Fest des Staates, Fest fürs Volk

farish-1August 2011. – Die Hauptstraße ist gesperrt. Vor einigen Kneipen sind Tische aufgebaut, und der Rauch von Schaschlik-Grills wabert durch die Luft. Menschen strömen dem Stadion entgegen, junge Männer in Jeans und T-Shirts, junge Mädchen in betont westlicher Kleidung, wohl aus chinesischer Produktion, manche von ihnen führen kleine Kinder an der Hand oder tragen Babys auf dem Arm. Ein paar Ältere sind auch dabei, doch die meisten von ihnen sind mit der Begründung zu Hause geblieben: „Das ist langweilig.“

Massen von Menschen auf der Straße. Einige von ihnen sogar mit fröhlichen Gesichtern, mit einem Lächeln auf den Lippen. Das ist der Ausnahmezustand in Usbekistan, dergleichen gibt es hier nur zweimal im Jahr, darf es nur zweimal im Jahr geben – anlässlich des Frühlingsfests im März und des Unabhängigkeitstags am 1. September. Der Staat sorgt dafür, dass das Volk seine beiden Feste bekommt – über Wochen ziehen sich die Feierlichkeiten hin, erst in den Dörfern, dann in den Bezirkshauptorten und Provinzhauptstädten, schließlich in der Hauptstadt Tashkent. Und der Staat sorgt dafür, dass sich das Volk zu diesen beiden Gelegenheiten versammelt – und nur zu diesen.

farish-2Zwanzig Jahre ist es her, dass die Sowjetunion auseinanderbrach und Usbekistan – wie auch die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken – zu einem unabhängigen Staat wurde. Sie trauern der Sowjetunion oft hinterher, die Menschen auf der Straße. Damals gab es Arbeit, sagen sie, und meinen damit, dass Jeder einen festen Lohn bekam, ohne viel dafür tun zu müssen. Damals war alles viel billiger, erzählen sie weiter und schwärmen von der Technik – den Traktoren und Pumpen und Baukränen –, die heute mangels Wartung nicht mehr funktioniert. „Natürlich denken die Leute auf der Straße so, sie trauern alle der Sowjetunion hinterher“, sagt ein Usbeke grinsend. „Aber der Staat sieht das natürlich ganz anders.“ Deshalb sind die Fassaden aller öffentlichen Gebäude anlässlich des Unabhängigkeitstags mit Bannern geschmückt, mit Bildern der historischen und zeitgenössischen Prunkbauten in Tashkent und Samarkand, dazu das omnipräsente Gesicht des Präsidenten Islam Karimov.

farish-3Und deshalb werden jetzt im Stadion von Farish, einem Bezirkshauptort etwa 300 Kilometer südwestlich von Tashkent, die blau-weiß-grünen Nationalflaggen geschwenkt. Um das Tor herum herrscht großes Gedränge, und anfangs lassen die Polizisten mit ihren weißen Hemden und grünen Schirmmützen nur jene ein, die eine Einladungskarte vorzuweisen haben. Doch dann öffnen sie plötzlich ohne erkennbaren Grund das Tor, und die Menschenmenge strömt ins Stadion, wo die offiziellen Gäste – die Vertreter der Bezirksverwaltung, die Dorfältesten aus den umliegenden Dörfern und die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges von 1941-45 – schon auf den Rängen Platz genommen haben.

farish-4Der Bezirksgouverneur, hält eine Rede, zumindest steht er am Mikrofon und bewegt die Lippen, während sich die Tontechniker noch bemühen, die Glückwünsche zum Unabhängigkeitstag verständlich zu machen. Als die Nationalhymne erklingt, funktionieren die Lautsprecher bereits. Nach einigen Minuten verklingt sie, die Zuschauer auf den Rängen erheben sich und klatschen höflich. Flaggenträger laufen durchs Stadion, Luftballons werden vom Wind fortgetragen. Einheimische Schulkinder und Künstler aus Tashkent bringen Volkslieder und Volkstanz auf die Bühne – auch nach zwei Stunden noch, als sich das Stadion schon längst zu leeren begonnen hat.

