Zurück auf dem Tahrir-Platz

tahrir818. November 2011. - „Was willst du hier fotografieren? Dort drüben ist die Revolution!“ ruft der junge Mann und deutet zum Ende der Straßenschlucht. Dort ergießt sich über den Platz ein Menschenmeer. Die Menschen sind überall, zu Zehntausenden, auf der runden Verkehrsinsel in der Mitte ebenso wie auf dem darum herumführenden Kreisverkehr und den sternförmig in alle Richtungen führenden Straßen. Dutzende von Bühnen sind errichtet, große und kleine, von denen herab Reden gehalten werden. An Hunderten von Ständen werden Souvenirs, Getränke und Essen verkauft, und Tausende ägyptischer Flaggen werden geschwungen, Flaggen in Schwarz-Weiß-Rot und mit dem Schriftzug „Ich liebe Ägypten“. Der Tahrir-Platz in Kairo gehört wieder dem Volk, wie damals während der glorreichen Tage der Revolution. Doch es ist ein anderes Volk als damals.

tahrir1Diesen Platz umgibt ein Mythos. Es ist der Mythos des 25. Januar 2011, jenes Tages, an dem junge Demonstranten nach stundenlangen Straßenschlachten mit der Polizei den Platz eroberten. Achtzehn Tage lang hielten sie ihn besetzt und mussten viele Blutopfer bringen, bis der damalige ägyptische Präsident Husni Mubarak ihrer Forderung nachkam und zurücktrat. Faktisch übernahm damals das Militär die Macht und versprach, diese möglichst bald an eine demokratisch gewählte zivile Regierung zu übergeben. Damit aber hat es seitdem immer wieder Verzögerungen gegeben, und viele werfen der Militärführung vor, sie sabotiere den Aufbau demokratischer Institutionen und suche ihre eigenen Privilegien zu verteidigen. „Vielleicht ist es bald Zeit für eine zweite Revolution“, so hat es ein Ägypter vor ein paar Tagen ausgedrückt.

tahrir2Was heute hier passiert, könnte sich im Rückblick als Testlauf für eine solche zweite Revolution erweisen. Noch aber ist ungewiss, wessen Revolution dies ist und gegen wen sie sich richtet. Es ist nicht einfach, den Platz zu vermessen und zu verstehen, wie die Frontlinien verlaufen. Da sind zum einen die Übergangsregierung und das hinter ihr stehende Militär. Sie sind nicht selbst auf dem Platz vertreten, nur auf Karikaturen, die führende Offiziere als Kumpane von Ex-Präsident Mubarak und als Unterdrücker des Volkswillens zeigen. „Die Militärführung will sich selbst an die Stelle des Präsidenten stellen und ihr eigenes Budget der Kontrolle des Parlaments entziehen“, klagen zwei junge Demonstranten.

tahrir6tahrir10In der Kritik an der Rolle des Militärs sind sich all jene einig, die sich heute auf dem Tahrir-Platz versammelt haben. Sie gehören zu den unterschiedlichsten Parteien und Gruppen, von denen jede ihre eigene Bühne aufgebaut hat und ihre eigene Kundgebung abhält. Auf der südlichen Seite des Platzes haben sich die religiösen Parteien versammelt, dort tragen die Männer oft Bärte und traditionelle Gewänder, und unter den Rednern ist keine einzige Frau. Auf der nördlichen Seite des Platzes dominieren die liberalen und linken Gruppen, das Publikum ist jung und studentisch geprägt, auf den Bühnen stehen auch Frauen und bekommen manchmal auch das Mikrofon in die Hand. Dies ist jene ägyptische Jugend, die damals in den Frühjahrstagen den Tahrir-Platz erobert und Mubarak gestürzt hat, die christliche Kreuze neben islamische Halbmonde auf ihre Plakate malt und für die Religion nicht im Mittelpunkt steht.

