Durch Tadschikistan

pamirstrasse-2Dushanbe ist keine Metropole. Das wird schnell deutlich, wenn man sie in Richtung Süden verlässt. Schon nach wenigen Kilometern erinnert nicht mehr viel daran, dass die Hauptstadt Tadschikistans mit ihren gut 500.000 Einwohnern hinter uns liegt, in der es mancherorts so wirkt, als wären die Uhren in der Sowjet-Moderne der achtziger Jahre stehen geblieben.

Die Straße führt zuerst durch ein weites Tal und dann durch eine grüne Hügellandschaft, durch eine jener fruchtbaren Gegenden, von denen es in Tadschikistan so wenige gibt. Hier ticken die Uhren noch einmal anders als in Duschanbe. Ein junger, violett gekleideter Mann trabt auf einem Esel dahin, einen Hut auf dem Kopf und eine Sense in der Hand. Zahlreiche Eselskarren, meterhoch mit Stroh beladen, kommen uns entgegen; auf den Feldern wird ohne Maschinen gearbeitet, und selbst an steilen Berghängen wird Getreide angebaut, das gerade von Männern mit Sensen abgemäht wird.

Die Straße ist in schlechtem Zustand, aber immerhin noch asphaltiert. Einmal durchzieht ein frisch geteertes schwarzes Asphaltband die Landschaft, doch der neue Straßenabschnitt ist noch nicht frei gegeben, und der Verkehr wird auf eine provisorische Staubpiste umgeleitet. Wenig später, nach einer Passhöhe, eröffnet sich der grandiose Ausblick auf den Nurek-Stausee, der mit seinen vielen Wasserarmen und kleinen Inseln im Gegenlicht der Morgensonne eine bizarre Figur abgibt. Auf der Nordseite ragen hohe Berge schroff aus dem See heraus, im Süden dagegen schließt sich ein Wellenmeer von sanften grünen Hügeln an.

nurek-1Drei wuchtige sowjetische Plattenbauten mitten in einem Dorf voller kleiner einstöckiger Häuser fliegen ebenso vorbei wie ein Junge, der auf einem Karren steht und aggressiv auf seinen Esel eindrischt. Eine Bahnlinie wird trotz geschlossener Schranke überquert; schließlich scheint der Güterzug angehalten zu haben, darauf lässt jedenfalls die Rauchsäule schließen, die sich nicht mehr weiterbewegt. Wahrscheinlich kommt er aus Kuljab, der zweitgrößten Stadt des Landes. In dieser herrscht reges Treiben vor der Markthalle, aber sonst ist wenig urbanes Leben zu erkennen. Dahinter erst beginnt der schwierigste Teil der Reise. Nun ist kaum mehr Verkehr auf der Straße, die nur noch selten asphaltiert ist – meist geht es über holprige Pisten, was aber die Fahrer nicht von rasanten Überholmanövern abhält. An einer Stelle sind noch Reste der alten Straße erkennbar, die in den Abgrund abgerutscht ist; die neue Straße scheint zumindest jetzt bei Trockenheit sicher zu sein, aber dennoch schlägt der Puls merklich höher.

Und dann unterbricht Masum, unser Fahrer, die Stille mit den Worten: „Das dort ist Afghanistan.“ Majestätisch weiße Bergkuppen erheben sich in der Ferne, irgendwo dort muss also der Grenzfluss Pjandsch sein und dahinter jenes Land, dessen Name gespannte Erwartungen weckt. Vor dem inneren Auge erscheinen Bilder von Kalaschnikow-Kämpfern, Bundeswehr-Camps, Autobomben und neu errichteten Mädchenschulen, doch – da steht ein Junge in orangenem T-Shirt vor uns auf der ockerfarbenen Erdpiste und bedeutet uns, stehen zu bleiben. Es ist des Fortkommens nicht mehr, ein Lastwagen ist im Schlamm stecken geblieben und versperrt den Weg. Ein bulliger Mann in Armeehose und schwarzem T-Shirt, die Sonnenpamirstrasse-1brille auf die Stirn geschoben und eine Pistole unter den Arm geschnallt, steht herrisch auf einem Felsen und blickt unwillig auf die Situation herab. Nach einigen Minuten kriecht schließlich ein zweiter LKW heran und zieht den ersten heraus, während zwei französische Radtouristen sich zu den Schaulustigen gesellen und ihre Fotoapparate zücken.

