegschafften, um die künstlichen Tafelberge aufzuschütten, die sich auf der anderen Seite erheben. Unten in der Grube schimmert tiefblau ein mondförmiger Baggersee im letzten Tageslicht, und die beklemmende Stille wird nur von dem Röhren der Dieselpumpe durchbrochen, die das Wasser nach oben schaufelt, wo es zwischen den aufgeschütteten Geröllhügeln einen kleinen Teich bildet und dann in die Steppe abfließt.

band_09Eine Serpentinenpiste, auf der sich früher die voll beladenen Lastwagen hochgequält haben, führt auf einen der Tafelberge. Sie wird gesäumt von Dutzenden, Hunderten, Tausenden Schutthügeln. Schwer lässt sich ermessen, wie oft die Lastwagen ihre Ladungen abgekippt haben, um diese Berge aufzuschütten, es müssen unzählige Male gewesen sein. Inzwischen sind sie weitergezogen, um anderswo Wunden in die Landschaft zu reißen oder auf Schrottfriedhöfen zu enden; zurückgelassen haben sie eine Steinwüste. Oben auf dem Plateau angekommen, eröffnet sich der Ausblick auf die Ebene. Eisenbahngleise führen nach Osten, auf ihnen wurde einst das geförderte Metall in die Industriestädte des Sowjetreichs transportiert. Ein Zug mit einem Dutzend Güterwaggons steht neben einer kleinen Station, still und unbewegt.

band_08Und dahinter, im Dunst einige Kilometer weiter nördlich, erstreckt sich der Aidar-See. Er hat keine lange Geschichte, erst vor wenigen Jahrzehnten ist er entstanden, als Moskau beschloss, die Steppen Kasachstans und Usbekistans fruchtbar zu machen. Gewaltige Wassermengen mussten umgeleitet werden, um die Baumwoll- und Weizenfelder zu bewässern. So begannen die Zuflüsse des Aralsees zu versiegen und dieser auszutrocknen, während der Aidar-See entstand – ein Auffangbecken für das überschüssige Wasser aus einem Stausee im Norden und für das versalzene Wasser aus den Bewässerungsfeldern.

Hinter all dem standen der große Traum von der Turbomodernisierung und der Glaube an die Allmacht der Technik. Die sowjetischen Planer haben das Antlitz des Erde verändert, haben Gruben gegraben und Berge aufgeschüttet, Flüsse austrocknet und Seen entstehen lassen, um einen neuen, glücklichen und sorgenfreien Menschen zu schaffen.

band_07Heute wirkt Band abgehängt von der Modernisierung, seit zwei Jahrzehnten auf Standby geschalten. Viele der Geologen und Bergarbeiter, die einst hier angesiedelt worden und noch nicht abgewandert sind, erhalten noch immer einen geringen Lohn von dem Bergbaukonzern, sie sollen in der Region gehalten werden. Andere leben von dem, was in ihren kleinen Schrebergärten wächst, oder von dem Vieh, für das sie in den letzten Jahren Ställe in den Gartensiedlungen gebaut haben. „Wir warten“, sagt der ehemalige Direktor des Bergwerks. „In zwei Jahren soll der Betrieb wieder aufgenommen werden, so heißt es.“

band_11Es ist Nacht geworden und Zeit, zurückzukehren nach Farish. Aus den Wohnungen in den Apartmenthäusern von Band scheint nun mattes Licht, in Rot und Gelb und Blau und Weiß. Langgestreckte, vierstöckige Gebäude mit breiten erleuchteten Fensterfronten auf beiden Seiten der Treppenhäuser – es ist ein Bild, wie es in jeder beliebigen Stadt der ehemaligen Sowjetunion aufgenommen sein könnte. In der Mitte der dunklen Schotterpiste wandern ein Mann und eine Frau durch die Einsamkeit zwischen den alten Schachtanlagen. Sein Gesicht ist hager und die Goldzähne blitzen im Mondschein. „Uns ist eine Kuh entlaufen“, sagt er.

Einen Kommentar schreiben