tahrir3Heute aber haben die Religiösen die größeren Bühnen und die lauteren Lautsprecher. Auf der Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes, wo einst die revolutionäre Jugend campierte, machen sich jetzt ältere bärtige Männer breit, und das dichteste Gedränge herrscht auf der südlichen Seite des Platzes, wo die religiösen Parteien ihre Kundgebung abhalten. Sie haben diese Demonstration organisiert, sie stellen damit ihre Mobilisierungsfähigkeit unter Beweis und inszenieren sich als eigentliche Gegenspieler zur Militärführung. Haben damit die religiösen Kräfte das Heft des Handelns an sich gerissen, um die Früchte einer Revolution zu ernten, welche andere gesät haben?

tahrir7Es gibt Parteien, die eben dies befürchten und deshalb auch der Demonstration ferngeblieben sind. Doch für jene studentischen, liberalen und linken Gruppen, die auf der Nordseite des Platzes ihre Bühnen und Banner aufgebaut haben, stehen erst einmal andere Anliegen im Vordergrund. „Liebe Militärführung, bitte geht zurück in eure Kasernen“, steht in Englisch auf einem ihrer Plakate. Dies würden auch die Religiösen unterstützen, die mit der Forderung durch die Straßen ziehen, dass bereits im April 2012 ein neuer Präsident gewählt und die Macht dann an eine Zivilregierung übergeben werden soll.

Für die Zeit danach haben die Gruppen, die heute gemeinsam demonstrieren, unterschiedlichste Vorstellungen, doch es kommt zu keiner Auseinandersetzung, zu keinem Handgemenge, vielmehr herrscht Volksfeststimmung und eine Atmosphäre der Toleranz. Der Tahrir-Platz ist zu einer großen Messe der Demokratie geworden, zu einem gigantischen Speakers’ Corner. Jeder kann sich bei einem Rundgang über den Platz mit den Forderungen fast aller Parteien vertraut machen, unzählige Flugblätter werden verteilt – und tahrir9neugierig gelesen. Jeder kann ein Transparent basteln oder eine Karikatur malen, sich damit auf den Platz stellen und eine Heerschar von Amateurfotografen anziehen. Wer zu einer politischen Gruppierung gehört, kann auf die Bühne klettern, das Mikrofon ergreifen, Sprüche skandieren und die Menge im Chor antworten lassen, bevor er das Mikrofon nach ein paar Minuten an den Nächsten weitergibt. Jeder kann sich mit ein paar Freunden zusammentun, einen spontanen Demonstrationszug bilden und austesten, wie viele Menschen sich diesem anschließen. Und jeder kann sich zu einer jener kleinen Grüppchen gesellen, die überall auf dem Platz herumstehen und über die Zukunft Ägyptens diskutieren.

tahrir11Gegen fünf Uhr geht die Sonne unter, und als aus den Lautsprechern die Rufe „Allah akbar“ zu dröhnen beginnen, knien die gläubigen Muslime auf der Südseite des Platzes zum Gebet nieder, und die bärtigen Männer auf den Bühnen wenden sich mit ihren Gesichtern gen Mekka und mit ihrem Rücken zum Publikum. Dann verklingt das Gebet, die politischen Einpeitscher übernehmen wieder die Mikrofone, und die Kundgebungen der religiösen Parteien beginnt sich aufzulösen. Und zugleich betritt ein neuer Akteur den Platz.

Sie kommen aus dem Norden, eine Gruppe von vielleicht hundert Jugendlichen, Parolen skandierend und Plakate vor sich her tragend, die Fäuste wütend in die Luft gestreckt. Vorneweg läuft eine junge Frau ohne Kopftuch, sie hält das einzige englischsprachige Plakat. „Der Militärrat soll abhauen“, hat sie darauf geschrieben, und: „Freiheit für Maikel, Freiheit für Alaa.“ Es scheint um die beiden prominenten inhaftierten Blogger zu gehen, die von Militärgerichten abgeurteilt worden sind. Nur zwei oder drei Minuten lang marschiert die Gruppe über den Platz, und als sie ihn in Richtung Westen wieder verlässt, ist aus ihr ein gewaltiger Demonstrationszug von mehr als tausend jungen Menschen geworden, manche von ihnen tragen ihren aufgeklappten Laptop mit sich. Mit wehenden Fahnen marschieren sie auf die Schnellstraße entlang des Nil, während einige junge Männer sich spontan als Ordner betätigen und die linke Spur frei halten, um die Autos auf dieser vorbeizuwinken.

