Das zerstörte Gold von Kashgar

kashgar-2Juni 2011. – Weiße Schriftzeichen auf rotem Grund. Stolz behauptet das Banner, dies sei die „einzige historisch erhaltene Kulturstadt“ in Xinjiang, der Westprovinz Chinas. Dreißig Yuan – umgerechnet drei Euro – Eintritt muss zahlen, wer als Tourist die Gassen betreten will, die zwischen den alten Häusern aus Lehmziegeln hindurchführen. An ihren Türen hängen Metallplaketten, die sie als „Kulturhaushalt“ ausweisen, oder als „friedliche Familie“.

Eine Gruppe chinesischer Touristen aus dem Osten des Landes mit Shorts, Sonnenhüten und Fotokameras eilt durch die Gassen. Die Reiseführerin erklärt ihnen, dass sie 4.000 Kilometer von Peking entfernt sind und dass die Einheimischen ihre Uhren zwei Stunden nachgehen lassen, obwohl eigentlich ganz China einer einzigen Zeitzone angehört und die Zugfahrpläne sich auch hier nach der Peking-Zeit richten. „Das ist ein traditioneller Innenhof“, sagt sie und führt die Gruppe unter den Bäumen hindurch zu dem Souvenirladen auf der anderen Seite, vorbei an den Hausbewohnern, die gerade ihr Nudelgericht schlürfen. Dass die historische Altstadt von Kashgar bis vor einigen Jahren um ein Vielfaches größer und ohne Eintritt zugänglich gewesen ist, erwähnt sie nicht.

kashgar-3Kashgar ist der westlichste Vorposten Chinas, gelegen zwischen der Sandwüste der Taklamakan und den Bergen des Pamir-Alai. Seit jeher ist es ein reiches Handelszentrum gewesen; als einst die Seidenstraße florierte, machten hier die Kamelkarawanen Halt, die Europa mit Seide und Gewürzen versorgten, während heute von hier aus chinesische Lastwagenkolonnen den Markt für Billigkleidung und Kinderspielzeug in Pakistan und Zentralasien erobern. Die hier heimischen Uighuren haben mehr mit den Bevölkerungen der Nachbarländer gemein – die islamische Religion ebenso wie die Sprache, die der Familie der Turksprachen angehört – als mit den Han-Chinesen. Lange ist die Region nur locker mit China verbunden gewesen und erst mit der Gründung der Volksrepublik 1949 fest in den chinesischen Staat eingebunden worden.

Dieser ist seitdem bestrebt, seine Kontrolle über die ressourcenreiche und strategisch bedeutende Westprovinz Xinjiang auszubauen und fördert die massive Einwanderung von Han-Chinesen aus dem Osten des Landes. Sie stellen inzwischen rund 40 Prozent der Einwohner von Xinjiang, bilden die Bevölkerungsmehrheit in den großen Städten und dominieren das Wirtschaftsleben. Viele Uighuren fühlen sich ausgegrenzt, von den Han-Chinesen benachteiligt und an den Rand gedrängt, und immer wieder ist es deshalb zu gewaltsamen Konflikten zwischen den Bevölkerungsgruppen gekommen, zuletzt im Sommer 2009.

kashgar-6Bald nach jenem Aufstand der Uighuren fiel die endgültige Entscheidung, die Altstadt von Kashgar abzureißen und deren Bewohner umzusiedeln in die neuen Wohnblocks am Stadtrand. Hygienegründe und Erdbebensicherheit wurden als Argumente ins Feld geführt, doch von vielen Seiten wurde den Behörden vorgeworfen, mit den alten Häusern auch die Tradition und Identität der Uighuren zerstören zu wollen. Tatsächlich wirken die verbleibenden zwei Quadratkilometer der Altstadt von Kashgar leblos; jetzt in der Mittagshitze sind kaum Einheimische unterwegs, und auch Touristen spazieren nur vereinzelt durch die engen Gassen, durch die zwei ausgeschilderte Routen führen und in denen das Rauchen verboten ist.