farish-5Ein Absperrband zwischen der Bühne und dem Publikum auf den Stehplätzen gibt es nicht, stattdessen halten Dutzende von Polizisten die Ordnung aufrecht. Alle paar Meter steht einer von ihnen, bewacht mit ernster Miene den Staat vor dem Volk und unterhält sich zwischendurch auch mal mit einem Bekannten. Einer von ihnen hat ein Motorola-Funkgerät am Ohr, und als ein Blitzlicht durch die Dunkelheit zuckt, kämpft er sich durch die Menge und beginnt misstrauische Fragen zu stellen. „Wo kommst du her? Was machst du hier? Wo wohnst du? Warum fotografierst du Polizisten?“ Es ist ihm anzumerken, dass er selbst nicht wirklich weiß, worauf er eigentlich hinauswill, und schließlich verabschiedet er sich mit einem Ratschlag: „Fotografiere ruhig das Fest und die Mädchen, aber keine Polizisten, das ist nicht erlaubt.“

farish-6Ein älterer Mann versucht ein Gespräch auf Russisch, doch wie so viele Bewohner der usbekischen Provinz hat er Mühe, sich in der einstigen lingua franca des Sowjetimperiums zu verständigen. Er arbeitet als Arzt im örtlichen Krankenhaus und hat einst Deutsch als Fremdsprache gelernt. „Wer hat heute Klassendienst?“ sagt er mit einem breiten Grinsen und ist stolz darauf, einen vollständigen Satz herausgebracht zu haben. Es scheint derjenige Satz zu sein, den er während des Unterrichts öfter gehört hat als jeden anderen.

Dann will er wissen, ob es solche Feste auch in Deutschland gebe. Doch der Versuch zu erklären, dass in Deutschland jede Region und jede Stadt ihre eigenen Festtraditionen habe, dass sie gewöhnlich aus der Mitte der Gesellschaft oder von Kommunalverwaltungen organisiert würden, scheitert. Er lässt nicht los vom Konzept eines Festes, das von der Zentralregierung angeordnet und landesweit in identischer Form inszeniert wird, und fragt noch einmal: „Wie viele solcher Feste gibt es bei euch?“

farish-7Schließlich steigen einige Feuerwerksraketen in den Nachthimmel und geben das weithin sichtbare Zeichen, dass die öffentlichen Feierlichkeiten beendet sind. Während das Volk sich in den Straßen von Farish verläuft oder an den Tischen rund um die Schaschlik-Grills hängen bleibt, beginnt für die Repräsentanten des Staates das eigentliche Fest erst noch. Oben auf dem Hügel über dem Ort liegt das Gästehaus des Gouverneurs, und hier versammeln sich nun die geladenen Gäste. Es scheinen die Mächtigen und Reichen von Farish zu sein, viele junge Anzugträger sind unter ihnen und noch mehr alte; Frauen dagegen sucht das Auge vergeblich. Die Tische sind bereits gedeckt, sie sind rund um ein rundes blaues Wasserbecken gruppiert, das lange trocken gelegen hat in diesem Dürrejahr. Doch heute sind den ganzen Tag über Wassertanker angefahren gekommen, und so glitzert nun das Wasser im hellen Lichtschein der Konzertscheinwerfer.

farish-8Mehr als 25 Autos stehen inzwischen auf dem Parkplatz, und im Kofferraum eines klapprigen Lada Niva sind zwei der Lautsprecherboxen aus dem Stadion gebracht worden. Die Gäste haben Platz genommen, während junge Männer in schwarzen Hosen und weißen Hemden um sie herumschwirren, Essen servieren und Wodka nachschenken. „Die Kellner sind extra aus Jizzakh, der Provinzhauptstadt, gekommen“, raunt ein heimlicher Beobachter aus dem Volk und fügt dann hinzu: „Die Verwaltung scheint zu viel Geld zu haben.“ Polizisten sind nicht zu sehen, hier ist die Elite unter sich.

Der Gouverneur steht auf und hält eine kurze Ansprache, in der er den Anwesenden zum Unabhängigkeitstag gratuliert. Dann gediegenes Gespräch an den Tischen, während sich der Sänger aus Tashkent, der auch schon im Stadion gesungen hat, am Mikrofon bereitmacht und usbekischen Pop anstimmt. Zwischendurch einmal stehen die Gäste am Tisch des Gouverneurs auf und stoßen mit ihren Wodkagläsern an. Getanzt wird nicht – noch nicht. „Natürlich haben sie getanzt, und wie“, wird der heimliche Beobachter aus dem Volk später erzählen, „sie waren ja alle sturzbetrunken.“

So feiert die regierende Elite sich selbst, während die Nachricht vom Sturz des libyschen Potentaten Gaddhafi um die Welt eilt – und um Usbekistan einen großen Bogen macht.

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