tahrir12Erst vor dem Hochhaus des staatlichen Rundfunks machen sie halt. Es ist schon Schauplatz vieler Demonstrationen gewesen und deshalb wohl das am besten gesicherte Gebäude in der Innenstadt von Kairo. Mehr als mannshoher Stacheldrahtzaun trennt die Demonstranten von den Soldaten in grüner Uniform, die mit unbewegen Gesicherten und vor der Brust verschränkten Armen ihren wütenden Parolen lauschen. Mit Laserpointern und Taschenlampen leuchten die Jugendlichen in die Fenster der Radio- und Fernsehredakteure, doch kaum jemand zeigt sich auf den Balkonen, und niemand kommt heraus, um Verhandlungen zu führen. Nur das grüne Licht am Gittertor antwortet mit monotonem Blinken auf die Forderungen den Demonstranten.

Etahrir13s kommt nicht zum Sturm auf das Hochhaus, und es fallen auch keine Schüsse, stattdessen zieht nach etwa einer halben Stunde die Mehrheit der Demonstranten enttäuscht ab, zurück in Richtung Tahrir-Platz. Nur eine Minderheit bleibt und zieht sich schließlich in eine Nebenstraße zurück, in der eine lange Schlange von gepanzerten Mannschaftswagen der Polizei steht und die Helme der Polizisten ebenso im Laternenlicht funkeln wie die Sprühbehälter mit Tränengas. Während der Revolutionstage im Januar und Februar müssen sie überall präsent gewesen sein, doch jetzt sind sie aus dem Stadtbild von Kairo nahezu verschwunden. Nur den staatlichen Rundfunk sollen sie schützen, und nicht einmal dort haben sie heute einen Anlass zum Eingreifen.

Stunden später, zurück auf dem Tahrir-Platz. Noch immer herrscht Volksfeststimmung, doch es sind nicht mehr so viele Menschen unterwegs wie am Nachmittag. Die älteren bärtigen Männer sind verschwunden, und die Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes ist wieder fest in der Hand der Kairoer Jugend. Nur auf einer Bühne findet noch eine Kundgebung statt, der Redner wirkt jung und intellektuell, spricht ruhig und besonnen. Das Publikum ist bürgerlich und studentisch geprägt, viele der Frauen tragen keine Kopftücher, und das Gemälde auf dem Riesenbanner hinter der Bühne beschwört den Mythos des 25. Januar 2011: den Sieg eines wütenden und vereinten Volkes – Muslime und Christen, Liberale und Religiöse, Männer und Frauen, Kopftuchträgerinnen und Unverschleierte – gegen die schwarz uniformierten Schergen eines korrupten und abgewirtchafteten Regimes.

Und irgendwo auf der Südseite des Platzes ruft ein älterer Mann auf Englisch: „Jetzt wird endlich das Volk regieren, nicht mehr das Militär, nicht mehr Amerika und Israel.“ Und er fügt hinzu: „Inshallah.“ So Gott will.

2 Reaktionen zu “Zurück auf dem Tahrir-Platz”

  1. pamirblog.de » Blog Archiv » Die Rückkehr der Revolution

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  2. pamirblog.de » Blog Archiv » Durchatmen nach der Schlacht

    [...] Kundgebung aufgerufen haben. Es sind weniger als bei der von den religiösen Parteien angeführten Großdemonstration vor einer Woche, und es sind auch weniger als bei dem „Marsch der Millionen“ vor drei Tagen. Gut [...]

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