kashgar-5Noch lassen am Rande des Museumsbezirks die Ruinen einiger halb abgerissener Häuser erahnen, dass die Altstadt von Kashgar einmal das lebendige Stadtzentrum gewesen ist, bevor sie der Moderne weichen musste. Bald werden auch sie verschwunden sein, dann werden nur noch die in sterile Museumswatte verpackten Überreste der Altstadt bleiben, architektonisch abgetrennt vom neuen Stadtzentrum und abgenabelt von ihrer eigenen Tradition. Sie werden umschlossen von einem neu gebauten, breiten Boulevard, der noch kaum befahren ist, aber trotzdem nicht zum Überqueren einlädt. Auf der anderen Seite entstehen bereits die neuen Wohnblocks, die sich an die traditionelle Architektur anzulehnen versuchen und dennoch alle gleich aussehen. Poster an den Bauzäunen beschwören das neue, das moderne Kashgar und fordern die Passanten auf, daran mitzubauen – auf Chinesisch, nicht auf Uighurisch.

kashgar-4Der Boulevard führt ins moderne Stadtzentrum, das sich kaum von den Stadtzentren anderer chinesischer Metropolen unterscheidet. Ein großflächiger Platz, der beherrscht wird von einer Statue des Staatsgründers Mao Zedong, unter der am Abend auf Großleinwänden blühende Landschaften gezeigt werden. Einige Hundert Meter weiter ein künstlicher See und Vergnügungspark. Rundherum breite Geschäftsstraßen mit Verwaltungsgebäuden, Banken, Einkaufszentren und Boutiquen.

Dies ist die Welt der Han-Chinesen, doch auch hier sind fast alle öffentlichen Verlautbarungen und Schilder zweisprachig – in Uighurisch und Chinesisch – gehalten. Der Staat legt Wert darauf, den Erhalt des kulturellen Erbes der ethnischen Minderheiten und das friedliche Miteinander der Nationalitäten zu betonen. Das zeigt sich auch im Buchladen des Staatsverlags Xinhua an der zentralen Kreuzung der beiden wichtigsten Hauptstraßen: Die Regale sind voll mit uighurischen Titeln; Xinhua hat keine Mühen gescheut, auch die Taschenbücher über die Helden der Kommunistischen Partei in uighurischer Sprache zu verlegen.

kashgar-8Einige hundert Meter weiter in Richtung Norden beginnt wieder der uighurische Teil der Innenstadt. Hier liegt die Id-Kah-Moschee, das religiöse Zentrum der Muslime in Xinjiang. Zwischen den Bäumen im Innenhof hat sich eine Reihe älterer Männer zum Gebet versammelt, und die vielen Gebetsteppiche in der Moschee lassen erahnen, dass sie zumindest am Freitag noch stark besucht wird. In der nahen Basarstraße werden unter Sonnenschirmen Melonen und Brot verkauft und Schaschlik-Spieße gebraten, Frauen mit Kopftüchern begutachten die Waren, junge Leute kurven auf Elektrorollern durch den Menschenstrom, und alte Männer mit uighurischen Kappen auf dem Kopf sitzen plaudernd vor den Geschäften zusammen. Doch bereits nach einigen hundert Metern hat das Basarleben ein Ende, hier beginnt wieder das moderne Kashgar mit breiten Hauptstraßen, neuen Wohnblocks, schicken Geschäften – und unzähligen Han-Chinesen.

Und plötzlich stellt sich die Frage, was wohl aus Xinjiang würde, wenn dereinst der chinesische Staat zerfiele und die Han-Chinesen abwanderten. Ähnliches hat es in Zentralasien schon einmal gegeben: In Sowjetzeiten waren unzählige Russen eingewandert, hatten im Namen von Sozialismus und Moderne die Gesellschaft und Wirtschaft umgekrempelt, schicke Wohnblocks und Museumsstädte gebaut und die Einheimischen von ihrer kulturellen Tradition entfremdet. Dann zerbrach 1991 die Sowjetunion, die Länder Zentralasiens wurden unabhängig, viele der Russen wanderten wieder ab – und ließen Gesellschaften in wirtschaftlicher Krise und kultureller Orientierungslosigkeit zurück.

Einen Kommentar schreiben