Weiter geht die Fahrt, vorbei an einer großen Kuherde und durch ein breites, steiniges Flussbett, bis wir schließlich das Tal des Pjandsch erreichen. In diesem werden wir nun flussaufwärts fahren, Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde. Reißend ist der Fluss und grau, grau wie der Wolken verhangene Himmel und die kahlen Berghänge. Es ist jetzt sehr einsam auf der Strecke, nur selten kommt uns ein Wagen entgegen. Drüben in Afghanistan ist ein erstes Dorf zu erkennen, es besteht nur aus braunen Lehmhäusern und hebt sich kaum von der es umgebenden Landschaft ab; vergeblich sucht das Auge nach den Insignien moderner Zivilisation. Erst in anderen Dörfern, an denen wir später vorbei kommen, wird es fündig: Mal lockern bunte Einsprengsel die farbliche Eintönigkeit auf, neu gebaute Häuser in Weiß und Rosa, mal sind auf den Dächern Satellitenschüsseln zu erkennen. Nur durch einen schmalen Pfad sind die einzelnen afghanischen Dörfer miteinander verbunden, er zieht sich dicht am Wasser oder hoch oben an den Felswänden entlang, manchmal sind auf ihm auch einsame Wanderer zu erkennen. Einmal spielt eine Gruppe Jungen Fußball am Kiesstrand, ein anderes Mal steht eine Gruppe Frauen in bunten Kleidern am Flussufer und winkt nach Tadschikistan herüber.

dorf-in-afghanistan-1Hier, auf unserer Seite, sind wir derweil nur langsam vorangekommen. Die Straße ist schlecht, abgesehen von einem kurzen geteerten Abschnitt. Nicht selten müssen wir warten, weil wieder ein Lastwagen am Berghang stecken geblieben ist oder weil eine Planierraupe nach einer Felssprengung erst einen Weg durch einen großen Schutthaufen bahnen muss. Einige Kilometer lang begleiten uns Schilder rechts und links, die vor Landminen warnen, und einmal liegen zwei verrostete Panzerwracks am Straßenrand – Überreste des Bürgerkriegs in den 90er Jahren. Menschen sind nicht oft zu sehen, nur die Kinder in den Dörfern, die Schalen mit Kirschen und anderen Früchten anbieten, und die kleinen Gruppen von Soldaten mit Gewehren und jungenhaften Gesichtern, welche die Straße entlang schlendern und wohl die Aufgabe haben, die Grenze zu überwachen.

„Devotschka,“ sagt Masum plötzlich und deutet hinüber auf die andere, die afghanische Seite des Flusses. Tatsächlich klettert dort ein junges Mädchen, ganz in Rot gekleidet, den Bergpfad herab und treibt einen Esel vor sich her. Ein Farbtupfer im monotonen Grau der Felsen, eine graziöse und dynamische Bewegung im statischen Panorama der Landschaft, ein Blickfang für das erschöpfte Auge. Bald schon biegt der Wagen um die Kurve, und schon nach wenigen Sekunden ist das Mädchen in Rot dem Blick entschwunden. Doch in meine Erinnerung hat sich das Bild eingebrannt und beginnt darin die Bilder der Kalaschnikow-Kämpfer und Bundeswehrcamps zu überlagern.

pamirstrasse-3Langsam naht der Abend heran; ein Schneebrett, das fast bis ans Wasser reicht, erinnert daran, dass wir inzwischen auf fast 2000 Meter Höhe angekommen sind. Das Tal wird breiter und der Fluss weniger reißend, sodass sich Sandbänke haben ablagern können. Seit einigen Stunden fällt auf, dass die afghanische Seite, auf der um die Dörfer herum jeder verfügbare Fleck Erde für die Landwirtschaft genutzt wird, viel grüner ist als unser Flussufer. Doch jetzt verschwindet auch dieses Grün in der Dämmerung, und bald fahren wir auf der zwar immer noch holprigen, aber wenigstens asphaltierten Straße durch völlige Dunkelheit, nur vereinzelt sind winzige Lichtpunkte diesseits und jenseits des Flusses zu erkennen.

Dann endlich, nach insgesamt 600 Kilometer und vierzehn Stunden Fahrt, sagt Masum den erlösenden Satz: „Das ist die Stadt Khorog.“ Lichtkegel dringen aus den Fenstern der hell erleuchteten Häuser, die Scheinwerfer tasten sich an den Baumstämmen der Pappelalleen entlang, und auf dem Gehsteig dahinter geht eine Familie mit Kind spazieren. So also nimmt sie sich aus, die Rückkehr in die Zivilisation.

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